Lazio Rom – Juventus Turin 0:1

Lazio verliert das Topspiel in der Serie A nach intensiver Partie etwas unglücklich mit 0:1.

Eddy Rejas Mannschaft hatte zuletzt ohne Miroslav Klose ein sehr glückliches 0:0 nach schwachem Spiel bei Napoli errungen und wollte nun gegen ein weiteres Topteam besser aussehen. Klose konnte nach seiner Verletzung wieder zurückkehren und ersetzte Sculli. Außerdem kam Rocchi für Cissé in die Mannschaft.

Antonio Conte hingegen hatte sich in der Vorwoche über einen starken 3:0-Sieg gegen Palermo freuen können, als man den sizilianischen Europa League-Aspiranten klar dominiert hatte. Deshalb gab es keinerlei Änderungen an seinem Team, welches sich in den letzten Wochen festgespielt und beispielsweise auch in dieser Besetzung Inter bezwungen hat.

Grundformationen

Nach den Anfangsminuten, in denen die Gäste aus Turin mächtig auf das Tempo gedrückt, die noch nicht ins Spiel hinein gekommenen Römer nach hinten gedrängt und einige Chancen gehabt hatten, wurde langsam aber sicher der Charakter des Spiels erkennbar. Zwar dominierte Juventus den Ballbesitz und schien etwas kontrollierter, doch insgesamt war festzustellen, dass das Mittelfeld – nicht untypisch für die Serie A – stark verengt war, was allerdings in diesem Spiel nicht zu Ereignisarmut, sondern zu Tempo führte. Durch die engen Räume wurden nämlich Fehler provoziert, durch die vielen direkten Zweikämpfen kam es zu vielen Änderungen der Spielrichtung, was das Spiel hin und her wiegen ließ.

Lazios Mittelfeldspiegelung

Gegen den spielstarken und individuell überlegenen Tabellenführer bediente sich Lazios Trainer Reja also einer Spiegelung im Mittelfeld, einem bekannten Mittel, bei dem jeder Mittelfeldspieler von einem direkten Gegenspieler verfolgt und abgedeckt werden soll – Pirlo von Hernanes, Marchisio von Brocchi und Vidal von Ledesma.

Dies funktionierte durchaus gut, vor allem, weil Juventus häufig nur mit ihren fünf offensiven Spielern die Angriffe vortrug, welche aber zu weit auseinander standen, um ernsthaft Gefahr auszustrahlen. Durch das etwas riskante Vorrücken Lazios im Mittelfeld, mit dem man diese Teilung weiter provozieren wollte, kamen zwar manchmal Marchisio oder Vidal zwischen den Linien frei, aber insgesamt fehlte es an Durchschlagskraft, da auch Matris Zurückfallen für mehr Optionen sorgte, aber eben die Präsenz ganz vorne verringerte.

In der Theorie hatte Lazio bei ihrer Mittelfeldspiegelung in Senad Lulic einen „überzähligen Spieler“, der seine Freiheiten für einige unbewachte Vorstöße und Aktionen nutzte sowie defensiv einlaufende Spieler übernahm und vor allem den offensiven gegnerischen Rechtsverteidiger Lichtsteiner effektiv abblockte.

Lazios Spiel steht und fällt mit den Außenverteidigern

Mit der Zeit wurde der Gastgeber stärker, während Juventus seine Überlegenheit in Ballbesitz einbüßte (die Zahlen gingen immer weiter und stetig herunter, von fast 70 % bis auf unter 60 %), weil Lazio im Offensivspiel nun besser miteinander interagierte. Sie zeigten gute Laufwege, überraschende Vorstöße und Aktionen, schnörkellose Doppelpässe und dynamisches Kombinationsspiel in den freien Raum, den sie gezielter anvisierten und –spielten.

Am wichtigsten war aber, dass sich die beiden Außenverteidiger nun deutlich offensiver und mutiger zeigten und damit zur entscheidenden Waffe für die Hausherren aufschwangen, indem sie den Spielschwerpunkt nach vorne verlagerten, für konstante Breite sorgten, mit schnellen Sprints die Angriffe beschleunigten und an den Seiten durchbrachen.

Von dieser Ausrichtung ließ sich auch Juventus anstecken bzw. darauf ein, da man hier selbst seine Gelegenheit sah – und in der Tat kam man auch, als beide offensiver, abenteuerlustiger und frenetischer wurden und weiter aufrückten, zu schnellen Konterchancen in einem hoch und runter verlaufenden Spiel, in dem Lazio aber weiterhin die Oberhand behielt, doch gerade als ein Tor für sie in der Luft lag, traf Juventus nach einem blitzsauberen Konter nach einem Konter (34.).

Die zentralen Schlüsselspieler der ersten Halbzeit und auch des Spiels, welche das Momentum auf die Seite ihrer Mannschaft kippen ließen, waren allerdings die beiden Außenverteidiger Lazios, die beeindruckend nach vorne marschierten, und es war etwas bedauerlich, dass sie für diese Performances nicht belohnt wurden. Stattdessen war dieses Spiel sowohl ein sehr passender Beleg dafür, wie wichtig und essentiell diese Position im modernen Fußball geworden ist und welchen Effekt sie auf ein ganzes Spiel haben kann, als auch dafür, welche Gefahren das Aufrücken der Außenverteidiger birgt, denn auf genau diese Weise fiel das 0:1.

Klose und Pepe

Nicht nur aufgrund seines Tores war Simone Pepe der gefährlichste Spieler bei den Gästen. Mehrere Chancen bekam er, nachdem er nach einer schnellen Spielverlagerung von der rechten Seite nach innen zog, sich im 1-1 mit seinem Gegenspieler Radu durchsetzte und etwa vom Strafraum den Abschluss suchte.

Diese Freiheiten für Pepe lagen in der Rolle Lulics begründet, der sich wie bereits erwähnt stark an Lichtsteiner orientierte und damit meist auch in der Defensive sehr hoch stand. Folglich spielte Lazio praktisch mit einem halbrechten und einem zentralen Mittelfeldspieler, die auf die linke Angriffsseite des Gegners verschoben, die andere aber für einen Seitenwechsel komplett entblößten. Der linke Halbspieler der Raute müsste dann normalerweise auf rechts herausschieben und Pepe stellen bzw. doppeln, doch dieser Spieler fehlte und Pepe konnte das Loch nutzen.

Für Miroslav Klose war es ein sehr undankbares Spiel. Das System der Hausherren war etwas asymmetrisch und Klose wirkte wie ein Hybrid aus Stürmer und rechtem Außenstürmer, was dadurch unterstrichen wird, dass er für Sculli, einen typischen Flügelstürmer, in die Mannschaft kam. Als halbrechter Stürmer spielte er dann aber sehr tief und zu weit außen, um wirkliche Torgefahr ausstrahlen zu können. Bei manchen Kontern stand er  zu weit weg vom Geschehen und wurde häufig auch schlecht in Szene gesetzt, worüber er sich durchaus echauffierte.

Auch defensiv musste er viel Arbeit verrichten und sich häufig um das Abdecken von Chiellini kümmern, was ein weiterer Grund war, wieso er so tief stand. Allerdings zeigte er hier nicht seine beste Leistung, was verdeutlichte, dass er defensiv im Zentrum viel wertvoller ist.

Zweite Halbzeit

Lazio stellte nach der Halbzeitpause auf ein offensives und riskantes 4-1-3-2 um, in welchem Alvaro Gonzalez und Lulic quasi als Flügelstürmer Power nach vorne bringen sollten. Hernanes ließ sich dafür weiter nach hinten fallen, um das Spiel zu machen. Ankerpunkt des neuen Spiels waren aber klar die Außenbahnen mit den beiden Außenspielern und den Außenverteidigern, während man in der Mitte zwei Abnehmer für Flanken hatten, wobei diese ebenfalls auf die Außen rochierten, um für Unruhe zu sorgen und Lulic und Alvaro zu ermöglichen, das Loch im offensiven Mittelfeld zu besetzen.

Zwar war es ein mutiger Schachzug von Edy Reja, doch er ging am Ende nicht auf, da man aus den vielen Flanken nichts machen konnte und als Alternative sich wieder auf die Kreativität von Hernanes verlassen musste – unglaubliche 39 Flanken brachten aber kein Tor, während der Brasilianer sich aufrieb und bei seinen acht Torschüssen bestenfalls nur den Pfosten traf.

Juventus Turin sah sich zunächst nach hinten gedrückt und schien mit der Rolle des abwartenden und gelegentlich konternden Teams zufrieden zu sein. Mit der Zeit spielte man allerdings die Konter bewusst nicht aus, was sich letztlich als entscheidend erweisen sollte. Bei einem Ballverlust entstanden besonders im Mittelfeld große Räume zum Spielen, da Lazio diese mit der Systemumstellung geöffnet hatte. Anstatt nun schnell diese Räume zu durchspielen, verzögerte man und hielt den Ball hier, da man Platz hatte, womit man den Dauerdruck des Gegners abbauen und immer wieder dessen Rhythmus zerstören, zudem eigene Erholungs- und Sicherheitsphasen einbauen konnte. In den letzten Minuten wurde so eine Schlussoffensive verhindert und es wirkte sehr unwahrscheinlich, dass Lazio noch treffen würde.

Fazit

Was bleibt von diesem Spiel hängen? Für Lazio ist es wohl die endgültige Erkenntnis, dass man für die ganz vorderen Ränge einfach nicht reicht. Dafür fehlen manchen Spielern eben die letzte Qualität und der kompletten Mannschaft im letzten Drittel Kreativität und Durchschlagskraft. Zu oft traf man nur einmal oder gar nicht und musste sich auf die Klasse von Klose oder Hernanes, Standards oder gegnerische Fehler verlassen.

Juventus hingegen festigt seine Ambitionen als absoluter Titelkandidat. Napoli ist zu unbeständig, Udine wird sich wohl nicht halten können, Inter ist zu weit weg – es bleiben nur Juventus und Milan. Die Titelvergabe wird dabei zwangsläufig über die Turiner gehen.

juventino 27. November 2011 um 18:44

Danke! Starker Beitrag und starkes Spiel. Forza Juve!

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