Donnerstag, 24.08.2017

Borussia Dortmund – Schalke 04 2:0

Das heiß erwartete Ruhrpott-Derby zwischen Borussia Dortmund und Schalke 04 gerät zur einseitigen Nummer. Beim 0:2 reicht dem BVB eine durchschnittliche Leistung, um die völlig indisponierten Schalker zu besiegen.

Für die Fans beider Clubs ist es das wohl meist erwartete Spiel der Saison: Das Derby zwischen Schalke und Dortmund elektrisiert zweimal im Jahr den Ruhrpott. Der BVB stellte nach der Niederlage bei Arsenal personell leicht um, es kamen Blazczykowski, Barrios und Leitner neu in die Startaufstellung. Klopp behielt dabei seine favorisierte 4-2-3-1 Aufstellung bei, Lewandowski rückte auf die Position im offensiven Mittelfeld. Schalke-Trainer Stevens änderte hingegen nichts und setzte auf die siegreiche Elf vom vergangenen Wochenende und sein 4-4-2 System.

Schalkes einseitiges Aufbauspiel

Unter Stevens entwickelten sich die Gelsenkirchener zuletzt zum Konterteam. Aus einer Ordnung mit zwei dicht gestaffelten Viererketten setzen sie auf schnelle Gegenstöße. Auffällig bei der Spielweise des Niederländers ist, dass sein Team sehr tief verteidigt. Anders als Mannschaften wie Hannover oder Gladbach, die ebenfalls schnelles Umschaltspiel betreiben, verdichten die Schalker nicht das Mittelfeld, sondern den Bereich vor dem eigenen Sechzehner. Durch die defensive Spielweise der eigenen Mannschaft soll der Gegner aus der eigenen Hälfte herausgelockt werden. Eigene Gegenangriffe werden über die Außen initiiert: Der erste Pass geht fast immer zum Außenverteidiger, der wiederum einen vertikalen Pass nach vorne zum Außenstürmer spielt. Mit diesem Angriffsmuster möchte man offensichtlich das Zentrum umgehen und die schnellen Außenstürmer zur Geltung bringen.

Isolation der Schalker Außenstürmer

Dass diese Spielidee der Schalker gegen den BVB nicht aufging, belegt die Bundesliga.de-Matrix eindrucksvoll. Von den vertikalen Bällen der Außenverteidiger kamen so gut wie keine an. Selbst wenn die Außen an den Ball kamen, konnten sie ihn fast nie weiterverwerten. Der BVB hatte mit seiner Defensivstrategie die passende Antwort auf die Angriffe der Schalker gefunden: Die zentralen Mittelfeldspieler rückten sehr oft auf den Außen ein, um im Zusammenspiel mit den Außenverteidigern die gegnerischen Außenstürmer zu isolieren. Das Doppeln funktionierte exzellent, auch weil Santana gegen den sehr beweglichen Huntelaar gut mitarbeitete. Wenn dieser sich auf die Außen fallen ließ, um Draxler und Baumjohann zu unterstützen, klebte er an den Hacken des niederländischen Nationalstürmers.

Die Schalker fanden so in der ersten Halbzeit überhaupt nicht statt. Erschreckend war hierbei, dass der BVB mit dieser vermeintlich simplen Defensivstrategie die gesamten Angriffsbemühungen ihres Gegners torpedieren konnten. Selbst im ruhigen Spielaufbau wurden immer wieder die Außenverteidiger gesucht. Es gab schlicht keine Variation im Schalker Spiel. Diagonalpässe? Fehlanzeige. Angriffe durch das Zentrum? Nahezu nicht vorhanden. An Holtby lief das Spiel vollkommen vorbei, er konnte wenig Konstruktives gegen die defensiv laufstarken Leitner und Kehl beisteuern. Selbst die Freistoßflanken Schalkes landeten allesamt in den Händen von Weidenfeller. Der einzige Torschuss in Halbzeit eins war eine Verzweifelungstat Baumjohanns und wurde von einem BVB-Verteidiger geblockt.

BVB im letzten Drittel mit Schwierigkeiten

So leicht sich der BVB defensiv tat, so schwerfällig war im Gegenzug ihr Offensivspiel. Gegen die tief stehenden Schalker hatten sie große Probleme, hinter die gegnerische Viererkette zu gelangen. Im Zentrum, normalerweise der liebste Spielbereich der in die Mitte ziehenden Götze und Blazczykowski, gewann der zweikampfstarke Jones viele Duelle. Noch schwerer wog allerdings die mangelnde Kreativität des BVB im letzten Drittel. In der ersten Halbzeit fand nicht ein einziger Pass aus dem Spiel heraus seinen Mitspieler im gegnerischen Strafraum. Der letzte Pass kam bereits in den Partien gegen die Bayern und in London zu selten an.

Die Dortmunder konnten sich so aus dem Spiel heraus nur wenige zwingende Chancen erarbeiten. Sturmspitze Barrios bekam wenige Bälle und blieb insgesamt blass. So war es eine Standardsituation, die dem BVB die Führung bescherte. Lewandowski köpfte eine Freistoßflanke Schmelzers ein und wurde dabei von der Schalker Verteidigung schmerzlich allein gelassen (16.). Dass sich manche Fans der Königsblauen allen Ernstes nach dem Spiel über die vermeintliche Fehlentscheidung des Schiedsrichters, die zum Freistoß führte, beschwerten, zeugt angesichts eines einzigen Schalker Torschusses in Halbzeit eins von einer gewissen Weltfremdheit – wenn nicht dieser Freistoß zum Tor geführt hätte, dann ein anderer.

Zweite Halbzeit

Nach der Halbzeitpause begann etwas, was man mit viel Wohlwollen als Drangphase der Schalker bezeichnen könnte. Sie übten nun ein aktives Angriffspressing aus und störten ihre Gegenspieler früher. Probleme bereiteten sie dem BVB damit selten. Einzig eine Möglichkeit Huntelaars nach einem Schalker Konter strahlte Torgefahr aus. Noch immer waren die Knappen einfallslos und variationsarm. Das lag auch an der Besetzung des zentralen Mittelfeldes: So zweikampfstark Jones in der Defensive ist, so wenig gefährlich wirkt er nach vorne. Zusammen mit Matip und Papadopoulos haben so drei von vier Spielern in der Zentrale ihre Qualitäten in der Defensive. Wenn dann mit Holtby der vierte auch noch einen schwachen Nachmittag erwischt, kann man aus der Zentrale keine Wunderdinge erwarten.

Der BVB musste auch nach der Pause nicht viel investieren. Santana machte mit seinem Treffer, abermals nach einer Standardsituation, den Sack zu (61.). Nachdem die Partie frühzeitig entschieden war, wurden die Dortmunder Akteure etwas lockerer und spielfreudiger. Da Matip, Jones und Papadopoulos in der letzten halben Stunde allesamt gelb vorbelastet waren, konnten sie nicht mehr so dynamisch und riskant in die Zweikämpfe gehen wie zu Spielbeginn. Die Dortmunder Spieler in der offensiven Zentrale fanden nun besser in das Spiel. Götze und Blazczykowski gelangen wesentlich mehr Pässe in die Tiefe, woraus mehrere gute Möglichkeiten für die Dortmunder entstanden. In dieser Phase war es Keeper Unnerstall, der die totale Blamage des Gegners verhinderte. Am Ende blieb es beim 2:0 für die Dortmunder.

Fazit

Der BVB entschied ein einseitiges Derby für sich. Sie konnten sich dabei voll auf ihre gute Defensivstrategie verlassen. Nicht umsonst lobte Klopp nach dem Spiel ausdrücklich die Scouting-Arbeit seiner Co-Trainer, die maßgeblich für diesen Erfolg verantwortlich seien. Aus der „Woche der Wahrheit“ muss der BVB aber auch die Erkenntnis nehmen, dass man bei aller Defensivstärke mit Problemen in der Kreativität im letzten Drittel zu kämpfen hat. Erneut spielte man sich bei aller Überlegenheit in der ersten Halbzeit zu wenige zwingende Chancen heraus. Dem BVB fehlt scheinbar die starke Form Kagawas und Götzes, die sie in der letzten Saison so auszeichnete.

Für Schalke legte das Derby einige grundlegendere Probleme offen. Ihre Spielanlage unter Stevens ist sehr einseitig auf Konter ausgelegt. Wenn der Gegner hier nicht mitspielt und Räume öffnet, haben die Königsblauen mit argen Problemen zu kämpfen. Ihr Spielaufbau ist aktuell viel zu schwerfällig. Im zentralen Mittelfeld lastet zu viel auf dem jungen Holbty, der neben Jones bisher selten glänzen konnte. Letzterer hat seine Stärken in der Spielzerstörung des Gegners, offensive Akzente kommen von ihm zu wenige. Aus diesen Gründen ist Schalke derzeit nicht zur obersten Spitze der Liga zu zählen, trotz zuletzt guter Ergebnisse.

andre 29. November 2011 um 00:37

Guter Artikel! Bestätigt mich in der Annahme, die sofort nach der Stevens-Verpflichtung aufkam. Der Mann ist der völlig falsche Mann um Rangnicks Arbeit fortzuführen. Ähnlich wie Heynckes ist er noch einer der „alten“ Schule, der weder auf moderne Trainingsmethoden zurück greift noch ein ausgereiftes Konzept vertritt. Das taktische Verständnis eines Rangnicks besitzt er nicht. Ich habe nie verstanden, wie gerade Stevens die Arbeit von Rangnick fortsetzen soll, da er ein komplett anderer Trainertyp ist. Ich glaube nicht, dass Stevens in der Bundesliga noch mit einer Mannschaft großartigen Erfolg feiern kann, aber gerade, nachdem sich Schalke mit Rangick und der Höger-Verpflichtung (beispielsweise) wieder auf dem richtigen Weg befand, macht das noch weniger Sinn. Was sich einige Bundesligisten bei solchen Entscheidungen denken, verstehe ich ohnehin nicht. Ein Stevens folgt auf Rangnick, ein Heynckes auf van Gaal, Wolfsburg greift in Verzweiflung auf Magath zurück und von einem Oenning wurde ernsthaft erwartet, den HSV auf die Erfolgsspur zurückführen zu können – besitzen die Verantwortlichen denn gar keine wirklichen Konzepte geschweige denn Kreativität und Mut, die sie zu richtigen, aber ungewöhnlichen Entscheidungen kommen lassen? Wenn schon jeder Fan erkennt, das dem konzeptionellem Arbeiten und modernem Systemfußball von Trainern wie Tuchel, Klopp, Favre, Dutt, Löw und co. die Zukunft gehört, wie können Männer, die sich seit Jahren Tag ein Tag aus beruflich damit beschäftigen das Offensichtliche übersehen?
So hat sich Schalke in meinen Augen wieder unheimlich selbst geschwächt. Mit dieser Mannschaft und einem gutem Konzept, dass bereits in den Startlöchern stand, hätte an viel erreichen können, vorallem bei diesem Umfeld. Stattdessen hat man nun einen Trainer an der Backe, bei dessen fragwürdigen Kolumnen schon auf der Hand lag, dass es um sein Verständnis von modernen Taktiken nicht besonders gut bestellt ist.

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hps 29. November 2011 um 09:56

Du glaubst doch nicht wirklich, dass der Stevens irgendwelche Kolumnen selber schreibt, oder?

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andre 29. November 2011 um 15:55

Während der Zeit, die er nicht als Trainer arbeitete? Doch, das denke ich schon. Vielleicht verfasst er sie nicht selber, aber er muss sie in der finalen Form abnicken. Die Aussagen, die in diesen Kolumnen getroffen werden, stammen von ihm beziehungsweise er steht dafür mit seinem Namen ein, ganz egal wer den Artikel letztlich verfasst hat. Seine Unterschrift setzt er darunter.

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borusse 28. November 2011 um 15:39

Der fehlende letzte Pass in den 16er bei der Borussia ist denke ich treffend alnaysiert. Bei der Ursachenforschung fehlt mir aber der Hinweis auf den Abgang Nuri Sahins. Es wurde, auch schon in den genannten vorhergehenden Spielen, wenn es gegen ein stark aufgestelltes Mittelfeld ging, sehr deutlich, dass die defensiv hervorragend arbeitenden Leitner, Kehl (und Bender) nicht das Format von Sahin haben wenn es um den präzisen, direkten Pass nach der Balleroberung geht. Beide sind zunächst immer genug mit der Kontrolle und Sicherung des Balles durch einen biederen Rück- oder Querpass beschäftigt. Zudem können sich die gegnerischen Defensivspieler dadurch dann auch besser auf die Offensivreihe der Borussia konzentrieren und Götze/Kagawas das Leben schwer machen. Leider, leider erfüllt der hochgelobte Gündogan anscheinend nicht die Erwartungen, sonst wäre das Offensivspiel der Borussia auch variabler und somit erfolgreicher.

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Merkur 28. November 2011 um 09:56

Kurz & Perfekt!

Schalke hatte aber schon öfter Defensiv starke Spieler mit großen Schwächen nach vorne. Ich erinnere mich an eine Saison in der Jones mit Engelaar und Ernst das Mittelfeld bildete und zwischen den 3en, nicht nur wegen ihrer taktischen Ausrichtung, vorallem aber durch ihre Spielausprägung, ein Mittelfeldloch von 30m zu den 3 Stürmern erzeugte.
Man merkt an Schalkes Personal die Problematik der unterschiedlichen Trainertypen die man in den letzten Jahren geholt wurde. Keiner von den Trainern, egal ob Stevens, Magath, Rangnik, Rutten…., arbeitet nachhaltig mit einem grundlegendem Konzept, es sind nur Trainer mit denen man gewisse Erwartungen erfüllen will (ein Meistermacher, ein Offensiv-Spektakel-Trainer, ein Die-Null-muss-stehen-Trainer), nur lassen sich die Spieler, vorallem aufgrund der finanziellen Situation bei Schalke, nicht so schnell wechseln wie die Trainer.
Man sollte auch meinen das man offensiv im Mittelfeld eigentlich gut bei Schalke aufgestellt ist mit Draxler/Jurado und Farfan außen, Raul und Holtby innen, doch da das alles komplett unterschiedliche Spielertypen sind die jeweils unter anderen Erwartungen und Ausgangssituationen geholt worden sind und von jedem Trainer anders eingesetzt wurden, führt das dazu das Schalke zwar gegen schwächere Mannschaften stark aufspielen kann, aber bei starken Gegnern eine Stilrichtung des Spiels, ein Gesicht des Schalker Spiels, nicht zu erkennen ist. Saisonveräufe sind immerwieder unkonstant bei Schalke.

Desweiteren begreife ich auch nicht warum man aus der eigentlich guten Jugendarbeit so wenige Früchte bei Schalke ernten kann, denn schließlich sind Spieler wie Uchida, Sarpei, Metzelder, Kluge oder Marica zum Beispiel durch einen jungen Perspektivspieler relativ einfach zu ersetzen sein.

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Plotsch 28. November 2011 um 14:28

Schalke hat schleppt noch ein altes Bundesliga-Problem mit sich herum (dass sich in meinen Augen unter Stevens auch nicht ändern wird): anstelle auf gut ausgebildete eigene (oder andere) Nachwuchsspieler mit Perspektive zu setzen, gibt es zu viele (gerade ausländische) Lückenfüller mit begrenzter aber solidem Niveau. Die (in meinen Augen) vorschnelle Verpflichtung von Pukki spielt da ebenfalls hinein. Hatte schon gehofft, dass die Verpflichtung von Höger hier auf bessere Zeiten hindeut. War aber wohl nur ein Strohfeuer.

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fussballdiaspora 28. November 2011 um 08:58

Vom Spiel habe ich leider nur die letzten 20 Minuten sehen können, als alles längst entschieden war. Die Partie scheint ja doch sehr unterschiedliche Eindrücke hinterlassen zu haben, was eure Analyse anbelangt, ist sie wohltuend sachlich.

Vor allem der Hinweis auf die mangelnde Kreativität im Spiel vorn ist interessant, in London war das schon zu sehen, allerdings hatte ich da das Gefühl, es würde einfach zu überhastet unpräzise gespielt.

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Berliner 27. November 2011 um 16:57

Simple und dennoch zutreffende Analyse! Schalke wird Mühe haben nächstes Jahr international zu spielen und als neutraler Beobachter ist das bei dieser langweiligen Spielanlage auch nicht sonderlich bedauerlich…

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