VfL Wolfsburg – Hannover 96 4:1

Felix Magaths Wölfen gelingt nach den schwachen Ergebnissen der letzten Wochen der Befreiungsschlag gegen Hannover 96. Die Wolfsburger neutralisierten beim 4:1-Heimerfolg mit einer guten Defensivtaktik Gegner Hannover 96 und agierten in den entscheidenden Situationen eiskalt.

Das Niedersachsen-Derby begann mit veränderten Vorzeichen: Waren die Wolfsburger vor zwei Jahren als deutscher Meister noch die klare Nummer Eins in Niedersachsen, hat ihnen Slomkas Überraschungsmannschaft der letzten Saison mittlerweile ein wenig den Rang abgelaufen. So war es auch an Meistertrainer Felix Magath, seine Mannschaft gut auf den Gegner einzustellen und so in die Erfolgsspur zurückzuführen. Dass Hannover 96 konterstark ist, dürfte mittlerweile bis zum letzten Fußballscout Hinterindiens vorgedrungen sein. Wer gegen die 96er bestehen will, muss verhindern, dass sie ihr schnelles Umschaltspiel nutzen können. Ein wesentlicher Faktor war bereits vor dem Spiel ausgeschaltet: Pinto, Hannovers Spielmacher aus der Tiefe, musste verletzt draußen bleiben. Trotzdem verfügt seine Mannschaft mit Schmiedebach und Stindl in der Zentrale über genug Kreativität, um den Wolfsburgern gefährlich zu werden – zumindest auf dem Papier.

Wolfsburg mit schlüssiger Defensivtaktik

In der Praxis arbeiteten die Wolfsburger nämlich exzellent gegen den Ball. Magath ordnete seine Mannschaft in einem 4-3-3 an. In der Mittelfeldzentrale rückte stets ein Spieler, zumeist Hasebe oder Salihamidzic, heraus, um aggressiv gegen die Hannoveraner Sechser vorgehen zu können. In der vordersten Reihe achteten Koo, Dejagah und Mandzukic, die oft untereinander die Positionen tauschten, auf die gegnerischen Außenverteidiger. Chahed und Schulz wurden sehr aggressiv angegangen, so dass sie ihre gefährlichen Spielverlagerungen oder lange Bälle auf die Außen nicht spielen konnten. Da die Wolfsburger ihre Gegner stets vertikal von vorne angriffen, blieben den Gästen oft nur Quer- oder Rückpässe.

Die 96er konnten ihr Vertikal- und Diagonalspiel überhaupt nicht aufziehen. Abdellaoue und Schlaudraff waren in der Spitze zunächst wenig eingebunden, auch Pander und Ya Konan auf den Außen fanden wenig Zugriff auf das Spiel. Mit voranschreitender Zeit suchte Schlaudraff mehr Bindung zum Spiel, indem er sich sehr tief fallen ließ, oft auf den rechten Flügel. Dem Hannoveraner Spiel tat das nicht immer gut, da nun die Bindung zwischen Mittelfeld und Offensive noch geringer war, da vorne eine Anspielstation fehlte. Aus der Tiefe konnte Schlaudraff dazu gegen aggressive Wölfe keine Akzente setzen.

Verdiente Führung

Magaths Vorliebe für exzessives Konditionstraining schien sich in der ersten Halbzeit auszuzahlen. Die Wolfsburger legten eine enorme Strecke zurück und waren immer direkt am Gegenspieler. Es war ihre defensiv arbeitsintensivste Leistung der Saison. Nach vorne versuchten sie, vermehrt über die Außen zu kommen. Das war im Angesichts des Gegners keine schlechte Idee, sind die Hannoveraner doch für ihre Zweikämpfe im Zentrum bekannt. Salihamidzic war im Spielaufbau sehr präsent, bot sich oft im offensiven Mittelfeld und auf den Außen an und schaffte Überzahlsituationen. Er war der Ausgangspunkt vieler Angriffe, bei denen er den Ball auf die Außen weiterleitete. Hier waren die Außenverteidiger Träsch und speziell Schäfer sehr präsent und schlugen viele Flanken. Ya Konan, als gelernter Stürmer defensiv nicht so versiert, war mit seinem Gegenspieler Schäfer überfordert, ließ immer wieder freie Räume hinter sich zu.

Auch wenn Wolfsburg offensiv oft Genauigkeit und Kreativität vermissen ließ, wirkten sie in der ersten halben Stunde wesentlich gefährlicher als ihre Gegner. Diese waren durch die Defensivtaktik der Wölfe vollkommen aus dem Spiel genommen. Diese spielten zwar oftmals zu kompliziert und wenig zielorientiert, zum Beispiel kamen wenig kontruktive Bälle im Spielaufbau aus dem Zentrum. In den entscheidenden Situationen waren sie aber besonders auf den Außen präsent. Der Führungstreffer von Salihamidzic kam daher wenig überraschend, genauso wenig die Tatsache, dass er durch einen Angriff über die rechte Flanke eingeleitet wurde (32.). Auch der Ecke zum 2:0 ging ein Angriff über die verwundbaren Außenseiten der Niedersachsen voraus (36.).

Hannover fand offensiv nicht statt. Bis zum zweiten Tor der Wolfsburger hatten sie gerade einmal zwei Torschüsse abgegeben. Das bezeugt, wie selten sie sich ins letzte Drittel spielen konnten. Erst als die Hausherren, in Sicherheit gewogen durch ihre Zwei-Tore-Führung, vor der Pause nicht mehr so aggressiv zu Werke gingen, konnte die Slomka-Elf ihren ersten überzeugenden Konter fahren, Abdellaoue scheiterte allerdings an Benaglio (42.). Die darauffolgende Ecke verwandelte Schulz am kurzen Pfosten (43.), so dass die Hannoveraner wenigstens auf dem Papier wieder im Spiel waren.

Slomkas Umstellungen bringen keine Wende

Keine Frage, nach der schwachen Leistung in der ersten Halbzeit musste Slomka umstellen. Er brachte auf dem linken Flügel Rausch für Pander, auf der anderen Seite übernahm Stindl Ya Konans Position, so dass der Ivorer in die Spitze gehen konnte. Schlaudraff agierte im Spielaufbau nun auch „offiziell“ als Sechser, hatte allerdings keine Defensivpflichten, so dass Hannovers Aufstellung im Rückwärtsgang zum 4-3-1-2 (Raute) wurde.

Slomkas Umstellung hatte keine sonderlich positiven Effekte. Immer noch kamen aus der Zentrale kaum vertikale Pässe, die Stürmer hingen in der Luft. Ya Konan hatte zwischen Wiederanpfiff und seinem unfreiwilligen vorzeitigen Ende in der 63. Minute gerade einmal einen Ballkontakt, auch Abdellaoue kam in der zweiten Halbzeit gerade so auf eine zweistellige Anzahl an Ballberührungen. Vielmehr gab der Vorjahres-Vierte durch die frühe, sehr forsche Umstellung defensive Sicherheit auf, die die Wolfsburger nach und nach auszunutzen wussten. Immer wieder konnten die Wolfsburger nun im Zentrum freie Räume vorfinden, die sie zu Kontern nutzten. Um diesen Bereich zu sichern, mussten Stindl und Rausch oft in die Mitte ziehen, was aber wiederum auf den Flanken für Freiräume sorgte – ein Bereich, in dem die Magath-Schützlinge bereits in Halbzeit eins die Oberhand hatten. Das vorentscheidende 3:1 fiel dementsprechend nach einer Dejagah-Flanke, die der aufgerückte Chris freistehend einköpfte (55.).

Die Wolfsburger waren nach der Pause genauso überlegen wie davor. Aus diesem Grund ist es auch müßig, über die rote Karte von Ya Konan zu diskutieren. Dieser hatte einen Gegenspieler mit dem Ball angeworfen, eine Absicht ist auf den Fernsehbildern aber nicht zu erkennen.  Der Platzverweis war natürlich eine Benachteiligung der Hannoveraner, änderte aber auch wenig am Spiel, denn das Momentum war ganz klar nicht auf der Seite der Rothosen. Zu dem Zeitpunkt, als der Stürmer vom Platz flog, hatte 96 vier Torschüsse, alle stammten aus der ersten Halbzeit. Selbst als Wolfsburg nach dem dritten Treffer – natürlich nach einer Flanke, wie sollte es anders sein – auf ein defensiveres 4-1-4-1 umstellte und dem Gegner mehr Raum im Mittelfeld überließ, kamen keine zündenden Ideen von Hannover. Nach der roten Karte gegen Ya Konan war das Spiel entschieden. Das 4:1 durch Madlungs schönen Freistoß war nur noch das I-Tüpfelchen für Felix Magath.

Fazit

Hannover 96 fügt seiner schwachen Auswärtsstatistik eine weitere Niederlage hinzu. Sie ließen sich von der ersten Minute an von Wolfsburgs sehr aggressivem Ansatz den Zahn ziehen. Dabei hätten sie die Lücken, die sich durch das ständige Aufrücken der Mittelfeldspieler ergaben, durchaus nutzen könnten. Spätestens als Schlaudraff fast als dritter Sechser agierte, war aber kein Spieler mehr übrig, der zwischen den Linien für Unruhe hätte sorgen können. Slomkas forsche Umstellung nach der Pause ging nicht auf, so dass am Ende ein klares 1:4 steht. Selbst wenn Ya Konan nicht rot gesehen hätte, wäre ein Sieg für Slomkas Elf bei dieser Leistung utopisch gewesen.

Der VfL Wolfsburg ist diese Saison recht unberechenbar. Schwachen Leistungen wie gegen Borussia Dortmund, wo sie nach einer guten Anfangsviertelstunde komplett einbrachen, folgen kämpferisch starke Spiele wie an diesem Nachmittag. Magaths Taktik ging in diesem Spiel auf, auch wenn seine Mannschaft im Spielaufbau teilweise zu ungenau und behäbig wirkt. Um jedoch mehr als eine Mittelfeldmannschaft zu sein, muss endlich Kontinuität reinkommen. Da würde es auch helfen, wenn Magath seine Stammelf fände und nicht andauernd Spieler von der Startelf in die zweite Mannschaft verbannen würde.

 

junichi 20. November 2011 um 09:31

Bei aller Unterlegenheit der Hannoveraner:
Eine krasse Benachteiligung ihrerseits durch den Schiedsrichter. Rote Karte war keine, Handelfmeter nicht gegeben und ein fast sicheres Tor durch unfassbaren Abseitspfiff gestohlen, war wohl nicht mal gleiche Höhe. Hannover wurde diese Saison schon auffallend oft benachteiligt; Slomkas Schweigen zu Schieri-Entscheidungen ist zwar lobenswert, zum Vorteil gereicht es seinem Klub jedoch anscheinend nicht.

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