Bayer Leverkusen – VfB Stuttgart 2:2

Das Spiel der Enttäuschten – diesen Namen erhielt die Begegnung in der Bay-Arena zwischen den vom Ballack-Theater gezeichneten Leverkusenern und den Stuttgartern, welche zuvor vier Niederlagen in Serie verbucht hatten.

Nach dem Remis vom vergangenen Wochenende in Bremen, welches den Leverkusenern erneut nicht wirklich von der Stelle geholfen hatte, behielt der auch teilweise in der Kritik stehende Robin Dutt seine Formation in einer Raute bei. Personell gab es eine Veränderung auf der Rechtsverteidiger-Position, wo der junge da Costa für Neuzugang Corluka von Tottenham auf die Bank weichen musste.

Für Stuttgart war dies ein enorm wegweisendes Spiel, welches gewonnen werden musste, wollte man sich nicht endgültig im Abstiegskampf wiederfinden. Bruno Labbadia stellte nach der enttäuschenden 0:3-Heimpleite gegen Borussia Mönchengladbach einiges um und brachte gleich mal fünf neue Spieler in die Mannschaft, wobei er mit der personell sehr offensiven Ausrichtung überraschte.

Grundformationen

Stuttgarts „hohe“ Formation und das Orientieren an den Gegenspielern

Damit wählte Bruno Labbadia eine recht unorthodoxe Methode, um auf die Besetzung der Leverkusener Raute zu reagieren. Gegen das nominell sehr defensiv, tief und teilweise konservativ ausgerichtete Mittelfeld installierte er eine hohe und offensive Angriffsreihe mit gleich vier nominellen Stürmern, wobei Ibisevic den Mittelstümer-Part erhielt, Cacau sehr frei um ihn herum spielte, Okazaki etwas abwartender agierte und Schieber viele Kilometer auf der linken Seite machte, doch alle vier orientierten sich meist an ihren direkten Gegenspielern.

Zu Beginn der Leverkusener Angriffe bei Ballbesitz der Abwehrspieler zogen sich die Stuttgarter mit allen Feldspielern hinter den Ball zurück und profitierten dabei von der fehlenden Offensivstärke des Gegners, die vorne zum einen zu wenig natürliche Kreativität (Bender ist natürlich kein Spielmacher), zum anderen aber zu wenige Optionen hatten, weil Rolfes relativ tief spielte und auch Castro und Bender sich immer wieder fallen ließen, um den Ball abzuholen oder angespielt zu werden, womit man dann aber teilweise mit sieben Leuten hinter dem Ball oder auf gleicher Höhe spielte, was vorne jegliche Präsenz abgehen ließ.

Schritt der Angriff dann weiter voran und es gelang den Leverkusenern, den Ball nach vorne zu spielen, würden die Offensivspieler der Stuttgarter nicht mit nach hinten kommen, sondern sich an den tief im Raum bleibenden Gegenspielern (Reinartz, nicht beteiligter Innenverteidiger, Rolfes) orientieren, um die solide und wenig kreative Aufstellung Bayers zu kontern an den Schwachpunkten dieser Attribute zu erwischen.

Alles über rechts bei Bayer

Teilweise funktionierte dies ganz gut und Leverkusen konnte trotz fast 65 % Ballbesitz nur gelegentliche Torchancen erspielen, doch mit einigen Anpassungen und dem Fortführen der Eigenschaften aus dem vergangenen Spiel konnten die Hausherren die Initiative übernehmen und sich zur besseren Mannschaft aufschwingen.

Gegen Bremen hatte man schon erkennen können, dass die rechte Leverkusener Seite deutlich stärker war als die linke, doch es schien wie die ganze Formation nur eine speziell auf den Gegner bzw. die Aufstellung des jungen und unerfahrenen da Costa ausgerichtete Taktik zu sein. Mit dem wie Kadlec offensiven Corluka, dem immer wieder abdriftenden Castro, dem laufstarken und sehr athletischen Bender sowie Schürrle, der nun auch noch über rechts kam, fluteten die Leverkusener diesen Spielfeldbereich und versuchten durch lokale Überzahlsituationen zum Tor zu kombinieren.

Unglaubliche 54 % Prozent der Angriffe der Werkself kamen über diesen Bereich und machten sich auch durchaus bezahlt, wenn die Ausrichtung auch ein zweischneidiges Schwert war – es kam immer auf die Situation und das jeweilige Verhalten der Spieler an, ob die Taktik effektiv war oder nicht:

Licht und Schatten beim Ausspielen der Dominanz

Effektiv war es, wenn Corluka durch weites Aufrücken Schieber nach hinten drückte, damit die Höhe der Stuttgarter Formation aufbrach und gleichzeitig zwei Spieler band sowie das Spiel breit hielt. Weil dann im Zentrum Kvist und Gentner alleine waren und insbesondere Letzterer hinter sich einen Raum öffnete, konnten Castro, Bender und Schürrle im halbrechten Zentrum hervorragend kombinieren und sorgten bei diesem Angriff durch die Mitte für etwas Abwechslung – so entstand das 1:0.

Effektiv war es bei einem Angriff, der wirklich über Außen ging, wenn Corluka durch eine sehr hohe oder eine sehr tiefe Stellung die Gegner wegzog, einige Bayer-Spieler von rechts den Angriff starteten und dann horizontal auf die andere Seite bzw. ins Zentrum verlagerten, wo z.B. Kadlec oder Rolfes immer wieder einrücken und nahe des Strafraums abschließen konnten (z.B. 6. Spielminute).

Dagegen war es nicht effektiv, wenn Corluka zwar aufrückte, aber Castro sich dann wie ein Rechtsverteidiger in seine Position fallen ließ. So konnte nämlich Molinaro Corluka übernehmen, während Schieber sich nun einfach Castro annahm, so dass die Stuttgarter nicht in Bewegung gebracht wurden und einfach ihre Ordnung halten konnte. Leverkusen kam dagegen in keine kreiselnde Bewegung wie bei der obigen Variante und hatte Probleme, sich diagonal zum Tor hin zu spielen, weil Bender und Schürrle sich hintereinander in einer individuell günstigen Position anboten, aber das Dreieck zwischen ihnen zu flach war, um sich in Richtung Tor kombinieren zu können. Man war selbst eingeengt und musste einen recht schwierigen, meist hohen Pass spielen – genau so eine Situation gab es vor dem 2:1, als gegen die auf dem engen Raum dann logischerweise in Breite wie Tiefe auch enger stehenden Stuttgarter keine Gefahr mehr zu entstehen drohte, Bender den Ball kaum kontrollieren konnte, aber dann einen Elfmeter geschenkt bekam.

Stuttgart meist über links, aber zu harmlos

So wie Bayer eine bevorzugte Angriffsseite hatte, spielten die Stuttgarter auch vor allem über die linke Seite. Sicherlich hoffte man, dass Leverkusen hier ein paar Lücken zu Kontern lassen würde, doch weil man dort primär verteidigen musste, konnte man über jene Flanke sofort einen Gegenangriff vortragen. Dass mit Molinaro der offensivere Außenverteidiger, mit Schieber der offensivere Flügelspieler und mit Gentner der deutlich offensivere zentrale Mittelfeldspieler auf links sich versammelten, verstärkte das Ganze zusätzlich.

Durch den tiefen Leverkusener defensiven Mittelfeldspieler Stefan Reinartz als zusätzliche Absicherung gegen den Stuttgarter Sturm wurden außerdem die beiden Angreifer der Schwaben voneinader isoliert, was das Spiel des VfB auf die Außen abdrängte und den deutlich mehr ins Spiel eingebundenen Stürmer Cacau eben auf die linke Seite.

Zu diesem Spiel hatten die Gäste allerdings keine Alternative und auch keinen Spieler, der eine Verbindung zu einem anderen Spielfeldbereich hätte schlagen. So hatte Okazaki auf rechts ganze drei Pässe auf seinem Konto, während seine Kollegen sich auf links festliefen und nur durch gelegentliche von Reinartz´ tiefer Position gewährte Distanzschüsse Gefahr verströmten, was Schieber dann in seinem Freistoßtor zusammenfasste.

Fazit

Insgesamt verlagerte sich das Spiel also stark auf eine Seite (54 % der Leverkusener Angriffe über rechts, 42 % der Stuttgarter über links), fuhr sich dort allerdings aufgrund des kleinen Raums und der daraus resultierenden Ballverluste, Fehler und Zweikämpfe fest, so dass keine Mannschaft den endgültigen Zugriff in diesem intensiven Kampf erreichen konnte. Leverkusen war zwar überlegen und spielerisch etwas stärker sowie variabler, doch nach Kadlec´ Platzverweis konnte man dies nicht mehr aufrechthalten und musste noch den Ausgleich hinnehmen.

Bei Leverkusen fehlt über die gesamte Saison hinweg Stabilität, so dass auch im Umfeld weiterhin keine Ruhe einkehren wird. Für Stuttgart geht es nächste Woche gegen die Hertha. Noch stärker als diese Partie dürfte jener Krisengipfel dann den Weg weisen, doch die Berliner in der aktuellen Form sollten für den VfB zu schlagen sein.

Franca 6. Februar 2012 um 18:04

Ich habe nicht verstanden, warum für den verletzten Bender der offensiv starke, aber abwehrschwache Sam gebarcht wurde, (der sich dann leider auch noch verletzte). M. E. hätte für Bender ein Spieler wie Ballack, Okcypa oder auch Da Costa gebracht werden müssen, die nicht nur offensiv, sondern defensiv hilfreich sein können.

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Danni 5. Februar 2012 um 15:53

Wirklich schade, dass Leverkusen nun im zweiten Spiel der Rückrunde wieder keine 3 Punkte geholt hat. „so dass auch im Umfeld weiterhin keine Ruhe einkehren wird“ sehe ich nicht so. Das Thema Ballack ist doch nur ein Medienthema. Oder meint jemand ManCity hätte ohne die Streitereien mit Teves auch nur einen Punkt mehr?
Leverkusen hat 30 Minuten lang mit 10 Mann gespielt. Um die Punkte ist es ärgerlich, dennoch war es wieder ein Schritt nach vorne. Gegen Dortmund sind uns mit oder ohne 3 Stammspieler 0 Punkte sicher, genau wie allen anderen Bundesligavereinen 😉

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TR 5. Februar 2012 um 15:55

Naja, also Völler und Holzhäuser sind da ja schon selbst am Schießen und damit auch involviert – und das ist für mich keine Ruhe.
Die Sache mit Dutt gibt es ja auch noch, Diskussionen um ihn wegen des Rückstandes auf die CL.

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Philipp 5. Februar 2012 um 17:30

Immerhin hört man von der Trainer-Diskussion nicht mehr so viel.

Für mich müsste es wenn eine Sportliche-Leitungs-Diskussion geben: Vidal für 10 Mio verkaufen und deswegen 30 Mio künftige CL-Einnahmen verspielen…

Bei Sahin wurde der sportliche Verlust immerhin zugegeben. Und konnte mittlerweile sogar kompensiert werden!

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ode 7. Februar 2012 um 12:55

Vidal wollte wohl weg. Da kann man besser die Kohle nehmen… Und besser ihn ins Ausland abzugeben… Neben Sahin der beste Spieler der letzten Saison…

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Philipp 5. Februar 2012 um 14:07

Ja, unglaublich wie sich die Leverkusener alle auf rechts gegenseitig auf den Schlappen gestanden haben…

Und, dass Bender tatsächlich 10er war! Hatte ich zwar auch erst so gesehen, aber mich doch darüber gewundert und als „er läuft halt viel“ abgetan.

Dass Schürle endlich wieder Stürmer spielt, find ich gut! Warum Friedrich spielen darf und Toprak auf der Bank sitzt, verstehe ich nicht. Was Dutt’s System ist, begreife ich eigentlich auch nicht… so richtig Raute ist das ja auch nicht… Thema Ballack ist wohl eine Prinzip-Entscheidung wie bei Löw!

Kein Plan, wie man sich nicht jetzt gegen Barca und auch den aktuellen Tabellenführer NICHT blamieren will.

Oh und sehr viele Karten im Spiel, dabei war es doch (bis zur Treter-Aktion gegen Schürle) eigentlich sehr fair!

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