1. FC Köln – Hannover 96 2:0

Zwei Podolski-Tore entscheiden ein ausgeglichenes Duell, in dem der FC nach hinten fast nichts zuließ, während die Hannoveraner Probleme im Spielaufbau hatten und ihre bekannte Konterstärke nicht ausspielten.

Solbakken gehen die Stürmer aus

Grundaufstellungen

FC-Trainer Solbakken musste sein bevorzugtes 4-4-2-System aufgeben, weil ihm dafür ganz einfach die Stürmer fehlten. Deshalb stellte der Coach Podolski als alleinige Sturmspitze auf und postierte Jajalo für den verletzten Novakovic dahinter, sodass ein 4-4-1-1-System entstand. Damit spielte Podolski anders als zuletzt in vorderster Front, und dort sollte er auch überwiegend spielen.

Der norwegische Trainer kritisierte am Nationalspieler zuletzt seine Angewohnheit, sich weit ins Mittelfeld zurückfallen zu lassen um dort die Bälle abzuholen. Nach Solbakkens Meinung verliert Podolski damit viel von seiner Torgefahr. Stattdessen sollte er sich gegen Hannover näher am gegnerischen Tor aufhalten um dort seine Stärken auszuspielen, was insgesamt auch gut gelang. Jajalo, der in den Spielen zuvor im zentralen Mittelfeld agiert hatte, wurde von Lanig ersetzt, zudem kamen Jemal für den verletzten McKenna und Brecko für Andrezinho ins Team.

Auch bei den Gästen aus Hannover wurde die Startaufstellung gegenüber dem 3:2-Erfolg gegen Werder Bremen auf drei Positionen verändert: Für Schlaudraff, Pander und Cherundolo kamen Ya Konan, Chahed und Rausch ins Team. Taktisch agierte die Slomka-Elf im gewohnten 4-4-2. Gespannt sein durfte man im Vorfeld der Partie, wie die Spielanteile zwischen den beiden Konterteams verteilt sein würden. Der FC hatte in Berlin erneut unter Beweis gestellt, dass er sich mit dem Spielaufbau noch immer schwer tut, 96 hatte in diesem Bereich im Vergleich zur Vorsaison enorme Fortschritte zu verzeichnen und konnte mit einem Sieg auf den zweiten Tabellenplatz klettern.

Köln überlässt Hannover das Spiel – und kontrolliert es dennoch

Wie schon zu erwarten war verzichteten die Hausherren auf eine aktive Ballgewinnung in der gegnerischen Hälfte. Stattdessen ließen sie die Hannoveraner bis kurz vor die Mittellinie kombinieren. Dort aber standen die FC-Spieler eng gestaffelt, mit der für Solbakken typischen hohen Abwehrkette, sodass das Kombinieren durch diesen engen Verbund praktisch unmöglich war.

Hannover versuchte mit verschiedenen Mitteln gegen diese Art der Verteidigung zu spielen, letztlich war jedoch keine davon nachhaltig erfolgreich. Zunächst ließ sich ein defensiver Mittelfeldspieler fallen und holte den Ball aus der Innenverteidigung ab, jedoch war man damit nicht wesentlich weiter und hatte auch im folgenden Probleme den Ball in die gegnerische Hälfte zu bringen. Ya Konan ließ sich immer wieder auf die Außen oder ins Mittelfeld fallen um so der strikten Zonenverteidigung der Kölner zu entgehen und sich als Anspielstation im Mittelfeld anzubieten. Doch den Gästen fehlten ganz einfach Bewegung, aber auch spielerische Klasse, um das immer besser funktionierende Abwehrbollwerk der Gastgeber zu knacken.

Bei vielen vertikalen Pässen antizipierten die FC-Verteidiger zudem gut und konnten so schon vor dem Passempfänger am Ball sein. Auf diese Weise wurden einige viel versprechende Konter eingeleitet, die jedoch an der ebenfalls gut verteidigenden Hintermannschaft der 96er scheiterten.

FC-Spiel durch das Fehlen Novakovics verändert

Durch das Fehlen eines kopfballstarken Stoßstürmers änderte sich bei den Kölnern auch die Rolle der Außenspieler. Diese versuchten gerade in der ersten Halbzeit vermehrt in Richtung Sturmzentrum zu dribbeln, anstatt den Weg über die Außen mit anschließender Flanke zu suchen (nur sechs Flanken während der gesamten Spielzeit gegenüber 22 auf der Gegenseite). Dadurch waren die Außen mehr als üblich in das Kombinationsspiel eingebunden. Zu dem Begriff Kombinationsspiel muss man allerdings sagen, dass ein Kölner Angriff normalerweise nicht allzu viele Stationen hat, da die Bälle schnell und risikoreich in die Tiefe gespielt werden und das Risiko eines Ballverlustes ganz bewusst in Kauf genommen wird.

Podolski schwankte zu Beginn zwischen einem klassischen Stoßstürmer und einem Mittel aus eben dieser Rolle und seinem Spiel als bewegliche hängende Spitze. Jajalo war eine Mischung aus hängender Spitze und offensivem Mittelfeldspieler, defensiv reihte er sich zunächst ins Mittelfeld an, unterstützte aber Podolski auch immer wieder in vorderster Front, wenn die Innenverteidiger Hannovers keine Anspielstationen hatten und zu einem ungenauen Abspiel gezwungen werden konnten.

Hannover überbrückt das Mittelfeld

Im Laufe der ersten Hälfte reagierten die 96-Aufbauspieler auf die fehlenden Anspielstationen im Mittelfeld mit einem logischen Schritt: Anstatt flach über die Zentrale aufzubauen wurden immer mehr Bälle hoch in den Rücken der Kölner Verteidiger gespielt. Vor allem Schulz versuchte häufig seinen schnellen Vordermann Rausch einzusetzen. Brecko hatte einige Male Mühe mit diesen langen Zuspielen, sodass Hannover auf diese Weise gefährlicher war als mit dem kurzen Aufbauspiel.

Da dies das einzige Mittel war, mit dem der HSV bis zur Halbzeit gefährlich werden konnte, reagierte Solbakken in der Pause auf das Stilmittel der Gäste und postierte seine Abwehr ganz einfach etwas tiefer, sodass nun der gesamte Abwehrblock – einschließlich der Stürmer – weit in der eigenen Hälfte verteidigte. Dies führte zwar zu mehr Sicherheit bei langen Bällen, brachte jedoch auch den Nachteil mit sich, dass der Weg zum Gäste-Tor nun wesentlich länger war und Konter damit weniger erfolgsversprechend waren.

Hannover lässt schnelles Umschalten vermissen

Die auffallendste Schwäche der Hannoveraner war jedoch nicht ihr einfallsloser Spielaufbau, sondern ihr schlechtes Umschaltverhalten nach Ballgewinn. Viel zu häufig ließ man sich von einzelnen FC-Akteuren aus der Ruhe bringen und an schnellen vertikalen Zuspielen hindern. Aber auch das generelle Verhalten hatte sich verändert, der erste Blick ging nicht wie gewöhnlich in die Tiefe, um den Gegner ungeordnet zu attackieren, sondern wanderte zuerst zu Neben- oder Hintermännern, die sicher angespielt werden konnten.

Da eine solch gravierende Umstellung der Spielweise kaum zufällig geschehen kann, stellt sich die Frage, welche Absichten der HSV mit dieser Spielweise hatte, beraubte man sich doch seiner größten Stärke und betonte zugleich die bekannten Stärken des Gegners (Defensivarbeit, Konterspiel). Die einzig mögliche Erklärung erscheint, dass Slomka die Kölner defensiv für nicht allzu gefestigt hielt und dem eigenen Aufbauspiel mehr vertraute als vielleicht angebracht war, sodass er sich nicht auf ein Spiel zweier Kontermannschaften einlassen wollte.

Fazit

Der FC zeigte, dass die 0:3-Schlappe in Berlin nur ein Ausrutscher war und bestätigte den zuvor gewonnen Eindruck einer sehr gefestigten Defensive. Doch wie schon in den letzten Spielen war man offensiv gänzlich aufs Konterspiel spezialisiert, ist außerdem noch immer sehr stark von der individuellen Klasse Podolskis abhängig. Abgesehen von seinen beiden hervorragenden Schüssen blieb man offensiv über weite Strecken der Partie harmlos. Wie schon vor einigen Wochen angemerkt, sollten sich hier aufgrund der Entwicklung des FC Kopenhagen unter Solbakken in den kommenden Wochen Verbesserungen einstellen.

Hannover zeigte eine ungewöhnliche Abkehr von der eigenen Spielweise, das schnelle Umschalten nach Ballgewinn fehlte fast gänzlich, wobei die Kölner auch sehr schnell wieder in der Ordnung waren und Ballgewinne aufgrund des vertikalen FC-Spiels fast nur im eigenen Spielfelddrittel erzielt wurden. Defensiv stand man über weite Teile der Partie ordentlich, in den entscheidenden Aktionen fehlte allerdings sowohl offensiv als auch defensiv die nötige Handlungsschnelligkeit.

piedra.montana 19. Oktober 2011 um 15:45

Stefan hat vollkommen recht.

Bei langen diagonalen Bällen hinter die Abwehr offenbart sich eine Schwäche in Solbakkens System, wie es hier bei spielverlagerung.de sogar beschrieben wurde, wenn ich mich recht erinnere.

Ich bin gespannt, wie es gegen den BVB aussieht, da Subotic/Hummels auch gerne mal einen Diagonalball spielen…

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Kurt C. Hose 20. Oktober 2011 um 21:27

Gegen den BVB wird der FC so spielen, als wäre es Barcelona, d.h. die mit allem Mitteln vom Tor weghalten und weit vorne („hoch stehend“) konsequent bissig beim Kombinieren behindern.

Ein so erkämpftes 0:0 in Dortmund wäre fast ein gefühlter Sieg für Köln.

Dortmund könnte angesichts der aktuellen CL im Spielverlauf vielleicht sogar frustriert und hilflos agieren, wenn sie merken, dass „nichts geht“, was dem FC in die psychologische Taktik spielen würde.

Das Toreschießen muss man Podolski und Co. ja nicht beibringen, für einen erfolgreichen Konter sind die immer gut, insofern könnte das Spiel sogar 0:1 ausgehen …

Kommt wirklich sehr darauf an, ob Dortmund ein Rezept findet und halbwegs früh trifft. Variabel spielen kann der BVB und so ein Götzinho ist auch nicht komplett auszuschalten …

0:0 steht es immer FÜR den FC 😉

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Stefan 19. Oktober 2011 um 12:45

Ein Stück weit hatte ich den Eindruck, dass Hannover durch den Kölner Defensivblock schlicht der Möglichkeit beraubt war, vertikal zu spielen.

Oder sie hatten einfach Angst vor dem Ballverlust und dem Konter.

Was irgendwie aufs selbe hinausläuft.

Mit den hohen Bällen auf die Seite hatte die Hertha zwei Wochen zuvor bereits sehr viel Erfolg. Allerdings haben die auch immer eine Anspielstation ins Zentrum gebracht.

Nur so als Ergänzung.

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piedra.montana 18. Oktober 2011 um 12:56

Mal abgesehen von den ganzen Randnotizen dieser Partie (ich meine das nicht anerkannte 1:1 durch Pinto und Podolskis herausragende individuelle Klasse):

Solbakkens Konzept geht auf. Selbst mit einer Rumpfabwehr gelang es dem FC, über weite Strecken sicher zu stehen und den Eindruck zu erwecken, Hannover gänzlich zu kontrollieren. Ich muss dem Norweger wirklich Respekt zollen, denn was er aus dem FC gemacht hat, ist erstaunlich.
Das Hoch der vergangenen Rückrunde unter Frank Schaefer lässt sich in der Nachbetrachtung auf dessen hohe Begeisterungsfähigkeit zurückführen: taktisch spielte man zu dieser Zeit längst nicht auf dem aktuellen Niveau.

Die späten Transfers wie Sereno und Jemal scheinen auch gute Griffe zu sein, was in der näheren kölschen Transfervergangenheit schon etwas ungewöhnlich ist.

Gibt man Solbakken Zeit, einen Kader mit der richtigen Balance zusammenzustellen (er leidet noch unter der Kaufsucht seiner Vorgänger (an dieser Stellte nichts gegen Andrézinho und co, aber sie sind einfach keine nachhaltigen Verpflichtungen)), kann aus dieser Kölner Mannschaft eine Spitzenmannschaft enstehen.

Das Gerüst Rensing-Geromel-Riether-Podolski genügt in meinen Augen internationalen Ansprüchen, bei sinnvollen Ergänzungen kann (theoretisch) in den nächsten Jahren wirklich mit dem FC zu rechnen sein.

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werda 20. Oktober 2011 um 13:02

Deswegen liebe ich die Kölner so: kaum gewinnt man mal ein paar Spiele (nichtmal in Folge) gehen die ersten Vorbestellungen für die Champions League ein. Nicht falsch verstehen, ich finde, dass das den Effzeh und die Domstadt wirklich einmalig macht.

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piedra.montana 20. Oktober 2011 um 13:54

Ich muss zugeben, dass du nicht ganz unrecht hast. Ich gehöre nicht zu den euphorischen Kölner Hallodris, die den FC im nächsten Jahr in der Champions League sehen, bis dahin ist es noch ein langer Weg.

Aber das was im letzten Jahr rund um den FC passiert ist (Amtsantritt Volker Finke, Verpflichtung von Rensing und Riether), zeigt, dass man zumindest versucht, vom Fahrstuhlklub-Image wegzukommen. Sinnvolle, nachhaltige Verpflichtungen von Spielern, dazu ein international erfolgreicher Trainer, der für ein gewisses Konzept steht – das alles sind Schritte in die richtige Richtung und nach knapp drei Monaten von Solbakkens Arbeit lässt sich schon ein gewisser Fortschritt feststellen.

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Oli 18. Oktober 2011 um 11:51

Vielen Dank für die Zusammenfassung. Immer wieder gut zu lesen.

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datschge 18. Oktober 2011 um 00:44

Schön. Die Taktikänderung der 96er hat mich auch irritiert.

Kleine Anmerkung: Beim Hannover SV 1896 von HSV zu schreiben ist zwar nicht falsch, dürfte aber bei einigen Lesern sich auch Irritationen hervorrufen. 😉

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