Liverpool FC – Manchester United 2:1

„Spiele gegen Liverpool sind die besten“, so Sir Alex Ferguson vor dem großen Derby im FA-Cup.

Grundformationen

Während United ohne Rooney und Nani mit einem eher konservativ ausgerichteten 4-3-3 auflief, überraschte Kenny Dalglish vor allem mit dem Einsatz von Jamie Carragher als Sechser eines 4-1-4-1/4-3-3. Luis Suárez stand nicht zur Verfügung, während Kuyt, Bellamy und Adam zunächst allesamt auf der Bank Platz nehmen mussten.

Charakter des Spiels

Insgesamt war es eine eher ereignisarme und langsame Partie, in der beiden Teams die nötige Geschwindigkeit sowie Kreativität und Präsenz im letzten Drittel fehlten, um gefährlicher zu werden. All diese genannten Punkte hingen wesentlich mit den jeweiligen Ausrichtungen zusammen – dazu weiter unten mehr.

So kam es, dass Liverpool mit 13 Abschlussversuchen noch mehr zu verbuchen hatte als die Gäste, wobei in beiden Fällen die meisten Schüsse außerhalb des Strafraums zu lokalisieren sind. Die Verteidigungsarbeit war insgesamt über weite Strecken gut, was dazu führte, dass die Lokalrivalen sich gegenseitig neutralisierten.

Liverpool

Was zunächst als das von Dalglish bereits einige Male verwendetes 3-4-3/3-5-2 aussah, entpuppte sich schließlich als bereits erwähntes 4-1-4-1/4-3-3 mit Steven Gerrard und Jordan Henderson auf den Halbpositionen im zentralen Mittelfeld, welche die Angriffe nach vorne trugen und einleiteten. Über die Flügel sollte der Ball anschließend bei Stoßstürmer Carroll, von dem man sich Luftvorteile gegenüber Smalling und Evans erhoffte, oder erneut bei den Mittelfeldspielern landen.

Dafür bekamen auf den Außen Downing und vor allem Maxi immer wieder Unterstützung von den Außenverteidigern sowie den zentralen Mittelfeldspieler. Erstgenannter versuchte es einige Male auf einige Faust und mit dem Abschluss nach einem Lauf nach innen, während sich beim Spielzug über die linke Flanke Henderson von rechts hinüber bewegte und als zusätzliche Anspielstation im Offensivspiel mit zu wirken versuchte. In diesen Situationen agierte Gerrard dann als Strippenzieher der Spielzüge.

Aufgrund der Tatsache, dass die beiden bekannt defensivstarken United-Flügel Park und Valencia stark zurückarbeiteten und auch das Zentrum dank der eigenen Formation gut dichtgehalten wurde, gab es für Liverpool kaum ein Durchkommen: Auf außen zeigte man zwar gute Momente im Dreicksspiel oder beim Hinterlaufen, doch United konnte mit Disziplin und Defensivstärke diese Ansätze meistens noch rechtzeitig entschärfen, während die invers aufgestellten Flügel sowie die vorstoßenden Mittelfeldspieler nicht genügten, um das Loch im offensiven Mittelfeld – schon gar nicht gegen die drei United-Spieler dieser Zone – zu kompensieren.

Ein weiteres Mittel waren eben längere Bälle auf Carroll, doch dessen Dominanz im Luftduell kam nicht so klar zum Vorschein, wie man sich das von Seiten der Hausherren erhofft hatte. Dennoch war es letztlich die Kopfballstärke, die den Führungstreffer brachte, als Agger nach 20 Minuten nach einem Eckstoß einköpfte – nicht zum ersten Mal wirkte de Gea bei hohen Bällen unter Bedrängnis unsicher, seltsamerweise stellte man die Provokation solcher Szenen nach dem Tor aber ein.

Mit der Führung im Rücken konnte man sich weiter zurückziehen und öfters auf Konter spielen, was der Mannschaft besser zu bekommen schien. Nach Ballgewinnen trat häufig die Situation ein, dass Gerrard viel Raum hatte, um mit dem Ball am Fuß durch das Mittelfeld zu marschieren, weil Scholes und Carrick relativ tief standen, so dass sie kaum zweite Bälle erobern konnten, und auch weiter zurück wichen.

Auf diese Weise konnte sich Liverpool recht einfach aus Phasen des Drucks befreien und den Ball nach vorne tragen, doch United hatte genug Akteure hinter dem Ball, um die Konter großteils ineffektiv zu machen. Andererseits musste man so immer wieder aus der Tiefe gegen einen geordneten Gegner anfangen und hatte kaum Ballgewinne im Gegenpressing – dieser Faktor des tiefen Mittelfeldes machte also beide Teams weniger gefährlich.

Manchester United

Besonders nach der Führung für die Reds folgte das Spiel einem klaren Schema, welches Manchester United in der spielmachenden Rolle sah. Liverpool positionierte sich als Einheit nun sehr tief und machte es United schwer, Lücken zu finden.

Problematisch war dabei, dass Scholes und Carrick zwar gut und präsent am Ball waren und das Spielgerät immer wieder verteilten, aber zu viel vor dem gegnerischen Verbund spielten und nicht in ihn eindrangen. Weil außerdem Welbeck zwischen den beiden Innenverteidigern und dem sehr tief spielenden Carragher eingeengt und damit vollkommen isoliert war und die beiden Flügelspieler recht breit standen und damit ebenso abgeschnitten waren, fehlte es Manchester in der Offensive an Durchschlagskraft.

Giggs und Park rochierten und wechselten immer wieder vom linken Flügel ins Zentrum und umgekehrt, wobei Giggs in der zentralen Rolle zu stur über halblinks kam, was Park besser machte – von ihm gingen im letzten Drittel die Impulse für das Spielen in den gegnerischen Deckungsverbund hinein aus, er bewegte sich auch auf die rechte Seite hinüber und löste damit die abgeschnittene Situation Valencias auf, doch zu zweit waren sie – wie auch Giggs, der sich bei Flankenversuchen mehrmals an Kelly festlief – trotz ordentlicher Ansätze noch zu alleine.

Der Schlüssel waren dann die beiden Außenverteidiger, die sich zu lange zurückhielten, womit man aber – abgesehen von den gelegentlichen Vorstößen Scholes´, die zusammen mit der Giggs-Park-Rochade Carragher sofort merklich verwirrten – praktisch sechs Spieler auf Ballhöhe bzw. dahinter gehabt hatte. Als sie sich dann vermehrt durch Kombinationen oder Hinterlaufen einschalteten, wurde es sofort gefährlich – nach einem schönen Spielzug über rechts bereitete Rafael das 1:1 durch Park (39.) vor und auch Evra hatte nun einige gefährliche Aktionen.

Zweite Halbzeit und Siegtor

Nach der Pause änderte sich zunächst wenig am Gesamtbild – erst die Auswechslung Carraghers nach einer Stunde markierte einen Einschnitt. Zwar hatte man Welbeck sehr stark abgesichert, doch das Bearbeiten von wechselnden Gegenspielern fiel der alternden Legende von Anfield nicht nur beim Gegentor sichtlich schwer, als Park freistehend abschließen konnte. Als gelernter Verteidiger war er für den Spielaufbau und die Spielgestaltung keine große Hilfe, so dass er praktisch keine Aufgabe hatte und somit „getrost“ ausgewechselt werden konnte.

Gleichzeitig musste auch Maxi weichen und es kamen Kuyt und Adam in die Partie, was defensiv nichts an der Strategie veränderte, aber bei Ballbesitz das System zum üblichen 4-4-2/4-3-3 werden ließ, was den Spielern sichtlich besser gefiel und wieder zu mehr Dominanz im Mittelfeld beitrug.

Für die Schlussviertelstunde stellten beide Trainer mit den Einwechslungen von Bellamy respektive Chicarito auf ein 4-4-2 um, was das Mittelfeld etwas öffnete und für mehr Tempo sorgte. Liverpool war ohnehin immer stärker geworden und übernahm nun mehr und mehr die Initiative, während United etwas unter der Auswechslung des souveränen Scholes litt.

Das Siegtor fiel dann schließlich zwei Minuten vor dem Ende in feinster Manier des Kick´n´Rush, nachdem Carroll einen langen Schlag Reinas für Kuyt vorbereitete. Am Ende machte sich die Kopfballstärke des Rekordtransfers in der Schlacht um den Sieg doch noch bezahlt.

Fazit

Es war kein gutes Spiel, welches Liverpool letztlich etwas glücklich für sich entschied, da man im entscheidenden Moment das Glück und die Lufthoheit hatte, als man sie brauchte. Für die Fans der Reds dürfte dies angesichts der „nur“ soliden sportlichen Situation ein schönes Erlebnis gewesen sein, für United bleibt erneut die Erfahrung, dass man nach tollem Start in die Saison mit vielen verschiedenen Problemen zu kämpfen hat. Nun zählt die Liga und das Titelrennen mit Lokalrivale City.

YNWA 28. Januar 2012 um 23:02

Hallo,
danke für die Analyse! Habe sogar ein neues Wort gelernt „Provokation“ 🙂

Carrol hat in der Tat seinen Job sehr gut gemacht. Es tut im Herzen weh, dass Carragher seinen Abschied nimmt, denn im 4-1-4-1 ist sonst Lucas auf jeden Fall vor ihm und seine Rückkehr als Innenverteidiger wird wohl nur noch im Verletzungsfalle kommen.

Das war übrigens nicht nur ein „schönes“ Erlebnis als LFC-Fan, sonder ein sehr, sehr schönes…

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