Donnerstag, 19.10.2017

Österreich unter Marcel Koller

Beim Auswärtsspiel gegen die Ukraine wurde für die österreichische Fußballnationalmannschaft eine neue Ära eingeleitet. Unter dem neuen Trainer Marcel Koller hatte man keine leichte Aufgabe, meisterte diese jedoch sehr gut – und verlor dennoch knapp wie unglücklich mit 1:2 durch einen Gegentreffer in der neunzigsten Minute. Doch welche Schlüsse kann man aus diesem Spiel ziehen und kann man bereits ein paar Entwicklungen vorwegnehmen?

Die Spielerwahl

Bis auf Torhüter Almer, der sein Teamdebüt feierte, wurden großteils verdiente und bekannte Spieler aufgestellt. Mit Janko, Arnautovic, Alaba, Baumgartlineger, Ivanschitz und Harnik traten in der Offensivreihe fast ausschließlich gestandene Spieler aus stärkeren Ligen an, in der Abwehrreihe gab es mit Fuchs, Pogatetz und Prödl ebenfalls Legionäre, lediglich Franz Schiemer ist aus der heimischen Liga.

Grundformation gegen die Ukraine

Somit ging Koller relativ geringes (mediales) Risiko und schickte nominell eine ziemlich gute Mannschaft in die Partie, doch trotz der guten Leistungen in den Stammvereinen jener Spieler fällt auf, dass einerseits die Laufwege und Synergieeffekte fehlen, andererseits zeigt sich, dass sie trotzdem in gewissen Bereichen Mängel aufweisen – Arnautovic zeigte sich bei Pässen sehr unpräzise, Ivanschitz fehlt die Dynamik im Offenisvzweikampf und Harnik die Zielstrebigkeit in seinen Aktionen. Viele Spieler werden anders eingesetzt, als es ihren Stärken entsprechen würde und deshalb treten gewisse Schwächen deutlicher zutage als in ihren Vereinen, doch ein großes Lob verdient Marcel Koller für die Aufstellung der Doppelsechs in Person von Baumgartlinger und Alaba. Die beiden hielten das Zentrum dicht und boten in der Offensive immer eine sichere Anspielstation, einige gefährliche Weitschüsse hätten ihre gute Leistung fast krönen können.

Problematisch war jedoch hauptsächlich die fehlende Defensivstärke Harniks und die Langsamkeit Ivanschitzs, da diese beim Umschalten weder schnell genug hinten noch effektiv in der Zweikampfführung waren und die Außenverteidiger hinter ihnen zu oft alleine auf einen Gegenspieler trafen. Es scheint so, dass die grundsätzliche Ausrichtung der österreichischen Nationalmannschaft zu stimmen scheint, doch ohne die passenden Außenspieler werden insbesondere die Schwächen der Innenverteidiger Prödl und Pogatetz sowie von Rechtsverteidiger Schiemer entblößt – bei ersteren beiden ist es die Geschwindigkeit im Laufduell, bei letzterem im Grunde genommen „nur“ die fehlenden Anlagen für diese Position, seien sie taktischer oder körperlicher Natur. Augenfällig wurde dies, wenn sich die Viererkette zurückschob und auf einer Höhe mit gleichen Breitenabständen agieren sollte, doch Schiemer sich oftmals zu nah an seinem Gegenspieler orientierte und eine Schnittstelle in der Viererkette öffnete.

Die Defensivformation

Die Österreicher versuchten mit ihrem 4-2-3-1/4-4-1-1-Hybridsystem möglichst kompakt zu spielen und eine enge Viererkette in der ersten Ebene durch eine breitere in der zweiten Ebene zu verdichten und sich um gegnerische Vorstöße zu kümmern. Grundsätzlich eine hervorragende Idee, doch da die beiden Außenstürmer wie erwähnt Schwierigkeiten im Rückwärtsgang zeigten, waren die wenigen Konter der Ukrainer ziemlich effektiv. Yarmolenko und vielmehr noch Aliev konnten mit viel Zug ihre jeweiligen Gegenspieler überrennen und hatten dadurch deutliche Vorteile im Offensivzweikampf, was Fuchs zwar als gelernter Außenverteidiger einigermaßen entschärfen konnte, doch über die österreichische rechte Seite konnten die Osteuropäer einige gefährliche Angriffe vortragen.

Defensivformation gegen die Ukraine

Im Nachhinein betrachtet fällt es allerdings sehr schwer, eine geeignetere Mannschaftsaufstellung zu finden und prinzipiell darf man sagen, dass Österreich wenig Angriffe zuließ und defensiv eine gute Leistung zeigte, allerdings das Spielermaterial für eine so hohe Verteidigungskette fehlt, denn überraschenderweise konnte man beobachten, dass die Viererkette hoch aufrückte und in der Offensivreihe der ÖFB-Elf einige Male Ansätze von Angriffspressing zu erkennen waren.

Mit Alaba und Baumgartlinger besitzt man dennoch zwei herausragende Spieler, die einigermaßen dynamisch sind und weder Zweikampfstärke noch Spielintelligenz vermissen lassen, also strategisch das Verteidigungsspiel in die Tiefe (Pressing) sowie das Defensivspiel in der Breite (Verschieben) hervorragend organisieren könnten, ohne ihre Offensivgänge zu vernachlässigen oder die eigenen Zweikämpfe im Zentrum vermehrt zu verlieren.

Der Spielaufbau

Neben der veränderten Defensive dürfte auch der Spielaufbau der Österreicher aufgefallen sein. Mit einer sehr mutigen Spielweise, die fast für ein Kontertor gesorgt hätte, drückte man die Ukrainer vom ersten Moment an in deren eigene Hälfte zurück. Die Außenverteidiger rückten sehr weit nach vorne auf und positionierten sich so hoch, dass sie auf einer Linie mit der Doppelsechs zu finden waren und das Spiel nicht nur breit machten, sondern auch tief.

Spielaufbauformation gegen die Ukraine

Alaba und Baumgartlinger hatten nun die Aufgabe, sich durch konstantes Freilaufen anzubieten und den beiden Innenverteidigern, die ebenfalls breiter agierten, eine Anspielstation zu geben. Mit dieser Art des Spielaufbaus hatte man viel Zugriff auf den gegnerischen Raum und hebelte sämtliche Pressingversuche des EM-Gastgebers aus, doch einen großen negativen Effekt hatte es auch: Die Ukrainer standen extrem tief und Kollers Elf war im letzten Drittel zu überhastet und ohne Kreativität, was lange Zeit für ein Mittelfeldgeplänkel mit vielen Seitenwechseln sorgte.

Auffällig war aber ebenso, dass Ivanschitz etwas tiefer als Harnik agierte und Schiemer sich in seiner Rolle als Offensivantreiber oftmals nicht wohl zu fühlen schien. Deshalb entstand eine starke Linkslastigkeit im Spiel der Österreicher und sie wurden zu ausrechenbar. Arnautovic musste sich sehr stark nach links begeben und einige Male kam es vor, dass die Ukraine den Raum bereits beim Abstoß so zustellte, dass Almer bzw. den beiden Innenverteidigern nichts anders als ein langer Ball auf Janko übrig blieb, was allerdings keine schlechte Idee war. Durch die hohe Viererkette konnten die Ukrainer sich nicht problemlos aus dem Würgegriff des österreichischen Defensivverbunds befreien. Ein Problem könnte allerdings Arnautovic werden, der sich im Zentrum viel zu sehr als Stürmer präsentierte und Bälle im zweiten und letzten Drittel förmlich anzuziehen schien, doch im Spielaufbau wirkte er unbeteiligt und machte zu wenig Kilometer, um überhaupt konstant als ernsthafte Anspieloption wahrgenommen zu werden.

Die Offensive

Wie erwähnt konzentrierte sich das Offensivspiel der Österreicher das Gros der Zeit auf die linke Seite über den bemühten Ivanschitz und den Schalker Kämpfer Fuchs, die beide eine solide Leistung zeigten und für die meisten gefährlichen Chancen sorgten.

Offensivformation gegen die Ukraine

Zwei Punkte, die extrem auffielen, waren die exorbitanten Zahlen an Flanken und Weitschüssen, es wirkte fast so, als hätte Koller die kreative Schwäche seiner Mannschaft zu einer Stärke umfunktionieren wollen, indem er schlichtweg nicht den flachen Ball in den Strafraum wollte, sondern möglichst viele Torabschlüsse und hohe Bälle auf Marc Janko, der fast schon stoisch bis zum letzten Spielviertel seine Position als Wandspieler hielt.

Mit Alaba und Baumgartlinger agierte man mit einer fluiden Doppelsechs, die sich beim Aufrücken abwechselte, während der zweite Spieler als Absicherung und Zerstörer dahinter fungierte. Der aufgerückte Spieler wirkte demzufolge wie ein box-to-box-midfielder und versuchte mit Weitschüssen im Rücken der Abwehr den gegnerischen Torhüter zu überraschen, was einige Male gelang, doch Janko und Arnautovic waren bei den Abstaubern nicht rechtzeitig zur Stelle. Harnik und Schiemer auf rechts waren lange Zeit abgemeldet und konnten im letzten Drittel den Ball nur erhalten, wenn er über das Zentrum weitergeleitet wurde. Dennoch konnten sie keine Gefahr bei den Ukrainern entfachen und hätten sich ein Beispiel an der gegenüberliegenden Seite nehmen sollen – Fuchs hinterlief seinen Vordermann andauernd, während Ivanschitz sich nach dem Hinterlaufen auf eine offensivere Halbposition orientierte, um Fuchs mehr Raum zu geben und sich selbst in einer offensiv effektiven Position anzubieten.

Fazit

Die Österreicher zeigten mit einer guten Leistung, einem ruhigen und risikolosen Aufbauspiel und einer relativ soliden Defensivleistung sehr gute Ansätze, doch man wird sehen, wie das System in Zukunft funktionieren wird.

Marcel Koller scheint ein taktisch anspruchsvolles und sicheres System einführen zu wollen, in dem das junge Zentrum als Herzstück einer neuen Generation fungiert, die einen ansprechenderen Fußball zeigen soll, ohne dem Gegner ins Messer zu laufen. Die 4-4-1-1/4-2-3-1-Hybridformation wirkt dafür ideal und falls der psychische Druck der österreichischen Spieler gemindert wird, welcher sich in den letzten Jahren direkt durch Kritik und indirekt durch eine paradox wirkende Mischung aus übertriebener und nicht vorhandener Erwartungshaltung aufgebaut hat.

Michael Putu 18. November 2011 um 08:13

Guter Artikel!

Kann man Ihnen nur dazu gratulieren. Selten habe ich eine so gute Zusammenfassung und taktische Analyse über den ÖFB gesehen. Ich hoffe, dass Sie in Zukunft öfter über das österreichische Team berichten werden! Meinen Facebooklike haben Sie schon mal sicher.

Zum Spiel, meiner Meinung nach sollten Ivanschitz und Arnautovic Position tauschen denn gerade ein Arni hat auf der Außenposition seine Stärken in den 1:1 Situationen, sowie Schnelligkeit und Technik. Ein Ivanschitz kann ich mir sehr gut in der Zentrale hinter einem Janko oder Harnik vorstellen, welcher die Bälle verteilt und den quasi 10er gibt.

Das Arni nicht gerade der Defensivarbeiter ist, ist mir aber auch klar jedoch denke ich, dass Koller das auch noch hinbekommen wird. Für die RAV Position kann man nur hoffen das Garic, quasi unser einziger Mann mit internationalen Niveau auf dieser Position, wieder Fit wird und gute Leistungen im Team zeigt.

Gute Leistung und Verloren… Standard leider bei uns, hoffe auf Besserung!

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mfl 17. November 2011 um 21:03

bravo, wirklich gute analyse!!
schade, dass die meisten leute lieber eine nichtssagende 5 satz zusammenfassung in einer von den vielen kolumnen lese.

garics koennte uns rechts viel helfen, wenn er wieder 100% fit ist.

korkmaz waere eine alternative zu ivanschitz auf der linken seite wenn er wieder zu alter form findet und verletzungsfrei bleibt.

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hermes 17. November 2011 um 14:55

bin gerade zum ersten mal auf eure seite gestoßen – bin begeistert!

sehr gute analyse! das erschreckende daran: man hätte sie in ihren grundzügen auch schon vor dem spiel schreiben können. dass sich durch die aufstellung vom gelernten innenverteidiger schiemer in der offensivbewegung eine linkslastigkeit entwickelt und er mit seinen hüftsteifen 185cm auch nicht die qualitäten mitbringt um den dynamischen konoplyanka (den hat auch der autor gemeint, nicht aliev, oder?) in zaum zu halten war auch vor anpfiff klar. ebenso, dass ivanschitz für einen flügelspieler zu wenig dynamik mitbringt und im zentrum besser aufgehoben ist. insofern bin ich von der aufstellungspolitik herrn kollers auch wenig angetan.

auffallend ist allerdings auch, dass im öfb-team hinter harnik noch jeder rv eine schlechte figur gemacht hat. im artikel wird auch die defensivschwäche von harnik angesprochen. das bringt mich zu meiner frage:

wie funktioniert das beim vfb? räumt da boulahrouz einfach alles aus dem weg, was harnik durchlässt oder agiert er dort defensiver? anders gefragt: ist es (k)ein zufall, dass in stuttgart auch ein gelernter iv hinter harnik spielt? als österreicher sehe ich nicht soviele vfb-spiele, wäre dankbar wenn mir jemand harnik und sein spiel dort erläutern könnte…

lg,hermes

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ct 18. November 2011 um 09:23

Bin zwar auch Österreicher, verfolge aber die deutsche Bundesliga: Harnik spielt beim VFB nicht auf der Seite sondern gemeinsam mit Cacao im Angriff.

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Der der den Hut zog 17. November 2011 um 12:38

Wie mein Name schon sagt Hut ab!

Selten, wenn nicht sogar noch nie, eine bessere Analyse über eine Österreichische Nationalmannschaft gelesen. (Ein kleiner Fehler der junge Mann heißt Baumgartlinger und nicht -Baumgartlineger)
Und dieser Satz „Im Nachhinein betrachtet fällt es allerdings sehr schwer, eine geeignetere Mannschaftsaufstellung zu finden“ ist irgendwie erschreckend, denn auch ich finde wir haben kaum einen Fehler gemacht (Schiemer ausgenommen) und gewinnen trotzdem nicht.
Auf jeden Fall bedanke ich mich für diese großartige Analyse und ich hoffe der ÖFB und österreichische Journalisten lesen diese auch mal!

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