Das Dortmunder Ausscheiden in der Königsklasse

In der Liga Spitze, in der Champions League mit nur vier Punkten aus sechs Partien ausgeschieden – woher kommen bei Borussia Dortmund die eklatanten Unterschiede zwischen nationaler und internationaler Ebene? Ein statistischer Erklärungsversuch.

„Man kann das Spiel als Spiegelbild der Champions League bezeichnen. Wir haben alles umgesetzt, was wir uns vorgenommen haben, waren ruhig, zielstrebig, diszipliniert und dennoch flexibel. Wir sind hochverdient in Führung gegangen und haben dann Fehler gemacht. Davon wurde einer sofort hart bestraft. Marseille hat aus drei Chancen drei Tore gemacht. Das ist hart, aber so ist auch unsere Champions-League-Saison.“ Mit diesen Worten kommentierte BVB-Coach Jürgen Klopp das Ausscheiden seiner Mannschaft. Mit dem 2:3 gegen Olympique Marseille konnten sich die Dortmunder nicht einmal für die Europa League qualifizieren.

Der Vergleich Bundesliga/Champions League deutet auf eine ähnliche Spielweise in beiden Wettbewerben hin (Passanzahl und Ballbesitz). Die Genauigkeit im Abschluss wie auch im Passspiel war allerdings deutlich niedriger in der Königsklasse. Den Berechnungen liegen Daten von whoscored.com zugrunde.

Offensiv ohne Durchschlagskraft

In der Tat war das Abschlussspiel ein Sinnbild der Dortmunder Champions League Saison: Mehr Ballbesitz, mehr Torchancen, und doch ging man am Ende als Verlierer vom Platz. Bereits im Hinspiel wie auch in den Partien gegen Arsenal hatte man gut mitgehalten, am Ende konnten sie aber höchstens einen Punkt erobern. Ein Blick auf die Torschussstatistik verdeutlicht dieses Paradoxon: Mit durchschnittlich 14 Schussversuchen pro Spiel waren die Schwarz-Gelben in diesem Bereich klar vor den Gruppengegnern. Hier offenbart sich ihrer Hauptschwächen in der Königsklasse: Aus zu vielen Chancen machten sie zu wenig Tore. Welcher BVB-Fan erinnert sich nicht mit Grauen an die Partie in Marseille, als Lewandowski und Co. Chance um Chance ausließen, um am Ende unverdient mit 0:3 nach Hause geschickt zu werden?

Die Dortmunder Schwäche im Abschluss ist keineswegs nur ein Problem bei internationalen Auftritten. Auch in der Bundesliga sind sie mit knapp 17 Schüssen pro Spiel Ligaspitze, sind mit 30 Treffern nur im Mittelfeld bei der Chancenverwertung. Lewandowski und Götze ließen in den sechs Partien genug Chancen liegen, die anderen Teams für drei Champions League Gruppenphasen gereicht hätten. Aber nicht immer waren die Torabschlüsse auch qualitativ hochwertig: Gerade zu Saisonbeginn suchten die Spieler häufiger den Abschluss aus der zweiten Reihe. Auch in der Champions League fielen zwei der sechs Treffer nach Schüssen außerhalb des Strafraumes. Zu selten strahlen diese Fernschüsse jedoch Gefahr aus.

Die häufigen Versuche, aus der Ferne ein Tor zu erzielen, hängen auch mit dem schwachen Passspiel im letzten Drittel zusammen. Mehr als einmal konnten sie sich im Mittelfeld gut durchkombinieren, scheiterten dann aber mit ihren Flanken und Schnittstellenpässen an der gegnerischen Abwehr. Die Genauigkeit im Passspiel, die sie in der Bundesliga so auszeichnet, war in der Champions League nicht gegeben. Obwohl sie nahezu genauso viele Pässe wie in der heimischen Liga spielte, war ihre Passgenauigkeit in der Königsklasse über 5% schlechter. Ihr letzte Saison so starkes Spiel hinter die gegnerische Viererkette kam fast gar nicht zur Geltung, kein einziger Treffer wurde nach solch einem Pass erzielt.

Zu viele verlorene Kopfballduelle

Systemabweichung: Sonst immer im 4-2-3-1 auftretend, wählte Klopp im Rückspiel gegen Piräus ein 4-1-4-1/4-3-3 - mit Erfolg!

Aber auch im Spielaufbau hatte der BVB zu oft mit Problemen zu kämpfen. Besonders die Innenverteidiger Hummels und Subotic brachten wesentlich weniger Bälle zu ihren Mitspielern als sonst. Dies war umso alarmierender, als dass die beiden Innenverteidiger eine wichtige Funktion in der Ballverteilung beim BVB haben. Während die zentralen Mittelfeldspieler meist nur Quer- oder Rückpässe spielen, ist speziell Hummels für das vertikale Spiel verantwortlich. Im europäischen Wettbewerb konnten diese Vorlagen nicht so präzise gespielt werden. Gerade die langen Bälle aus der Verteidigung fanden zu selten einen Abnehmer.

Dass die hohen Bälle zu selten beim Mitspieler ankamen, hängt eng mit der Dortmunder Kopfballschwäche zusammen. In einer Gruppe, in der physisch starke Teams aufeinandertrafen, kann die Verwertung langer Bälle ein entscheidender Faktor sein. Mit 40% gewonnenen Kopfballduellen sind sie in dieser Statistik mit Abstand Gruppenletzter. Bedenkt man die Kopfballstärke der Gegner bei gleichzeitiger Ausnutzung langer Bälle (insbesondere Piräus und auch Marseille spielten viele dieser Pässe), war dies ein entscheidender Faktor. Der BVB hätte diesem entgegensteuern können, indem sie den Ball flach hielten. Dadurch dass sie selber ab und an die hohe Spieleröffnung wählen, spielten sie den Gegnern in die Karten, die in dieser Disziplin klar überlegen waren.

Hinzu kommt eine alte Binsenweisheit: Je enger das Leistungsverhältnis zwischen zwei Mannschaften, umso entscheidender können Standardsituationen werden. Der BVB erzielte keinen einzigen Treffer direkt nach einem Eckball oder einem Freistoß, überhaupt machten sie kein einziges Kopfballtor. Gerade wenn die eigene Offensive die entscheidenden Akzente nicht setzen kann, sind es Standardsituationen, auf die ein Top-Team im Zweifel vertrauen kann. Hier liegt auch ein großer Unterschied zu Bayer Leverkusen, die schwache Auftritte durch Tore nach Standards kaschieren konnten.

Anfällig über die Außen

Die Kopfballschwäche der Dortmunder wird durch eine genaue Betrachtung ihrer Gegentreffer untermauert: Vier der insgesamt zwölf Gegentreffer fielen nach Standartsituationen (zwei Eckbälle, eine Freistoßflanke, ein Elfmeter).  Zudem fielen sechs der acht aus dem Spiel kassierten Tore nach Angriffen, die von einer Flanke eingeleitet wurden. Durch Angriffe durch die Mitte fingen die Dortmunder nur zwei Tore, denen jeweils eklatante individuelle Fehler vorausgingen – das 0:1 gegen Arsenal nach einem unbedrängten Fehlpass in der eigenen Hälfte sowie das 0:1 gegen Marseille, bei dem Subotic wegrutschte und so den Weg für seinen Gegenspielern frei machte.

Die zahlreichen Gegentore nach Spielzügen über die Flügel werfen aber auch die Frage auf, warum die Borussia so viele Flanken zuließ. In der Theorie ist es leicht erklärt: Die Außenverteidiger Piszczek und Schmelzer spielen recht risikoreich nach vorne. Beide haben ihre Stärken in den Vorstößen, nicht in der Verteidigung – besonders beim Polen ist dies kein Wunder, ist er doch ein gelernter Stürmer. Die Dortmunder versuchen daher oft, die Angriffe des Gegners in die Mitte zu lenken, wo mit Bender und Kehl zwei sehr zweikampfstarke Spieler warten. Zudem ist in der taktischen Grundordnung der Dortmunder vorgesehen, dass die Außenverteidiger möglichst oft nach vorne stoßen sollen, damit die Außenstürmer in die Mitte ziehen und Überzahlsituationen schaffen können.

Die Flankenanfälligkeit einzig auf die offensive Rolle der Außenverteidiger zu schieben wäre aber zu einfach. Nicht alle Treffer, die der BVB nach Flanken fing, fielen nach schnellen Kontern, in denen Schmelzer und Piszczek ihre Positon verlassen hatten. In vielen Situationen waren es nicht nur die Abwehrspieler, die Situationen schlecht verteidigten; so fiel das 0:1 im Rückspiel gegen Arsenal beispielsweise, nachdem sich Großkreutz, Piszczek und Kehl allesamt von Song ausspielen ließen. Es scheint eher so, dass die Gegner explizit den Weg über die Außen suchten, um die kompakte Zentrale der Dortmunder zu umgehen. Dennoch bleibt zu konstatieren, dass – ohne die Stärken von Piszczek und Schmelzer abwerten zu wollen – beide (noch) nicht europäisches Top-Niveau haben. Ihre verlorenen Eins-gegen-Eins Situationen an der Grundlinie waren häufiger Ausgangspunkt für die Dortmunder Gegentreffer.

Die Mär von der Konteranfälligkeit und der Erfahrungslosigkeit

Viele Kritiker bemängelten, dass Klopp in den ersten drei Partien der Champions League seine Mannschaft zu offensiv agieren ließ. Dies habe Tür und Tor für den Gegner geöffnet, damit die Champions League erfahrenen Gegner ihre schnellen Konter fahren konnten. Die Faktenlage zeigt, dass der BVB gerade einmal drei Gegentreffer nach Konter fingen. Zwar waren zwei davon die wichtigen 0:1-Rückstände gegen Arsenal und Marseille, jedoch gingen diesen jeweils große individuelle Fehler voraus. Besonders der oben erwähnte Fehlpass von Kehl gegen Arsenal war weder vom Gegner provoziert noch hatte er etwas mit der eigenen offensiven Ausrichtung zu tun. Es war also keineswegs so, dass der BVB sich hinten entblößte und so den Gegner zum Toreschießen einlud.

Debattierbar ist allerdings, ob der BVB offensiv nicht mit einer Kontertaktik besser gefahren wäre. Dadurch dass der BVB den Gegner stark attackierte und das Spiel an sich zu reißen versuchte, wurden die Schwächen in der Ballverteilung offensichtlich. Allerdings steuerte Klopp im Heimspiel gegen Piräus und beim Auswärtsauftritt in London diesem Trend entgegen und ließ seine Mannschaft kompakter und konterbetonter spielen. Gereicht hat es nur gegen Piräus, gegen Arsenal war man in den entscheidenden Situationen nicht gedankenschnell genug, siehe das 0:1.

Diese oftmals fehlende Konsequenz und Geschwindigkeit bei Defensiv- wie Offensivaktionen begleitete den BVB in dieser Champions League Saison. Viele führen diese Defizite auf die mangelnde internationale Erfahrung der jungen Truppe zurück. Doch hätte sich bei einer erfahrenen Truppe viel geändert? „Erfahrung schießt keine Tore. Passgenauigkeit, Schussgenauigkeit, Spielintelligenz, physische Stärke, sowas schießt Tore“, konstatierte 44², selber Taktikblogger, vor einiger Zeit in unseren Kommentaren. Und das trifft es auf den Punkt. Zumal die spielentscheidenden Fehler sehr oft von den wenigen Spielern kamen, die eigentlich eben jene Qualität besitzen: So waren zwei der ältesten Spieler, Kehl (31) und Piszczek (26), nicht nur an einem Gegentor beteiligt. Eine Mannschaft verliert oder gewinnt, weil sie bestimmte Dinge richtig oder falsch macht.

Fazit

Die Champions League- und die Bundesligasaison der Borussia mit unterschiedlichen Maßstäben zu messen, täte ihrer Leistung unrecht. Vielmehr ist die Champions League wie eine Lupe, die Fehler und Schwächen eines Teams vergrößert und offenlegt. So ist die Kreativlosigkeit im letzten Drittel, die mangelnde Inspiration im Spielaufbau sowie die Chancenverwertung auch gegen heimische Gegner zu Saisonbeginn ein großes Problem gewesen, doch gegen Teams wie Augsburg oder Kaiserslautern kommen diese Faktoren nicht so deutlich zum Tragen wie gegen ein englisches Top-Team oder gegen den französischen Vizemeister.

Insgesamt verkauften sich die Dortmunder in der Champions League nicht schlecht, in den wichtigen Momenten fehlte aber offensiv die Durchschlagskraft sowie defensiv die Kopfballstärke und die Zweikampfstärke auf den Außen. Der BVB machte schlicht zu viele Fehler.

Majo 9. Januar 2012 um 19:15

Für meine Begriffe ist der Grund für das Ausscheiden in der CL aufgrund einer falschen Herangehensweise im mentalen Bereich zu finden. Die CL-Spiele wurden zu Festtagen ausgerufen – und so spielte die Mannshaft dann auch. Sehr dominant und immer darum bemüht, etwas für Festakte taugliches zu bringen. So wurden im Bestreben auf Ballbesitz Bälle im Spiel gehalten, die in der Buli kompromisslos auf der Tribüne gelandet wären. Wenn das in die Hose ging, kehrten die Gegner kurz die Reste zusammen und bedankten sich artig. CL Niveau halt.
Meine These ist folgende: wenn die Mannschaft die CL ein bisschen weniger honigkuchenpferdgrinsend angegangen wäre, hätte sie andere Ergebnisse erzielt. Damit weise ich dem Vorwurf der mangelnden Erfahrung mal etwas konkretes zu, nur sehe ich dass eben mehr in der Handlung der sportlich Leitung begründet, und nicht im jungen Alter der Spieler.

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Kersten 5. Januar 2012 um 16:55

Wie immer eine sehr detailreiche und messerscharfe Analyse, die auch noch richtig gut zu lesen ist. Danke dafür!

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bernd 16. Dezember 2011 um 19:51

Vielen Dank für diese gelungene Analyse und auch für die angeregte Diskussion in den Kommentaren. Nun möchte ich auch selbst noch inhaltliche Ergänzungen bzw meine Sicht der Dinge beitragen:

1.) Mangelnde Physis – kommt für mich jetzt so in der Diskussion rüber, als ob dem BVB diese Qualität in der Erfolgsformel schlicht fehlt. Ich würde hingegen behaupten, da Physis im Regelfall in umgekehrter Abhängigkeit zu Qualitäten wie Agilität, Schnelligkeit und Laufvermögen steht, dass der „Mangel an Physis“ viel mehr einer der entscheidenden Erfolgsfaktoren für den BVB war und ist. Auch das große Barcelona ist schließlich keine physisch starke Mannschaft. Wie du (TE) schon richtig andeutest, hätte man hier viel mehr den Ball flachhalten sollen um somit die eigenen „Schwächen“ zu kaschieren und im Gegenzug die eigenen Stärken herauszukehren.

2.) Stellt sich demzufolge nur die Frage, ob das „kleine und flache“ Spiel wirklich die Stärke der Dortmunder ist. Meines Erachtens fehlen dafür dann wiederum die technischen Fähigkeiten im Spielaufbau besonders bei den beiden 6ern. Wie User „sunny“ ja auch schon sagt macht sich das Fehlen von Sahin in dieser Hinsicht stark bemerkbar. Bender hat sich wunderbar entwickelt und ist sicher noch nicht am Ende seiner Fahnenstange angekommen, aber neben ihm ist ein großes Loch. Die These, dass Sahin fehlt lässt sich auch ganz gut an den Spielen zum Ende der letzten Saison ablesen. Ich erinnere mich, als man am 31. Spieltag ohne Sahin gegen die abstiegsbedrohten Gladbacher gewinnen „musste“ und der BVB sich kaum qualitative Chancen gegen dicht stehende Fohlen herausspielen konnte und so verdient(!) 1:0 verloren hat.

3.) Da schließt für mich auch mein dritter Punkt an, denn genau in einem solchen Spiel offenbarte sich dann die allgemeine Schwäche im Spielaufbau(multipliziert durch den Ausfall von Sahin). Das Konterspiel war (besonders in der Hinrunde) letzte Saison oft der Schlüssel zum Erfolg und erst später musste man sich daran gewöhnen aus der Rolle des „Favoriten“ zu agieren. Letzteres hat sich dann auf die neue Saison sowohl in Buli, als auch in die CL übertragen. Zumindest in der CL hätte man meines Erachtens noch verhaltener agieren und die „Kontertaktik“ fahren können.

4.) Ich finde die Analogie der CL als „Lupe“ nur teilweise zutreffend. Die kurze Gruppenphase der CL ist nämlich nur eine ziemlich kleine Stichprobe. Dazu kommt, dass oft nach den ersten Spielen die rechnerischen Konstellationen die Trainer schnell in ein taktisches Korsett zwängen (+ die Spielchen mit der „Wettbewerbsverzerrung“). Dementsprechend würde ich genau gegenteilig argumentieren und auch die durchschnittlich höhere Qualität der Gegner ändert daran nichts. Der User 44² hat hier ja auch geschrieben, dass der BVB zu Saisonbeginn ähnliche Probleme in der Buli hatte und diese dann durch die Mehrzahl an Spielen dort zu kaschieren vermochte. Genau da setzt mein gegenläufiger Denkansatz an, denn die Qualität einer Mannschaft lässt sich für mich einfach nicht in kleiner Stichprobe feststmachen. Ich würde deshalb vielleicht eher formulieren, dass deine Analyse die Lupe ist und die CL-Gruppenphase eher eine wichtige Spur/Hinweis auf der Suche nach der wahren Verortung der Dortmunder…um mal ungefähr im Sprachgebrauch der Analogie zu bleiben 😉

So…würde mich freuen, wenn diese Denkanstöße die Runde vllt nochmal neu beleben. Grüße

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Doerk 15. Dezember 2011 um 22:28

Die These „Erfahrung schiesst keine Tore“ ist mir zu simpel. Die Dortmunder Mannschaft war in Europa keinesfalls in der Lage, das Spielniveua aus der Bundesliga abzubilden.

Das hat aus meiner Sicht auch sehr viel mit Erfahrung zu tun. Es geht in der CL einfach auch darum, dass man im Durchschnitt die Heimspiele gewinnt (9 Punkte) und die Auswärtsspiele unentschieden spielt (3 Punkte). Die Spiele in Piräus udn Marseille hätte man mit einer vernünftigen Ausrichtung nicht verloren. Da fehlte es nciht nur den Spielern, sondern auch dem Trainer an der richtigen Balance, sprich Erfahrung.

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44² 16. Dezember 2011 um 08:13

Bei dem Piräus-Spiel geb ich dir Recht. Das Marseille-Spiel auf die Ausrichtung zu schieben geht aber m.E. weit an der Realität jenes Spiels vorbei.

„Die Dortmunder Mannschaft war in Europa keinesfalls in der Lage, das Spielniveau aus der Bundesliga abzubilden.“

Das war sie eben doch. Wenn man in der Bundesliga besser gewesen wäre, hätte man in Hannover nicht verloren, hätte man gegen Mainz kein Glück gebraucht, hätte man gegen Hertha gepunktet. Bei der BuLi-CL-Gegenüberstellung wird dauernd vergessen, dass der BVB in der Phase der Hinspiele auch in der Bundesliga Probleme hatte. Nur weil man in der Liga mehr Gelegenheit hatte, die Scharte auszuwetzen.

Die Rückspiele konnte man in der CL aber genau so gestalten wie Bundesliga-Spiele. Das Arsenal-Rückspiel war fast deckungsgleich mit dem vorhergehenden Bayern-Spiel und ist wegen zwei Verletzungen und zwei isolierten Situationen auf die andere Seite gekippt, wie es auch in München hätte passieren können. Die erste Halbzeit im Marseille-Rückspiel war sogar eine der besten Saisonleistungen und das Spiel wäre ohne die eigentümliche Wettbewerbssituation niemals gekippt.

Das einzig wirklich wettbewerbsspezifische (neben der natürlich höheren Qualität der Gegner, im Schnitt) waren die Piräus-Spiele, weil man die bereits mit dem Rücken zur Wand bestritt und sich das psychologisch niederschlug. Darauf hat Klopp im ersten Spiel leider nicht reagiert und mit dieser Erfahrung im Gepäck im zweiten dann schon.

Weil die „Erfahrung schießt keine Tore“-These aus meiner Feder schon zum zweiten Mal angeprangert wird: Der nächste Satz hieß dann „Erfahrung bringt Qualität“. Natürlich nützt Erfahrung einem Spieler etwas. Es ging mir um die Vergleichbarkeit und die Genauigkeit: Man kann nicht sagen Spieler A ist besser als Spieler B (oder Team A ist besser als Team B) wegen höherer Erfahrung. Ein 18jähriger kann so abgezockt sein wie ein alter Hase (man denke an Götzes Last-Minute-4:3 letzte Saison in Lviv) und ein alter Hase kann genau so nervös sein wie ein Jungspund (man denke an Kehls Fehlpässe im Arsenal-Hinspiel).

Wenn man eine Analyse mit Substanz betreiben will, dann muss man schauen, um welche Qualitäten es ging. Und Erfahrung ist eben keine Qualität, sondern nur eine Quelle für Qualität. Zu sagen „die Mannschaft hat nicht genug Erfahrung“ ist wie zu sagen „die Mannschaft hat nicht genug Talent“. Stimmt im Grunde immer beides, bringt aber garnichts. Das ist mystifzierend und nicht erklärend.

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Robert 9. Dezember 2011 um 19:15

Danke für die interessante Analyse. Und auch die guten Beiträge dazu.

Ich habe Dortmund innerhalb des letzten Jahres zwar lediglich zweimal live im Stadion gesehen, beide Male auswärts in München, aber danach war ich mir jeweils sicher dass sie eine CL-Gruppenphase überstehen. Das sie in dieser Gruppe Letzter werden hätte ich nicht erwartet.

Interessant fand ich die These von Heinz. Evtl. sind die Kenntnisse über die Liga tatsächlich höher als über die drei Gruppengegner. Das die Vorbereitung und Einstellung auf Bayern leichter gefallen ist als beispielsweise auf Marseille erscheint mir sehr plausibel.

Und treffend ist die Analyse von sharpe. Ich bin auch überzeugt dass die psychologische Komponente eine wichtige Rolle gespielt hat. Zumindest ist die Anzahl der eklatanten individuellen Fehler zwischen Liga und CL deutlich unterschiedlich, wie ja auch im Fazit beschrieben. Ich denke in der Liga schafft es Klopp sehr geschickt den Druck von der Mannschaft zu nehmen. Vermutlich ist das in der CL schwieriger. Vor allem wenn man das erste Heimspiel wie beispielsweise auch ManCity nicht gewinnt.

Deswegen bin ich mir nicht sicher ob die Aussage „Erfahrung schießt keine Tore“ nicht ein wenig vereinfachend ist. Ich könnte mir schon vorstellen dass man so eine Gruppenphase routinierter und selbstbewußter angeht wenn man es schon ein-/zwei-/dreimal gemacht hat. Erfahrung diesbezüglich sollte hier vielleicht nicht unbedingt einzig am Alter der Spieler festgemacht werden.

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Sunny 9. Dezember 2011 um 16:59

(Nachdem ich hier schon einige Spielanalysen gelesen habe, finde ich, dass das Wort lächerlich für den Versuch einer objektiven Analyse nicht so glücklich gewählt ist.)

Zur allgemeinen Reaktion auf das Ausscheiden: Es sind auch schon andere deutsche Vereine als Gruppenletzte ausgeschieden, etwa 2001/2002 und 2002/2003. Nur damals waren Internet, Online-Ausgaben der Zeitungen und Foren noch nicht so verbreitet. Das Rauschen im medialen Blätterwald hat sich ganz einfach potenziert. Überregionale Zeitungen versuchen ihre überregionale Leserschaft mit teils sich widersprechenden Artikeln zu befriedigen, und leider muss man ja sagen, dass der BVB ein gefundenes Fressen geboten hat, auf das sich alle stürzen (mMn), gerade wenn man nur die reinen Ergebnisse betrachtet. Ich für meinen Teil habe z.B. im taktischen Bereich Fortschritte bzw. eine Anpassung an die internationale Ausrichtung erkennen können, nur muss man natürlich auch gewillt sein diese zu sehen.

Ich habe gestern noch einmal ein Spiel aus der letzten Saison gesehen (natürlich nur, um das hier Gelernte anzuwenden;) ). Dabei ist mir aufgefallen, wie sehr sich das Spiel nach Sahins Weggang verändert hat. Wie er die Bälle im Mittelfeld verteilt hat, unglaublich. Die Pässe wurden auch gegen starke Gegner mit hoher Sicherheit in den 16er gespielt. Da gibt es einfach noch keinen adäquaten Ersatz, der auch die nötige Ruhe und Selbstsicherheit verbreitet. Gerade wenn die halbe Stammelf ausfällt (gegen Marseille 2. HZ inkl. Schmelzer fünf, der Rundungsfehler sei mir nachgesehen), fällt dies natürlich umso mehr auf.

Zudem wurde in einem englischen Blog darauf hingewiesen, dass in den letzten beiden Spielen die Gegenmannschaften sehr robust und abgezockt zu Werke gegangen sind („Dortmund might have been disappointing but in my opinion they were kicked to shreds in their last two matches“, „From that point of view Arsenal should have had two straight reds for holding the foot down on a player who was about to shoot“, „Also, last time I checked there was no rule saying that a foul in the box does not result in a penalty if the team of the fouled player already had one…“). Hier fehlen, glaube ich, die Erfahrungswerte. Unter diesem Aspekt sehe ich seitdem, ehrlich gesagt, das Kreieren von Einfädelungsversuchen und leicht fallenden Spielern etwas anders. (Die FIFA fordert ja übrigens die Einführung von Profischiris – Howard Webb hat sicherlich keine Werbung für seinen Berufsstand gemacht.)

Mit meinem letzten Absatz möchte ich sagen, dass man wohl unter allen Umständen versuchen sollte, die ersten Spiele zu gewinnen, um sich gar nicht erst dem enormen Zugzwang in den letzten Spielen aussetzen zu müssen. Vielleicht lässt sich so auch die eine oder andere verletzungsträchtige Situation von vorneherein vermeiden. Das haben sich die Spieler wahrlich nicht verdient.

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Dirichlet 9. Dezember 2011 um 15:09

Die Analyse ist gut aber ehrlich gesagt kommt mir bei der ganzen Analyse das Verletzungspech von Dortmund ein bisschen zu kurz.

Schmelzer fiel am Anfang der Saison verletzungsbedingt aus und brauchte dann einige Zeit um danach für sein kräftezehrendes Spiel wieder in Form zu kommen.

Mit Lucas Barrios fehlte uns der Topstürmer der letzten beiden Saison (zumindest hat er bisher noch keine Spielpraxis).

Mit Subotic, Bender und Götze vielen 3 der absoluten Säulen für einen Großteil der letzten beiden Spiele aus.

Jetzt auf Dortmund rumzuhacken weil sie es mit ihrem Etat nicht schaffen so viele Ausfälle in ihrem Kader auf CL-Niveau abzufangen halte ich für lächerlich vor allem wenn gleichzeitig überall die Bayern für das weiterkommen gefeiert werden obwohl die nach dem Ausfall von nur eines einzigen Spielers (Schweini) in der Buli erstmal 3 Wochen fast gar nichts auf die Reihe bekommen haben.

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vonChrismarck 9. Dezember 2011 um 01:41

Alles sehr interessant. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich die Konterthese erst gestern noch vertreten habe.

Ich will nicht gemein sein, aber es ist nicht das erste Mal, dass Dortmund international in der Gruppenphase ausscheidet.
Meine Frage wäre, ob die Situation mit der jetzigen vergleichbar war oder eventuell sogar die selben Ursachen hatte. Und ob man im Vergleich einen Fortschritt erkennen konnte.

Die schlechte Nachricht ist ja, dass sich das Problem nicht von selbst löst (wenn man annimmt, dass es nicht an der „Erfahrung“ lag) . Und im nächsten Jahr wird der Druck aufgrund des doppelt erlebten Ausscheidens noch viel größer sein.

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Heinz 8. Dezember 2011 um 15:31

Gratulation zum obigen Artikel, eine exzellente Analyse!
Aus meiner Sicht spielt es auch eine entscheidende Rolle, dass der BVB (vor allem das Trainerteam, aber auch die Spieler) die Gegner in der Championsleague viel weniger kennt als gegnerische Mannschaften in der Bundesliga. Ich halte wirklich sehr viel von unserem Trainerteam und glaube, dass Klopp und seine Co-Trainer die Mannschaft exzellent auf die gegnerischen Mannschaften in der Bundesliga vorbereiten und einstellen. Diese hochprofessionelle Taetigkeit ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor fuer das erfolgreiche Abschneiden des BVB in der Bundesliga. Und genau diese Trumpfkarte sticht in der Championsleague weniger, weil da das Trainerteam einfach weniger ueber die Gegner weiss.

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isabella 31. August 2012 um 22:41

das trainerteam könnte aber auch mehr spiele der gegner analysieren! vielleicht haben sie dem zu wenig aufmerksamkeit geschenkt !
dieses jahr werden sie definitiv besser eingestellt sein, aber gegen real und man city wirds sehr schwer!

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Daniel 8. Dezember 2011 um 12:49

Diese Analyse ist schon recht detailliert, geht aber meines Erachtens völlig am Thema vorbei.

Im Übrigen ist der eine Außenverteidiger, denen du keine europäische Klasse unterstellst, der beste Rechtsverteidiger der Liga, während der andere es immerhin geschafft hat einen Robben im Bayernspiel auszuschalten. Und letztlich ist solch eine Einschätzung nur sinnvoll, wenn man nicht nur die erfolgreichen Flanken, sondern alle 1gegen1- Duelle beider Spieler mit einbezieht. Ich finde es angesichts der in der Liga vorhandenen spielerischen individuellen Klasse einfach absurd, Dortmund diese in Europa absprechen zu wollen.

Der Grund, wieso der BVB in ihren wichtigen letzten beiden Spiel verloren haben ist schlicht und ergreifend der Verlust ihrer beiden wichtigsten Spieler.
Gegen Arsenal fehlt erst Bender und dann auch noch Götze. Man hat seinen wichtigsten Balleroberer im Mittelfeld mehr und wenn man noch Pressing betreiben will, müssen die Außenbahnspieler diesen Part übernehmen, können also wie gegen Bayern die gegnerischen Winger nicht mehr doppeln. Außerdem kann ein Götze nicht mehr für Entlastung sorgen bzw. im Dribbling gegnerische Spieler binden.

Gegen OM passiert ja effektiv dasselbe. Man kann nicht mehr auf seinen gerade aufgebauten offensiven 6er bauen und muss mit Gündogan einen Spieler ohne wirkliche Matchpraxis aufstellen. Dann verliert man den einzigen defensiven 6er, den man noch hat, daneben mal wieder den kreativsten Offensivakteur und schwimmt in der zweiten Halbzeit völlig im Mittelfeld.

Dortmunds Trumpfkarte, Gegenpressing, beruht nun mal in erster Linie auf den zweikampfstärksten Spielern. Und wenn diese fehlen, dann sollte diese taktische Ausrichtung eigentlich nicht mehr funktionieren.

Die Frage, die sich mir stellt ist da nicht, wieso man verloren hat, sondern wieso man erst so spät und so niedrig verloren hat. Das wirft meines Erachtens kein so gutes Licht auf Arsenal und OM, wenn sie einem derart angeschlagenen Gegner nicht früher den Todesstoß versetzten können.

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TE 8. Dezember 2011 um 15:29

Ich muss dir in einigen Punkten wiedersprechen. Was die Außenverteidiger angeht: Sicher, Pizczek und Schmelzer sind keineswegs Allerweltsspieler, sondern gehören zur Bundesligaspitze. Aber man muss das meiner Meinung nach differenzierter betrachten. Was die Beiden so stark macht, ist ihre Dynamik in der Vorwärtsbewegung. Defensiv haben sie nunmal Defizite, die nicht im taktischen Bereich, sondern im physischen Bereich zu finden sind. Wer sich die Gegentore des BVBs in der CL anschaut, erkennt bei der Hälfte, dass bei konsequenterer Zweikampfführung eines Außenverteidigers die Flanke hätte verhindert werden können. Und solche Aspekte treten in der Königsklasse stärker zum Tragen als gegen Lautern oder Augsburg in der Liga, wo ihre Offensivqualitäten mehr herausstechen.

Zu den Sechsern: In der Tat, wenn man die letzten beiden Spiele betrachtet, ist deine These sehr plausibel. Diese beiden Spiele sind aber nicht der Grund, warum der BVB ausgeschieden ist. Genickbrechend waren die Hinspiele, die allesamt hätten gewonnen werden können / müssen. Gegen OM am Dienstag ging es spätestens in der zweiten Halbzeit um nichts mehr. So sehe ich den Ausfall der Sechser nicht als Hauptgrund, denn sowohl Bender als auch Kehl waren in den entscheidenden Spielen zu Anfang der Champions League fit und in Form. Zudem das Gegenpressing gegen Arsenal im Rückspiel nicht unbedingt ein Hauptthema war, schließlich funktionierte ihr Pressing hier sehr gut, vielmehr kam hier die Schwäche auf den Außen (0:1) und die Kopfballschwäche zum Tragen. Auch der Ausfall Götzes trifft nur auf die letzten beiden Spiele zu. Das Ausscheiden des BVBs auf das Verletzungspech zurückzuführen, geht meiner Meinung nach an der Realität der ersten drei Spiele vorbei.

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Sunny 8. Dezember 2011 um 17:01

Mmh, ich bin natürlich kein Experte, aber ich hatte es eigentlich so verstanden, dass der BVB seine taktische Ausrichtung für die CL-Spiele mehrfach geändert hat – vom „naiven Aufspielen“ über das Verwalten zu Hause gegen Piräus bis zum hohen Pressing gegen Arsenal und das kontrollierte Auftreten im letzten Spiel. Natürlich sind die Chancen in den ersten Spielen vergeben worden, aber gerade gegen Arsenal war doch mMn deutlich zu sehen, dass die beiden Korsettstangen des taktischen Gerüsts (Bender und Götze) von Perisic und Leitner nicht ersetzt werden konnten. Auch im Spiel gegen Marseille konnte da Silva Kehl nicht ersetzen, und Götze zieht a) Verteidiger auf sich und b) verwirrt mit Seitenwechseln, womit die Franzosen anfangs ja auch Probleme hatten. Man hat also versucht, mit geänderten taktischen Ausrichtungen versucht, geschickter zu spielen und aufzuholen, wobei dann die Verletzungen natürlich nicht geholfen haben. Das trifft natürlich nur für die letzten drei und nicht für die ersten Spiele zu. Vielleicht sollte man das hier einfach differenzierter betrachten?

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Bari 8. Dezember 2011 um 15:56

Kann TE und 44² oben nur zustimmen. Die Verletzungen haben eben nur Einfluss auf die letzten zwei Gruppenspiele gehabt, wenn überhaupt. Das Spiel in Piräus zum Beispiel, bei dem Dortmund ja in Bestbesetzung angetreten ist, hätte niemals verloren gehen dürfen.
Die Leistung gegen Robben kann man sicherlich nur bedingt als Gradmesser verwenden, denn schließlich war es das erste Spiel des Niederländers nach einer sehr langen Verletzungspause.
Zu argumentieren, dass die nicht so hohe Niederlage ein schlechtes Licht auf Arsenal oder OM wirft, finde ich schon sehr abwegig. Es durfte eben keinen Todesstoß, wie Sie ausdrückten: BVB war „tot“. Diese Mannschaften Taten eben das aller nötigste und sind erfolgreich weitergekommen. BVB betrieb dabei brotlose Kunst – wenn es eine „Kunst“ überhaupt ist, nicht so hoch zu verlieren…

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44² 7. Dezember 2011 um 21:27

„Die Dortmunder versuchen daher oft, die Angriffe des Gegners in die Mitte zu lenken“

Uiuiui, bist du dir da ganz sicher? 😉 Meistens wird doch vorallem das Zentrum zugepackt und der Gegner kommt wenn überhaupt mal über außen durch (wie du dann ja noch richtig schreibst).

Ansonsten geb ich dir weitestgehend Recht. Man muss einfach sagen, dass Dortmund physisch hinten liegt im internationalen Vergleich. Das war letzte Saison schon gegen Paris und Sevilla deutlich, diese Saison gegen Marseille und (vermeintlich überraschenderweise) auch gegen Piräus wieder. Das ist auch nur logisch, weil man halt kein Geld hat. Schnelligkeit und Robustheit kostet eben viel Geld, weil die jeder Klub halbwegs gut einschätzen kann. Man darf nicht vergessen, dass Marseille und Piräus eigentlich die Gruppe hätten dominieren müssen, wenn man die Transferausgaben der letzten Jahre zugrunde legt. Marseille hat da in den letzten vier Jahren über 50 Millionen verpulvert, Piräus über 30. Dortmund ungefähr 5. Arsenal hat sogar ein Plus gemacht die letzten Jahre, aber die fahren diese Ausbildungsmasche eben schon viel viel länger als Dortmund.

Dortmund kann über seine taktische Stärke die individuellen Defizite mehr als ausgleichen, aber wenn man mal kollektiv einen schwächeren Tag erwischt, dann wird man schnell anfällig. Die kleine Systemkrise zu Saisonbeginn und das Pech taten ihr übriges. Ich denke so wird es nicht nochmal laufen.

Ein wenig widersprechen muss ich noch bzgl der Konter-Offensive: Man hat gegen Arsenal im Hinspiel ja auch genauso angefangen wie im Rückspiel. Auch in Marseille ist man mit Kehl-Bender als Doppelsechs eigentlich in der passiveren Variante angetreten. Jeweils war man dann einfach dazu gezwungen mit viel Ballbesitz zu spielen, weil der Gegner in Führung lag und nicht mehr hinten herauskam. Dann kann man halt nicht kontern. Und gestern sah man ja gegen Marseille, dass man per Konter (2. Hz) nicht zwangsweise effizienter ist als mit dominanter Spielweise (1. Hz). Achja – gegen Arsenal hat man in den Konterphasen auch kein Tor gemacht. Der einzige wirkliche Strategie-Fehler von Klopp und Co war wohl, dass man das Spiel in Piräus zu forsch angegangen ist, denke ich.

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sharpe 8. Dezember 2011 um 09:08

hab ich taktisch alles genauso gesehen, den Vergleich mit den Transferausgaben finde ich aber nicht passend. Da werden mir Marseille und Piräus zu stark geredet. Glaubst du wirklich, dass Dortmund individuell Defizite gegenüber Marseille und Piräus hat? Ich nicht. Und taktisch sind sie ihnen überlegen. Eigentlich sind der BVB und Arsenal die klar besten Mannschaften in dieser Gruppe. Und dass, obwohl Arsenal wirklich auch weit hinter der Form des Vorjahres herhinkt. Trotz ihrer hohen Transferausgaben gebe ich Marseille nur gg Nikosia und Benfica eine Chance im Achtelfinale. Wäre der BVB Zweiter geworden, wäre er neben AC Milan der undankbarste Gruppenzweite. Ich würd mir Marseille als Gegner für Bayern wünschen. Ich glaub eher, dass die schwachen BVB-Spiele psychologisch bedingt waren. Spätestens nach oder schon während dem äusserst unglücklichen Spiel in Marseille war auch das Vorjahr wieder in den Köpfen, und man wollte krampfhaft beweisen, dass man auch international mithalten kann und krampfhaft geht im Fussball gar nix. Lockerheit und Selbstbewußtsein haben gefehlt, nach jedem Gegentor hatte man das Gefühl, sowohl im Stadion als auch bei Betrachtung der Spieler: „war ja klar, alles läuft gg uns, wir können machen, was wir wollen, alles hat sich gg uns verschworen.“ Und wenn das mal in den Köpfen drin ist, hat man wirklich fast keine Chance mehr.

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laberrhabarber 8. Dezember 2011 um 13:00

Sehe ich ähnlich. „Erfahrung schießt keine Tore“ – das stimmt sicher. Aber Erfahrung trägt dazu bei, von bestimmten Situationen weniger beeindruckt zu sein und abgeklärter mit ihnen umzugehen. Ich hatte in etlichen Spielen das Gefühl, die im Vergleich zur Bundesliga ungleich höhere Nervosität geradezu mit den Händen greifen zu können.

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44² 8. Dezember 2011 um 15:28

Kam vielleicht etwas übertrieben rüber. Ich seh es nicht so, dass Dortmund individuell tatsächlich unterlegen wäre. Der Verweis auf die Transferausgaben war nur ein Hinweis darauf, dass auch hinter einem Team wie Piräus mehr steht als man zuerst im Ohr hat. Es ist nicht so, dass man reingeht und erstmal klar die in allen Belangen besseren Spieler hat. Was Robustheit, Schnelligkeit und Abschlussstärke betrifft hat man durchaus Defizite, dafür ist man überlegen was Ballsicherheit und Spielintelligenz angeht.

Weiter unten meint Daniel: „Ich finde es angesichts der in der Liga vorhandenen spielerischen individuellen Klasse einfach absurd, Dortmund diese in Europa absprechen zu wollen.“

Die Sache ist aber die, dass man schon in der Liga kaum Teams hat, denen man physisch überlegen ist. Man ist meistens auf Augenhöhe und dominiert dann durch taktische und spielerische Mittel.

Diese Mittel sind ja international genau so da, deshalb war man ja eben in 9 von 12 Halbzeiten die klar dominierende Mannschaft. Aber physisch sind Piräus und Marseille sehr stark, das hat man ja gesehen. Ich seh da diesbezüglich in der Bundesliga nur Bayern stärker.

Und durch diese Stärke werden Fehler sehr stark offen gelegt. Wie TE richtig schreibt – eine Lupe. Bestes Beispiel Marseilles Anschlusstreffer am Dienstag, wo man quasi in der gesamten Halbzeit EINEN Fehler macht, aber die Flanke kommt dann Weltklasse, Piszczek wird ausbeschleunigt (wieviele Bundesligaspieler können das gegen Piszczek?) und schon frisst man das Tor.

Auf der anderen Seite kriegt Lewandowski in der zweiten Halbzeit drei megagefährliche Konter abgelaufen – wenn da keine Marseille-Verteidiger stehen, sondern Kyrgiakos und Chris, dann werden da halt schnell mal eins, zwei Tore draus und man führt plötzlich 4:1 statt 2:1. Solche Kleinigkeiten entscheiden dann halt die Spiele, wenn man sich mal eins, zwei schwache Phasen zu viel leistet. Und in den ersten drei Spielen hatte man eben etwas zu viele schwache Phasen. Begründung siehe mein Blog („Die BVB-Krise Teil 3“). Da hab ich nochmal detailliert die psycholigischen Eigenarten des Saisonstarts aufgedrieselt.

Oder das 1:0 in Marseille: Ein Mal zu ungeduldig ins Gegenpressing gerannt (der Fehler), dann rutscht einer aus (das Pech) und dann schießt Ayew das Ding aus 17 Metern am Gegenspieler vorbei genau ins Eck (die individuelle Klasse). Diese drei Faktoren haben sich zu Dortmunds Ausscheiden multipliziert. Wer denkt, das hätte was mit dem Wettbewerb zu tun, dem empfehle ich den ersten Spieltag der vergangenen Saison. Da ist gegen Leverkusen genau das gleiche passiert. Gegen starke Teams kann das nunmal passieren.

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TE 8. Dezember 2011 um 15:39

Hast natürlich Recht, die Angriffe wurden ja meist auf die Außenverteidiger gelenkt… Danke für die Korrektur.

Das mit der Konter-Offensive bezog sich hauptsächlich auf das Piräus-Spiel, wo man ja nach früher Führung aus einer sehr kompakten Ordnung spielte. Und meiner Meinung nach agierte man im Rückspiel gegen Arsenal zu Beginn nicht ganz so aggressiv wie im Hinspiel – kein Wunder, war ja auch ein wichtiges Auswärtsspiel. Ansonsten würde ich Klopp auch keine Taktikfehler ankreiden, habe ich aber oben im Text auch nicht getan. Dass man mehr Konter hätte spielen sollen, ist ja eine These, die jeder je nach Fußballweltansicht für sich entscheiden kann. Genickbrecher waren aber in der Tat die individuellen Fehler sowohl in der Defensive als auch im Abschluss, da sind wir uns wohl einig.

Nebenbei, ist 44quadrat.de jetzt die Hauptadresse für deinen Blog? Dann ändere ich nämlich die Links in unseren Lesempfehlungen.

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44² 8. Dezember 2011 um 16:26

Also ich verteile immer nur die 44quadrat.de, aber das Ding liegt weiterhin auf dem Server von r-quadrat.

Zum Arsenal-Spiel – dann hätte man vielleicht aggressiver attackieren sollen, dann hätte man vlt so viele Chancen generiert wie in der Hinspiel-Anfangsphase. ^^ Nee…aber ich meine, dass die Herangehensweise schon sehr ähnlich war. Arsenal hat allerdings nicht so viele Fehler gemacht wie im Hinspiel. Das lag aber glaub ich an den Gunners und nicht am BVB.

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Sebastian 7. Dezember 2011 um 20:50

Poste eigentlich nie etwas, aber wollte nur mal schnell den Autor loben. Gerade der letzte Absatz und das Wortspiel mit der Lupe finde ich sehr gelungen und liest sich gut.

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datschge 7. Dezember 2011 um 20:33

Schöne Herausarbeitung der generellen Kopfball- und Standardschwäche.

Die Unzulänglichkeiten einzelner Spieler (Kehl, AVs usw.) fallen mMn direkt auf den Trainer zurück, dessen Aufgabe es ist, die passenden Spieler mit einer Strategie einzusetzen, die deren Stärken multipliziert und die Auswirkung deren Schwächen minimiert. Das schafft Klopp in der BL ziemlich gut, in der CL offensichtlich bis auf gegen Piräus gar nicht. Ich hätte defensivere, auf Konter ausgehende Grundausrichtungen (wie der BVB gezwungenermaßen z.B, gegen Werder spielte) für vielversprechender gehalten. Dazu muss man aber auch wieder anmerken, dass dem BVB die defensivstarken Spieler im Kader momentan extremst ausgehen ().

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SammyKuffour 7. Dezember 2011 um 19:02

Ahem, Marseille ist nicht der amtierende französische Meister, das ist der OSC Lille.

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TE 7. Dezember 2011 um 19:14

Danke für den Hinweis, habe es sofort geändert. Der Fehler tut mir Leid!

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