Chelsea – Valencia 3:0

Es war ein entscheidendes Spiel für Valencia wie auch für Chelsea – und seinem Trainer André Villas-Boas. Eine vergleichsweise schwache Saison der Blues sorgt dafür, dass der junge Coach von vielen Seiten kritisiert und wegen seiner taktischen Ausrichtung attackiert wird. Seine Philosophie sei nicht Chelsea-gerecht und zu offensiv für die englische Liga, man agiere mit einer zu hohen Abwehr, welche von langsamen Spielern wie John Terry nicht gespielt werden könne. Bislang weigerte sich der UEFA-Cupsieger der letzten Saison seine Philosophie zu ändern und forderte immer „mehr Zeit“, doch gegen Valencia schien er diese Worte vergessen zu haben. Mit einer Spielausrichtung, welche auch dem vermeintlichen Vorbild José Mourinho alle Ehre gemacht hätte, gewann man im heimischen Stadion 3:0 gegen den starken Gegner aus Spanien – mit nur 39% Ballbesitz wohlgemerkt.

Wechselwirkung der jeweiligen Formationen

Grundformationen zu Beginn des Spiels - Valencia drückt Chelsea nach hinten ein, den Londonern gefällt das

Die Gäste planten ein 4-2-3-1, doch aufgrund der unerwarteten und extrem tiefen Stellung des englischen Gegners sah das Spiel ganz anders aus. Mit einer Art 4-2-4, in welchem die Außenverteidiger extrem aufrückten und Albelda vor den breit agierenden Innenverteidiger absicherte, drückte man Chelsea nach hinten. Valencia versuchte durch Mathieu und Alba auf der linken Außenbahn das Spiel breit zu machen und so im Zentrum öffnen zu können, doch dies schlug fehl, denn Ivanovic orientierte sich oftmals etwas zentraler und generell agierte die Viererkette Chelseas sehr eng. Die kompakte Aufstellung des Gegners und Ivanovics asymmetrische Rolle öffneten zwar die linke Seite etwas, wovon ein paar Angriffe kamen, doch Soldado erhielt nur sehr wenig Bälle und damit war der effektivste Spieler Valencias zur Wirkungslosigkeit verurteilt, Jonas, welcher als hängender Stürmer agierte, musste oftmals weite Wege nach hinten gehen und sich die Bälle im Mittelfeld holen. Feghouli auf der rechten Außenbahn hingegen zog einige Male ins Zentrum und füllte das entstandene Loch, während Barragan hinter ihm sehr offensiv spielte und einige Male die Seite alleine besetzte. Besonders einfach gelang ihm dies, weil Mata nicht nur sehr defensivorientiert spielte, sondern auch in seinen Offensivvorstößen meistens durch die Mitte bzw. eine Halbposition kam, somit also in den Aufgabenbereich eines anderen Valencia-Spielers fiel. Wichtig hierbei die aufgerückte Rolle des zweiten Spielers der spanischen Doppelsechs, Tino Costa war viel beim Pressen unterwegs und fungierte als eine Schaltstation zwischen Angriff und Abwehr, vor Albelda und hinter Jonas.

Diese eigentlich sehr richtige und intelligente Taktik brach aber an der extremen numerischen Unterzahl in der gegnerischen Hälfte. Wie bereits erwähnt spielten die Blues sehr tief, die Viererkette postierte sich nur knapp oberhalb der Strafraumgrenze und Ivanovic orientierte sich mehrmals etwas Richtung Zentrum, war sogar der offensivere der beiden Außenverteidiger, was allerdings großteils an seinem Vordermann lag. Da sich Mata oftmals ins Zentrum bewegte und von dort aus das Spiel machte, musste Ashley Cole zwar etwas aufrücken, um dem Spiel die nötige Breite zu geben, doch da die generelle Ausrichtung eine defensive war, konnte er sich nie bis ins letzte Spielfelddrittel vorarbeiten, da dies ein großes Loch in die eigene Abwehr gerissen hätte.

Bei Ivanovic hingegen hatte er mit Sturridge zwar sogar den offensiveren Partner auf seiner Seite, doch agierte dieser sehr weit auf dem Flügel und war eine Mischung aus Außenmittelfeldspieler und einem verkappten Mittelstürmer, während Mata viel mehr ein Spielmacher von der Seite aus war, wie es unter anderem David Silva bei Manchester City verkörpert. Mit Ramires auf der halbrechten Position hatte man außerdem den dynamischeren und offensiveren Mittelfeldspieler auf seiner Seite, konnte von Oriol Romeu auf der Sechs geplanter abgesichert werden und die Löcher in der eigenen Hälfte waren geringer. Falls dieses kleine Loch aber ausgenutzt werden würde, hatte man mit David Luiz auch noch den dynamischeren der beiden Innenverteidiger, was zu einer erleichterten Stopfung dieser Schnittstelle geführt hätte. Meireles links auf der Doppelacht mit John Terry hinter sich konnte ein so riskantes System natürlich nicht spielen, wie man in den zahlreichen Spielen mit hoher Verteidigungslinie in dieser Saison erkannt hat. Die Sturmspitze bildete Didier Drogba, welcher mit viel Körperkraft und Laufaufwand nahezu ununterbrochen für Gefahr sorgte und manchmal als sehr hoch postierter einsamer Wandspieler fungierte, aber ebenso oft mit in der Defensive half und den Ball quasi aus der eigenen Hälfte hinaustrug. Das Tor von Ramires fiel beispielsweise, als Drogba weit weg vom gegnerischen Tor den Ball an mehreren Gegnern mit sich führte und dann Ramires bediente, welcher mit etwas Glück verwandeln konnte.

Valencia im Stile Barcelonas…

Viel Ballbesitz, auf Technik und hohe schematische Position basierendes Spiel mit offensiven Außenverteidigern. Wenig kann man den Spielern Valencias vorwerfen, dennoch gibt es gewisse taktische Ursachen für diese recht deutliche Niederlage. Soldado und Co. hingen in der Luft, weil sie durch die Mittelfeldkette Chelseas von einfachen Zuspielen abgesperrt waren, während die weiten Bälle in die Tiefe aufgrund der tiefen Aufstellung des Gegners nicht möglich waren. Problematisch war hierbei das eigene Verhalten in der Defensive, da man sich durch individuelle und taktische Fehler oftmals selbst in Gefahr brachte, auch wenn man sich nicht unter Bedrängnis sah – denn Chelsea presste normalerweise erst ab Ende des zweiten Spielfelddrittels und ließ die gegnerischen Innenverteidiger unbehelligt. Da diese das Spiel so frei aufbauen konnten, rückten die Außenverteidiger immer weiter nach vorne, ohne wirklich effektiv sein zu können, womit man letztlich nur dem Gegner in die Karten spielte.

Mit Drogba hatten die Blues einen Abnehmer für weite Befreiungsschläge ebenso wie einen körperlich starken und erfahrenen Mittelstürmer höchster Klasse, welcher ein herausragendes Spiel zeigte und mit Ball am Fuß gute Dribblings, intelligente Pässe und Torgefahr unter Beweis stellte. Dynamischeres und genaueres Passspiel im letzten Spielfelddrittel, mehr Rochaden und eventuell eine leicht veränderte Rolle Soldados hätten Valencia zumindest größere Chancen in diesem Match eingeräumt, aber man muss feststellen, dass gegen ein solches Abwehrbollwerk und einen Weltklassestürmer der Marke Drogba schwer eine gute Lösung zu finden ist.

…doch Villas-Boas macht den Mourinho

Ob es wirklich Mourinho war, ist strittig. Zwar verfolgte Villas-Boas mit seiner Taktik eine ähnliche Spielausrichtung und ein ähnliches Ziel wie es José Mourinho in großen Spielen tat, doch die genaue Formation erinnert dennoch viel stärker an einen anderen ehemaligen Chelsea-Trainer: Guus Hiddink. Gegen Barcelona in der Saison 2008/09 ließ er mit seiner 4-5-1-Taktik keinen Torschuss bis zur 92. Minute zu und hätte beinahe den späteren Titelgewinner ausscheiden lassen, doch das Schicksal wiederholte sich gestern nicht, da Villas-Boas die Mannschaft Valencias in die Europa League schickte.

Die Parallelen der beiden Systeme sind verblüffend: mit Nicolas Anelka kam ebenfalls ein Stürmer auf der rechten Außenbahn zum Einsatz, während Malouda eher ein Spielmacher wie Mata ist, wenngleich auch viel stärker auf den Flügel fixiert. Michael Ballack agierte – so wie Oriol Romeu heute – als Sechser hinter einer Doppelacht, die aus Essien und Lampard bestand, somit also ebenfalls wie heute eine Viererkette vor einem vorgezogenen Ausputzer darstellte. Mitteltürmer gestern wie damals übrigens: Didier Drogba.

Fazit

Ein interessantes Spiel, welches Villas-Boas seine Philosophie zugunsten des Erfolges tauschen ließ. Mit einem taktisch hochwertigen Fußballspiel konnten sich die Blauen siegreich ins Achtelfinale hieven, während Vlaencia den Gang in die Niederungen der europäischen Pokalwettbewerbe antritt. Eine überraschend defensive wie erfrischende Spielweise Chelseas könnte den Wendepunkt in einer bisher schwachen Saison markieren.

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