Donnerstag, 21.09.2017

FC Bayern München – SV Werder Bremen 4:1

Grundformationen

Es sollte ein ganz wichtiges Spiel für die Münchener Bayern werden, die nach zwei Niederlagen in Folge eine Charakterprobe bestehen, Wiedergutmachung betreiben, die Trendwende einleiten und von den gegeneinander spielenden Borussen profitieren wollten. Mit Werder trafen sie auf einen zähen Gegner.

Vor dem Spiel war sogar gemunkelt worden, Jupp Heynckes würde radikaler umstellen und beispielsweise Lahm ins Mittelfeld vorziehen, doch es war schließlich die gleiche Startelf wie im Spiel in Mainz. Das hieß auch, dass Robben erneut auf der Bank Platz nehmen musste, ebenso wie Rafinha, der angeblich einen Disput mit dem Trainer hatte.

Thomas Schaaf blieb seinem Konzept ebenso treu und setzte auf sein 4-3-1-2. Wiese fehlte aufgrund eines Trauerfalls in der Familie und wurde durch Mielitz ersetzt. Nach dem Sieg über den VfB Stuttgart gab es aber ansonsten keine neuen Personalien.

Bayern bei den „Basics“ verbessert

Die Bayern zeigten sich nach der Niederlage in Mainz in dieser Partie in der Tat verbessert, was sich – da vor allem auf den grundlegenden Bereich ihrer Spielphilosophie bezogen – an mehreren grundsätzlichen Aspekten festmachte. Spielverlagerungen wurden konsequenter und mutiger betrieben, die Verbindungen zwischen Mittelfeld und Sturm sowie jene auf der linken Seite wurden wieder deutlicher praktiziert. So ließ sich Kroos konstanter, viel mehr als noch gegen Mainz, zum Spielaufbau nach hinten und ebenso wie Alaba auf die dominante linke Seite fallen.

Auch stand das gesamte Kollektiv, angefangen bei den beiden Innenverteidigern, deutlich höher als in der jüngeren Vergangenheit, womit man wieder mehr Kompaktheit und Druck auf den Gegner aufbaute, so dass die Bremer tiefer in die eigene Hälfte gedrängt wurden, als es bei Dortmund und Mainz der Fall gewesen war. Ein Vergleich der Höhe der bayerischen Querpässe aus diesem und dem letzten Spiel zeigt die Unterschiede treffend auf.

Ebenso wichtig zu erwähnen ist die veränderte Rollenaufteilung im zentralen Mittelfeld. Nicht nur, dass Luiz Gustavo kein zweites Mal einen solch schlechten Tag wie in Mainz erwischt hatte, sondern auch, dass man die Aufgaben klarer verteilte und einige Lasten damit wegnahm. Gustavo übernahm den Part des horizontalen Mittelfeldspielers, der sich im Aufbau verschob, während Alaba die Verantwortung für das Bespielen mehrerer Bereiche in Schweinsteiger Manier genommen wurden. Stattdessen durfte er sich auf die halblinke Seite beschränken und bekam hier gewisse Freiheiten sowie große Unterstützung von den nahe stehenden Kollegen zugesichert.

Bremen mit verstärkter Raumverknappung, Bayern mit verringerter „Raumangst“

Nichtsdestotrotz hatten die Bayern über lange Strecken – bis zur Einwechslung Arjen Robbens nach einer Stunde Spielzeit, vor allem natürlich bis zum zwischenzeitlichen 1:0 durch Ribéry, als den Bremern die Neutralisation der Bayern noch am besten gelang – Probleme mit dem gar nicht wirklich überzeugenden Gegner. Durch die aus den beiden Stürmern und Marin gebildete Spitze des 4-3-1-2 lenkten die Werderaner den FC Bayern auf die Außenbahnen, wohin sich die Raute als Gebilde sehr extrem weit verschob und damit mehr Druck machte als bspw. die Mainzer, dafür aber nicht ganz so breit und gleichmäßig abgesichert und balanciert stand. Mit dem Außenverteidiger, dem ballnahen Halbspieler, dem defensiven Mittelfeldspieler, dem offensiven Mittelfeldspieler und einem Stürmer waren die Bayern von fünf Gegenspielern umkesselt und stark eingeengt – einmal mehr zeigte das 4-1-3-1-1 seine Wirksamkeit gegen das System, das der Rekordmeister praktiziert.

Aufgrund der Tatsache, dass die Norddeutschen aber mit der recht riskanten Verschiebung den Bayern die Seitenwechsel vereinfachten und diese sich wieder mehr in die engen Räume trauten – Kroos bewegte sich in die Bremer Raute, Ribéry wurde durch das Rochieren auf seiner Seite ein Loch auf halblinks geöffnet, in welchem er Raum fand, aufblühte und Lahm freispielen oder alleine das Duell mit Sokratis suchen konnte –, konnten diese den Spielschwerpunkt vorschieben, Bremen nach hinten drängen, einschnüren und zur Harmlosigkeit degradieren. Hinzu kam, dass die Bremer zwar diszipliniert verschoben (112km Laufleistung, Bayern 109,4), allerdings in den dynamischen Laufdisziplinen den Münchenern unterlegen waren (Intensive Läufe: 530-483), was am Ende entscheidend werden sollte.

Zwei Konter nach gegnerischen Standardsituationen – einer dieser Konter führte zum 1:0 durch Ribéry (22.) nach starker läuferischer Arbeit vor allem von Müller – waren praktisch die einzigen echten Chancen der ersten Halbzeit. Bremen gelang es, die Münchener in viele Zweikämpfe zu verwickeln, von denen man die meisten gewann (55,4 %), und ein raues Spiel mit vielen Fouls (23-20) und Unterbrechungen zu provozieren, doch die obigen Aspekte taten der Spielanlage der Münchener sichtlich gut und machten es ihnen viel einfacher, zu dominieren. Weiterhin birgt zu tiefes Stehen generell natürlich die Gefahr, dass ein einzelner Fehler viel gravierendere Auswirkungen haben kann und schwerer zu reparieren ist.

Die Bremer Probleme im Spiel nach vorne wurden hierdurch natürlich bedeutend bedingt, denn aus dem eingeschnürten Zustand konnten sich die Grün-Weißen zwar befreien, doch sie blieben fast komplett harmlos. Man zeigte durchaus einige ordentliche Kombinationen in den Dreiecken der Raute, doch selbst im 1. Drittel musste man gegen die früh pressenden Bayern sehr riskant spielen, worauf man sich einließ und meistens an den vielen Fouls oder der Enge des Raumes scheiterte. Immer wieder ließen sich die Bremer Stürmer auf die Außen fallen, um hinter Bayerns Außenverteidiger zu kommen, wobei sie auch den Vorteil der Raute offensiv nutzen wollten – das unberechenbare Überladen. Auch Hunt bewegte sich oftmals auf die andere Seite, doch Bayern machte die Räume sehr eng und ließ dem Gegner kaum Luft zum Atmen, indem man Überladen mit Einengung und gutem Antizipieren konterte. Durch diese Wechselwirkungen hatte Ignjovski etwas Raum und konnte sogar mit dem starken Fuß nach innen ziehen, so dass es kein Wunder war, dass er einige gute Aktionen hatte und auch die Großchance durch Wagner einleitete. Ihre besten Chancen hatten die Werderaner in der Phase nach der Pause, als sich aus der Enge besser befreien konnte und dann natürlich zu aussichtsreichen Laufduellen mit diagonalem Freiraum vor sich gegen die Abwehrspieler des FCB kam, so wie bei Marins Chance und Rosen bergs Tor.

Robben und sein Quartett machen den Unterschied

Erst mit der Einwechslung von Robben konnten die Bayern dann aber in den letzten 20 Minuten aus dem 1:1 noch ein 4:1 machen und man kann durchaus von einer Auferstehung des tot geglaubten Offensivquartetts aus Gomez, Müller, Robben und Ribéry sprechen. Gomez wurde durch die Unterstützung von Müller besser eingebunden, die beiden Flügelstürmer zogen Gegenspieler und kombinierten untereinander, Müller bewegte sich stark auf die Flügel, öffnete Lücken, rochierte und diente als Anspielstation.

Es wirkte wie eine synergetisch zusammenwirkende Gruppierung, deren Selbstvertrauen es ihnen ermöglichen würde, den Gegner einzuschüchtern. Ohne Schweinsteiger fehlt es dem Mittelfeld an dem, der da ist, wenn er gebraucht wird und Not am Mann ist – genau das übernahm nun dieses Quartett, welches fluid in der Taktik und flexibel in der Spielintelligenz agierte und durch abwechselndes Fallen-Lassen und wieder Aufrücken dieses dynamische Loch im eigenen Team ausfüllte.

Fazit

Eine Stunde lang mühten sich die Bayern gegen Werder Bremen ab, zeigten sich zwar verbessert, aber immer noch mit einigen Problemen, wenn der Gegner ein schematisch gutes und diszipliniertes Spiel vorträgt, da man zu selten zu Chancen kommt. Genau diese Probleme droht das hohe Ergebnis nun zu überdecken, wobei das Spiel der letzten halben Stunde mit den wirbelnden vier Offensivakteuren einiges an Anlass zur Vorfreude gibt.

Affaff 7. Dezember 2011 um 13:47

was mich schon lange am bayernsystem stört ist, dass sich alles auf die linke seite konzentriert, was ab und an den vorteil hat, dass man bei einem schnellen pass auf die rechte seite dort viele freiräume hat, doch genutzt wird das nur sehr selten.
ich habe das gefühl man beschneidet sich selbst damit.

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Andreas Bach 5. Dezember 2011 um 17:03

…alles d´accord. Vor allem eins möchte ich noch ergänzen: Toni Kroos interpertierte seine 6er Rolle in der zweiten Halbzeit fast schon á la Bastian Schweinsteiger, seine vertikalen und horizontalen Pässe kamen in den letzten 25 Minuten auch in der Distanz exakt, sein Zweikampfverhalten neben Luis Gustavo war mehr als passabel. E wird interessant sein, welche vier Offensivspieler in Manchester spielen, oder dort eine defensivere Variante (Gustavo, Tymoschuk) zum Einsatz komt.. Man sah gehen Werder auch ganz deutlich, wie eminent wichtig Müller als fluid-vertikaler runner für/neben Gomez war (dies kommt wohl besonders dann sehr wirksam zum Tragen, wenn Robben und Ribery spielen). Müller – wie auf speed beim 1-0. Dann vor dem ersten Elfmeter. Dann neben Gomez bei seiner vergebenen Großchance. Ist Müller im Zentrum neben/hinter Gomez doch der gefährlichere Mann als Kroos – wenn der die Fänden von hinten spinnen kann? Insgesamt muss man sagen, das es eins der dynamischten letzten 20 Minuten der Münchner war, inbesondere in der Vorwärtsbewegung, und das Spiel eigentlich 5-1, 6-1 hätte enden müssen. (nicht gegebenes reguläres Tor von Gomez, Müller-Großchance usw). Insgesamt ein spielerisch sehr gutes bis taktisch großartiges Spiel von Toni Kroos – vor allem in der zweiten Halbzeit. Und von Frank Ribery…natürlisch…

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datschge 5. Dezember 2011 um 21:14

Gute Beobachtung, dass ein Spieler regelmäßiger in den Strafraum stoßen muss, um die Deckung von Gomez wegzuziehen. Ein englischsprachiger Blogger hat das Zusammenspiel zwischen Gomez und Müller dahingehend schon ganz gut beschrieben: http://redandwhitedoublepivot.blogspot.com/2011/09/german-two-headed-monster-go-ller-how.html
An anderer Stelle beschreibt der Autor auch treffend, dass diese fehlende Fluidität von Gomez (und, was Vorstöße in den Strafraum angeht, Kroos) der Grund ist, warum in der Nationalmannschaft das Dreieck Klose, Özil, Müller weiter gesetzt sein wird.

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Pillapunk 4. Dezember 2011 um 23:08

Der Artikel ist in weiten Teilen zutreffend und gut, mir fehlt allerdings der eigentlich entscheidende Faktor in diesem Spiel. M.M.n war es weniger die Achse Robben-Müller-Ribery ansich, als viel eher das riskante Umstellen auf ein 4-3-3 nach dem 2:1, welches das Ergebnis so deutlich werden liess. Werder war offensiv über weite Strecken bieder, oder – wie du ja schreibst – ihre Kurzpass-Kombinationen wurden durch das extrem „hohe Pressing“ meist zum Befreien aus der eigenen tiefen Staffelung verwendet (warum auch immer so wenig lange Bälle auf die Aussen eingesetzt wurden).
Nun zu dem Verschieben. Gladbach und Dortmund haben in München mit einem 4-2-3-1 bzw. streckenweise 4-4-1-1 agiert. Da ist es dann auch wesentlich einfacher zu Verschieben, als bei einem System mit zwei Stürmern. Wie man überhaupt auf die Idee kommen kann, den Bayern mit einem 3-Mann-Mittelfeld beizukommen, bleibt Schaafs Geheimnis.
Ich denke ein Wesley als flexibler Läufer zur Unterstützung der Balleroberung für Marin wäre nach dem 2:1 die bessere Wahl gewesen. Blinde nominelle Offensive zieht gegen das Bayern-MF nicht.
Aber ich glaube ich verrenne mich ein wenig…das Ziel meines Posts ist, dass für mich eben jene Systemumstellung Werders nach dem 2:1 der Knackpunkt für den deutlichen Sieg der Bayern war, und eben nicht die Wechsel, die Heynckes tätigte!

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C 4. Dezember 2011 um 10:01

Robben hatte erst in den letzten 20 Minuten starke Aktionen, ich denke nicht dass seine Einwechslung sondern viel mehr der Gegentreffer Auslöser für die Leistungssteigerung war, wer kann es den Spielern verdenken, dass sie nach dem 1:0 das Risiko scheuten. Ich sah da mehrmals Lücken im Mittelfeld von Bremen die man nicht mit letzter Konsequenz nutzte, Bremen verschob qualitativ weit schlechter als Hannover/Gladbach/Dortmund.

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TR 4. Dezember 2011 um 11:04

Vollste Zustimmung, dass die drei Genannten das besser gespielt haben. Ich hoffe, dass kommt im Artikel auch durch.

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