Fenerbahce – Besiktas 2:0

Im türkischen Topspiel dieses Spieltages empfing Fenerbahce zuhause Besiktas im Derby. Beide Mannschaften zeigten sehr unterschiedliche zwei Hälften und Fenerbahce konnte sich letztendlich mit einem 2:0 souverän durchsetzen, obwohl man nach einem starken Beginn in der zweiten Hälfte dem Lokalrivalen deutlich mehr an Spielanteilen überlassen hatte. Dennoch war der Sieg nicht unverdient, wenngleich sich Besiktas wohl ein Tor verdient gehabt hätte. Ein Treffer in der letzten Minute war die perfekte Antwort Feners auf die drückende Überlegenheit Besiktas‘; welche sich nach der ersten Halbzeit wohl niemand erwartet hätte.

Wechselwirkungen der jeweiligen Formationen

Grundformationen zu Beginn

Im Vergleich der beiden Systeme fällt zuallererst ins Auge, dass beide Mannschaften mit einem sehr ähnlichen 4-3-3 agierten. Genauer betrachtet konnte man aber feststellen, wie unterschiedlich das Spiel der beiden Teams in ihrer Schaltzentrale war, was sich schließlich auf die gesamte Mannschaft auswirkte. Fener spielte somit großteils ein System, welches viel mehr wie ein 4-2-3-1 wirkte. Besiktas hatte mit Toraman, Ernst und Kavlak drei eher defensive Spieler in der Mitte und lediglich Kavlak hätte nominell als offensiver Spielmacher agieren können – später im Spiel würde Besiktas allerdings eine interessante andere Alternative finden, doch dazu später mehr. Mit diesen drei als strategischer Durchspielpunkt war man deutlich weniger kreativ und fluid, als die Heimmanschaft, welche hier einen eindeutigen Vorteil hatte. Mit Alex genoss man einen individuell hervorragenden und dazu spielintelligenten Spielmacher, der defensiv Räume schließen und offensiv Positionen besetzen konnte. Ob knapp vor der Doppelsechs als Unterstützung oder gar als aufgerückter 10er in Nähe des Sturmzentrums, Alex beschränkte sich nicht auf seine klassischen Spielmacheraufgaben und tauchte mehrmals im Spiel in freien Räumen auf, anstatt von seinen Mitspielern das Öffnen solcher Räume zu fordern. Emre fungierte in diesem Kollektiv als Verbindung zwischen Alex und Cristian sowie der gesamten Defensive und Offensive, er band die einzelnen Strippen der jeweiligen Anspielpunkte in der Offensive.

Dadurch sorgte er zwar dafür, dass er als teilweise wie eine reine Durchgangsstation wirkte, aber mit seiner unauffälligen Präsenz kümmerte er sich um Alex und die Außenstürmer, die er immer wieder mit einfachen Anspielen und Seitenverlagerungen in Ballbesitz brachte. Stoch und Topuz machten das Spiel sehr breit und versuchten die gegnerischen Außenverteidiger nach hinten zu drücken, was Gönül und Ziegler zu raumfüllenden Aufgaben hinter ihnen zwang – Aufrücken, oftmals ohne Hinterlaufen oder offensive Effektivität war die Folge. Im Laufe des Spiels nahm diese offensive Beteiligung in Form unauffälliger Laufarbeit aber ab. Bei Besiktas spielten die Außenverteidiger zwar auf dem Papier defensiver, mussten allerdings ihre eigenen Außenstürmer verstärkt defensiv absichern. Simao hatte eine Freirolle und Holosko hätte das Spiel breit machen sollen, allerdings wirkten beide in der ersten Spielhälfte etwas blass. In der zweiten Halbzeit spielte Simao noch etwas tiefer und die gesamte Besiktas-Mannschaft bewegte sich höher auf dem Platz, was zu einer verbesserten Leistung der Einzelnen wie auch des Kollektivs führte.

Ecke – Tor

Es war eine Standardsituation, welche für die Führung Fenerbahces verantwortlich war. In diesem Bild ist gut zu beobachten, wie das Tor entstand. Jeder Spieler Fenerbahces hatte einen Gegenspieler und postierte sich auf dem langen Pfosten, während Besiktas zwei zusätzliche Spieler raumdeckend am kurzen Pfosten abstellte. Wichtig für das Funktionieren von Feners Ecke war, dass der Torhüter verunsichert wurde und weitere Spieler von hinten nachrückten. Indem sich die bereits um den Fünfmeterraum befindlichen Spieler kollektiv Richtung Ball bewegten, ohne reell eine Chance auf einen Kopfball zu besitzen, wurde Besiktas hinaus gelockt und teilweise verteidigten zwei Besiktas-Spieler absolut fehlerhaft gegen einen Fener-Spieler, der keine Gefahr ausstrahlte. Hinten wurde nun ein Spieler abgestellt, der diesen Raum für sich nutzen sollte und den Kopfball erhalten sollte – so geschah es auch. Aufgrund der großen Bewegung im Strafraum bewegte sich Besiktas‘ Torhüter instinktiv auf die Grundlinie beziehungsweise traute sich nicht entschlossen genug heraus und konnte somit ebenfalls effektiv aus dem Spiel genommen werden.

Wie Fenerbahce verteidigte …

so spielte Fenerbahce in der Defensive

Hauptverantwortlich für den Sieg des Gastgebers war ihre extrem flexible Defensive und ihre Viererkette im Speziellen. Oftmals sah die Formation wie eine Dreierkette aus, was daran lag, dass die Außenverteidiger sehr eng agierten. In der Raumdeckung spielten sie teilweise extrem konsequent und rückten sehr nahe an die Innenverteidigung heraus, fast konnte man sagen, dass man einen der beiden Innenverteidiger hinaus drückte. Durch den verengten Raum rückte je einer der beiden Innenverteidiger nach vorne und wurde vom defensiven Mittelfeld gut unterstützt, dadurch entstand ein Verteidigungssystem, welches zwei Dreierketten ähnelte. Vorteil dadurch war, dass man den zentralen Raum sehr gut versperrte und mit einem der gut verschiebenden defensiven Mittelfeldspielern jederzeit die gegnerischen Außenstürmer doppeln konnte. Verbreiterte Besiktas das Spiel, so reagierte Feners Abwehrkette darauf und der Innenverteidiger zog sich zurück. Die beiden Sechser ließen sich tiefer fallen und unterstützten die nun klassisch spielende Innenverteidigung mit dem Zustellen von Schnittstellen. Im Gegenzug machten die eigenen Außenstürmer das Spiel sehr breit und Alex suchte dazwischen die entstehenden Lücken für schnelle Befreiungsschläge. Auf dem Papier wirkte diese Aufstellung – verkappter Libero, eine Zehnerfigur und ein rein defensiver Sechser – sehr altmodisch, doch diese Rollen wurden flexibel und modern interpretiert, was für eine sehr ansehnliche taktische Leistung sorgte.

… und wie Besiktas darauf reagierte

Besiktas' verbesserte seine Mikrotaktik in Hälfte zwei

Nach der Halbzeitpause veränderte sich Besiktas‘ Spiel. Zu Beginn kann man anmerken, dass die Außenstürmer etwas flexibler spielten, um sich aus der gegnerischen Hybridformation in der Verteidigung zu befreien und Simao sich tiefer fallen ließ, um spielgestalterisch zu agieren. Die auffälligste Änderung jedoch betraf das zentrale Mittelfeld. Kavlak und Ernst tauschten öfters die Positionen, während Toraman sich an die Offensivausflüge der beiden anpasste. Letzterer verschob nämlich immer so, dass er sich in einer Halbposition befand, aus welcher er sowohl in seine angestammte Rolle als alleinige Sechs als auch als Nebenmann in einer Doppelsechs, rutschen konnte. Besonders profitierte davon Ernst, der sich sehr gut und extrem oft mit nach vorne bewegte und als primäre Anspielstation fungierte. Mit Simao und seinen beiden Partnern im defensiven Mittelfeld klappte das Zusammenspiel gut, man konnte Raum erobern und die Mannschaft zu einer höheren Stellung auf dem Spielfeld bewegen, doch problematisch war die Einseitigkeit und natürlich das Untertauchen des Mittelstürmers. Die Passwege zu ihm wurden konstant blockiert und da Holosko weiterhin nur sporadisch seine Fähigkeiten zeigen konnte, musste Besiktas sich selbst dabei zusehen, wie viele gute Ideen an mangelnder Bewegung und individuellen spieltaktischen Schwächen scheiterten. Nichtsdestotrotz war man in der zweiten Hälfte die klar spielbestimmende und absolut dominierende Mannschaft, zum Ausgleichstreffer reichte es trotz guter Versuche nicht.

Fazit

Es war ein gutes und knappes Spiel, welches ganz anders hätte ausgehen können. Fenerbahce spielte in Halbzeit eins stark, ließ in Halbzeit zwei nach und konnte dennoch mit einem guten Konter die Partie entscheiden. Besiktas wird sich ärgern, die Chancen in der zweiten Hälfte nicht genutzt zu haben und nun einen herben Punktverlust nehmen zu müssen. Es war ein gutes und wechselhaftes Spiel, welches wohl eine Punkteteilung verdient gehabt hätte – aber für beide Mannschaften wär ein Sieg nicht unverdient gewesen.

EG 8. Februar 2012 um 14:28

Danke, wirklich sehr gut analysiert.

Ich freue mich auch, dass wir endlich mal das Glück haben, eine Bericht zu lesen, der ein Istanbul Derby zusammenfasst.

Man muss, aber auch leider sagen, dass wir das Derby nicht von seiner besten Seite sehen konnte, da Besiktas ohne sehr viele Stammspieler auflaufen musste. Unteranderem fehlte Fernandes, der wohl das Herzstück der Mannschaft ist, sowie Ismail Köybasi, Almeider und natürlich Quaresma. Trotzallem kann man das nicht als Ausrede für die Niederlage nehmen.

Ich freue mich schon ganz besonders auf die Derbys, mit der Beteilung von Galatasaray.

Danke nochmals!

MfG

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