Münster und Bielefeld in der 3.Liga

Zwei traditionsreiche langjährige Erstligisten im Duell – eine Mischung aus Spiel- und Mannschaftsanalyse.

In der jüngeren Vergangenheit sind die beiden großen nordwestdeutschen Rivalen sehr unterschiedliche Wege gegangen – Bielefeld stieg nach einer langen Periode im Oberhaus nun zweimal binnen drei Jahren ab und schrieb Negativschlagzeilen en masse, während das Gründungsmitglied der Bundesliga aus Münster sich aus den Niederungen des Ligensystems langsam aber sicher bis in die 3.Spielklasse vorarbeiten konnte, wo man sich diese Saison mit den Bielefeldern trifft.

Dies war das erste Pflichtspiel-Derby – zuvor gab es höchstens das Duell zwischen Münster und Bielefeld II, was die gegensätzlichen Wege der beiden noch einmal unterstreicht – seit 16 Jahren, welches nach mehrfachen Verschiebungen wegen Sicherheitsbedenken nun endlich stattfinden konnte. Zwar musste man erneut einen Termin ohne weitere Ligaspiele in Deutschland anpeilen und sorgte sich deshalb um die mögliche Anreise gewaltbereiter Anhänger weiterer Mannschaften, so dass es ein extremes Polizeiaufgebot gab, doch letztlich blieb es fast gänzlich friedlich.

Münsters Saison

Für die Rückkehr in die dritthöchste deutsche Spielklasse rüsteten sich die Preußen mit einigen neuen Spielern, deren Integration durch Erfolgstrainer Marc Fascher herausragend gelang und zu einem überraschend starken Saisonstart führte. So kratzte man nach 9 Spielen an den Aufstiegsrängen, musste in der Folge aber eine kleine Schwächephase mit nur 6 Punkten aus 6 Spielen hinnehmen. Aufgrund der Enge der Liga lag man allerdings vor dem Spiel trotzdem als Zwölfter nur 3 Punkte hinter dem Relegationsplatz zurück. Es herrscht weiterhin große Euphorie an der Hammer Straße, die Fans tragen ihren Verein mit großer Kulisse durch die bisherige Saison und das ambitionierte Ziel eines (oberen) Mittelfeldplatzes scheint realistisch.

Preußen Münster im Spiel gegen RW Oberhausen (06.08.2011)

Aus einem 4-2-3-1/4-4-1-1 heraus spielen die Grün-Schwarzen auf schnelle Konter. Die beiden tiefstehenden Viererketten vor dem eigenen Tor sind sehr schwer zu durchdringen, die Domstädter agieren in der Verteidigungsarbeit sehr diszipliniert und konditionsstark, verengen die Räume meistens vorbildlich, was sich in der zweitbesten Defensive der Liga niederschlägt, dank jener man es sich sogar erlauben kann, durchschnittlich nur ein Tor pro Spiel zu erzielen. Die gute Ordnung der Mannschaft wird maßgeblich von den vielen erfahrenen Spielern bestimmt, die exzellente Organisationsfähigkeiten vorweisen können, die Anforderungen der Spielklasse beherrschen und brisante Situationen häufig mit der nötigen Ruhe entschärfen können – beispielhaft sei hier Innenverteidiger Kirsch genannt, aber auch die beiden Mittelfeldspieler Truckenbrod und Ornatelli, die taktisch wie spielerisch zum oberen Niveau der Liga gezählt werden können.

Eine dominante Rolle nimmt bei den Münsteranern ihre linke Seite mit dem sehr offensiven Außenverteidiger Huckle und dem schnellen, dynamischen und trickreichen Flügelspieler Vunguidica, Leihgabe aus Köln, die sich hervorragend eingelebt hat, ein. Allerdings wird man auf diesem Wege auch anfällig in der Defensive, da Huckle weit aufrückt. Bei sehr vielen der wenigen Gegentreffer war diese Fehlerquelle ausschlaggebend – Huckle kam nicht schnell genug nach hinten und der Gegner konnte den Ball durch die geöffnete Schnittstelle spielen.

In den letzten Spielen fand sich Vunguidica aber immer häufiger auf der Bank, als Joker genutzt, wieder und man spielte mit Kluft auf der linken und Ornatelli auf der rechten Seite. Letzterer zog häufig in die Mitte, um seine Spielstärke einzubringen und Duah die Außenbahn zu öffnen, während Kluft einen recht klassischen Flügelspieler gab, aber häufig sich den Bewegungen Ornatellis anpasste und die Seite wechselte, um dort den Raum zu füllen, so dass Huckle dann die Flanke alleine zu beackern hatte. Vorne setzte man auf ein wechselndes Sturmduo aus Güvenisik, Vujanovic und dem 38-jährigen, aber noch immer athletischen N´Diaye, wobei Ersterer meist die Stoßspitze spielt, während die anderen beide Rollen einnehmen können.

Bielefelds Saison

Nach dem sang- und klanglosen Abstieg in die dritte Liga schien es zu Saisonbeginn beinahe so, als ob die Ostwestfalen mit einem absoluten Horrorszenario konfrontiert werden würden – anstatt des anvisierten sicheren Mittelfeldplatzes startete man direkt mit einer extremen Niederlagenserie und fand sich sogar zeitweise sieglos auf dem letzten Tabellenplatz wieder.

In Folge dessen wurde der neue Trainer Markus van Ahlen – ein smarter Kommunikator, fachlich kompetent und ehemaliger Jugendtrainer, der aber seine theoretische Kompetenz nicht in eine gefestigte Strategie und auf den Platz bringen konnte – nach 10 Spieltagen beurlaubt und durch den bisherigen Co-Trainer Stefan Krämer ersetzt, der zuletzt drei Siege in vier Spielen mit der Mannschaft schaffte. Beim ersten gewonnen Spiel lief er bei Temperaturen um den Gefrierpunkt die komplette Spieldauer im T-Shirt die Seitenlinie auf und ab, was er bei den folgenden Partien aus Aberglaube wiederholte. Interessant an dieser Anekdote ist, dass sie auch ein geschickter Schachzug des neuen Trainers ist – er lenkt die gebündelte Aufmerksamkeit der Lokalpresse auf diese Geschichte, nimmt den Fokus und den Druck von seiner Mannschaft, die sich ruhig vorbereiten kann und wenige Fragen zum Aufschwung anhören muss.

Aus taktischer Sicht lässt Krämer ein durchaus modernes taktisches Konzept praktizieren, allerdings baut er auf der Arbeit seines Vorgängers auf – es ist nichts Revolutionäres, aber zeitgemäß, und besitzt Stärken ebenso wie auch noch einige Schwächen.

Arminia Bielefeld im Spiel gegen RW Oberhausen (05.11.2011)

Anders als viele Konkurrenten lässt Krämer ein 4-1-4-1 mit einer sehr offensiven und angriffslustigen Besetzung praktizieren. Der in der Bayern-Jugend ausgebildete Tom Schütz gibt auf der Sechs den Ballverteiler, während vor allem die fünf Offensiven vor ihm das Angriffsgeschehen bestimmen. Schlüsselspieler sind im rechten Mittelfeld Johannes Rahn sowie zentral der von Bochum ausgeliehene Marc Rzatkowski. Der sehr torgefährliche Rahn zieht in die Mitte und Rzatkowski öffnet ihm die Räume, er ist essentieller Zuarbeiter und Spielmacher im letzten Drittel, vorne schafft er jene Räume und will immer kombinieren, defensiv presst er vorne mit dem Mittelstürmer und lässt seinen Nebenmann Schönfeld Lücken füllen, oder jener attackiert mit und Rzatkowski hilft Schütz mit seiner Spielintelligenz. Man wechselt sich also ab und spielt gleichmäßig, wobei der eine (Rzatkowski) kreativer und leichtfüßig, der andere (Schönfeld) körperlich robust und sehr kampfstark, allerdings technisch etwas limitiert und nicht so handlungsschnell (aber reaktionsschnell) ist. Offensiv praktiziert man dieses Abwechseln ebenfalls, je nach Situation wird einer von beiden gebraucht, entweder Schönfelds Power-Vorstöße oder Rzatkowskis Ausweichen und Rochieren/Kombinieren mit Rahn, der jeweils andere füllt die entstandenen Lücken zusammen mit dem Stürmer. Gegen Münster wurde diese Fluidität allerdings nicht so stark ausgeübt.

Das Problem der Bielefelder Ausrichtung liegt darin, dass der linke Mittelfeldspieler (Hille oder Krük) qualitativ abfällt und vor allem dass Fabian Klos vorne sehr viel taktische und Laufarbeit verrichtet, dadurch aber die Anspielstation in der Spitze und einiges an Durchschlagskraft fehlt, was dadurch verstärkt wird, dass die beiden Außenverteidiger relativ tief bleiben und nur sporadisch im letzten Drittel unterstützen.

Dadurch ergibt sich eine bisweilen zweigeteilte Mannschaft, welche das größte Manko der Arminen darstellt. Auch wenn Schütz mit seiner Intelligenz häufig sehr gut steht und viele Bälle abfängt, so muss er doch einiges an Raum alleine abdecken, da die offensiven Mittelfeldspieler sehr hoch stehen. Für den Gegner entstehen so Freiräume, da Arminia einerseits früh presst, aber andererseits die Abwehr wegen der fehlenden Schnelligkeit gerne zurückweicht. Man befindet sich in einem Dilemma, da man dem Gegner entweder die Räume im Mittelfeld gewährt oder die Außenverteidiger ins Zentrum vorrücken müssen, womit sie aber die Schnittstellen zu den Innenverteidigern heftigst öffnen.

Die beiden Teams im Duell – Wechselwirkung der Formationen

Grundformationen im direkten Duell

Es waren genau diese Räume, die zu fast allen Chancen für die Hausherren führten. Bielefeld dominierte die Partie über weite Strecken, doch gegen die sichere, kompakte und kampfstarke Preußen-Deckung gab es aufgrund der fehlenden Durchschlagskraft erst recht kein Durchkommen, zwar legte man viele Bälle ab, doch gegen diesen defensivstarken Gegner war das nicht genug.

Doch auch die Preußen vergaben ihrerseits ihre Konterchancen oder spielten sie gegen einen zurückweichenden Gegner schlecht aus. Zu häufig wählte man den erneuten Pass auf die Außen, zu selten das vertikale Zuspiel wie bei ihrer wohl besten Chance und der besten des Spiels, als Ornatelli an Ortega scheiterte (74.). Bielefeld musste für sein frühes Pressing hier in manchen Szenen die Zeche zahlen, während man in anderen für Mut und Risiko (auch im guten Gegenpressing) belohnt wurde, als man die Bälle schnell zurück gewann, Münster nach hinten drücken und unter konstantem Druck einschnüren konnte. Gegen zwei heran rauschende Mittelfeldspieler wurden die Probleme der Gastgeber, das Spiel aus der Abwehr aufzubauen,  noch deutlicher, da der Pass ins Mittelfeld schwerer war, die dortigen Spieler auch versuchten, vertikal hinter die Bielefelder Viererreihe zu kommen, und man generell weniger Zeit hatte.

Insgesamt hatten also beide Mannschaften zu viele Probleme und nicht die Klasse, jene des anderen auszunutzen. Bielefeld kontrollierte und war überlegen, Münster hatte mehr Chancen, am Ende verteidigte man nach dem Platzverweis eine halbe Stunde vor Schluss in einem 4-5-0 nur noch das eigene Spielfelddrittel, womit man kaum Entlastung fahren konnte, was es für Bielefeld aber auch sehr schwach machte, so dass es beim 0:0 blieb.

Fazit

Dieses torlose Remis war letztlich ein gerechtes Ergebnis für ein umkämpftes und intensives Derby mit vielen Zweikämpfen, Fehlern und einem eher schwachen Geläuf. Positiv war, dass Ausschreitungen fast ausschließlich vermieden werden konnten und beide Teams mit diesem Punkt durchaus leben können – Preußen Münster klettert auf Rang 8, muss aber nächste Woche gegen den Tabellenführer ran, Bielefeld holt einen weiteren Zähler und nimmt gegen das Schlusslicht Jena einen weiteren Sieg in Angriff.

Matthias 15. November 2011 um 11:36

Vielen Dank für die Analyse! Auch ich würde mich über weitere Drittliga-Analysen freuen. Ich freue mich schon darauf die hier gewonnenen Erkenntnisse (besonders in der Mannschaftsanalyse) beim nächsten Almbesuch zu überprüfen.

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Schnobbelbobbel 13. November 2011 um 01:11

Könnt ihr in Zukunft öfters auch Spiele der Dritten Liga analysieren? Das wäre super 🙂

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