Preview zur EM-Qualifikation

Auch wenn in vielen Gruppen die Situation bereits entschieden ist, gibt es noch drei Endspiele in der EM-Qualifikation. Spielverlagerung wirft einen Blick auf diese drei Partien.

Viele Fragezeichen sind bereits ausgeräumt. Neben Deutschland sind Italien, Spanien, die Niederlande und England vorzeitig als Gruppensieger durch, andere Teams wie Russland (gegen Andorra) oder Griechenland (in Georgien) müssen nur noch ihre Pflichtaufgaben erledigen. Die meisten Mannschaften spielen daher am letzten Spieltag nur noch um ihre Ehre. Doch das Ende der EM-Quali bietet auch drei besondere Duelle, in denen zwei Teams jeweils um einen Qualifikationsplatz kämpfen. An dieser Stelle gibt es alle wichtigen Hintergrundinformationen zu diesen Partien.

Frankreich – Bosnien-Herzogowina

Noch vor zwei Jahren war die Fußballnation Frankreich auf dem Boden: Dem Vorrunden-Aus bei der WM folgte eine peinliche Posse um meuternde Stars und einen hilflosen Nationaltrainer Domenech. Neu-Trainer Blanc übernahm keinen einfachen Job, da zahlreiche Sperren für seine Top-Spieler den notwendigen Umbruch erschwerten. Dennoch meisterte er nach anfänglichen Schwierigkeiten die WM-Qualifikation gut. Gegen die aufstrebende Fußballnation Bosnien-Herzogowina reicht nun ein Unentschieden, um die direkte Qualifikation perfekt zu machen.

Seit 14 Pflicht- und Freundschaftsspielen ist Laurent Blancs Team nun ungeschlagen. Ihre Spielweise ist systematisch schwer einzuordnen: Manchmal setzten sie auf ein 4-2-3-1, das allerdings auch zum 4-4-1-1/4-4-2 werden kann, wenn Remy den offensiven Part im Mittelfeld übernimmt. Über alle Systemgrenzen hinweg setzt das Team auf viel Pressing und die Dribbelkünste ihrer Außenstürmer. Samir Nasri und Bayerns Franck Ribéry bringen von den Außen viel Gefahr. Auch Mittelstürmer Benzema zieht es oft auf die Außen, so dass hier ihre große Stärke liegt. Manchmal geht dies jedoch auf Kosten ihrer Torgefahr, da ihnen in manchen Situationen der Zug zum Tor und eine Anspielstation im Strafraum fehlt. Auch auf der Sechserposition haben die Franzosen mit M’Vila einen exzellenten Ballverteiler wie Defensivmann, der unter Blanc zum Stammspieler avancierte. Die technisch starken Franzosen im 1:1 auszuschalten ist für nahezu jeden Gegner auf der Welt schwer.

Dennoch sind die Bosnier als Gegner keineswegs zu unterschätzen. Ihre „goldene Generation“ brachte zahlreiche Starspieler in der Offensive hervor. Um seine Offensivkünstler Misimovic, Pjanic, Medujanin, Dzeko und Ibisevic in eine Mannschaft zu bekommen, setzte Trainer Susic gar auf ein 4-1-3-2 System, das im modernen Fußball recht selten geworden ist. Möglich ist das aufgrund der 35jährige „Zerstörer“ Rahimic, der durch seine Antizipation und Zweikampfstärke gegnerische Konter im Ansatz zerstört. Gegen Frankreich ist die Änderung des Systems zu einem 4-2-3-1/4-2-2-2 wahrscheinlich, für den angeschlagenen Misimovic könnte Zahirovic ins Spiel kommen. Abzuwarten bleibt auch, ob die Bosnier ein ähnlich aggressives wie kräfteraubendes Pressing wie in den bisherigen Qualifikationsspielen einsetzen werden. Ihr größter Nachteil ist dabei ihre Abwehr, in der sie nicht an die individuelle Qualität der Offensive herankommen. Die herbe 0:3-Niederlage in Rumänien im Juni zeigte, dass sie Probleme bekommen, wenn ihr Pressing nicht greift.

Aufgrund der offensiven Spielweise beider Teams könnte dies die interessanteste Partie dieses Spieltages werden. Bisher haben sich beide Teams nicht versteckt. Sowohl die Franzosen als auch die Bosnier haben großartige Individualisten in ihren Offensivreihen. Favorit sind aber eindeutig die Les Bleus, auch weil ihre Defensive bisher besser funktionierte als die der Bosnier. Zudem haben sie das Hinspiel souverän mit 2:0 gewonnen. Wenn die Franzosen früh den ersten Treffer erzielen, könnte die Anfälligkeit der Bosnier gegen Konter ihnen den entscheidenden Vorteil geben.

Dänemark – Portugal

Bei dieser Partie ist die rechnerische Situation vor dem Spiel alles andere als simpel. Aktuell ist Portugal Gruppenerster vor den punktgleichen Dänen aufgrund des besseren direkten Vergleiches – die Portugiesen gewannen das Hinspiel mit 3:1. Ihnen reicht daher ein Unentschieden für die direkte Qualifikation. Aber selbst bei einer Niederlage könnten sie sich ihren EM-Platz als bester Gruppenzweiter sichern. Dazu müssten die Russen ihre Pflichtaufgabe in Andorra lösen, die Schweden gegen die Niederlande verlieren und die Kroaten dürften keinen hohen Sieg gegen Lettland einfahren. Auch die Dänen wären bei einem Unentschieden qualifiziert, wenn die eben genannten Bedingungen eingehalten werden. Sogar Gruppendritter Norwegen könnte bei einem hohen Sieg Dänemarks als lachender Dritter im Kampf um den Playoff-Platz eingreifen.

Auf die anderen Teams will sich aber niemand verlassen. „Wir fahren nach Dänemark, um zu gewinnen“, sagte Christiano Ronaldo gewohnt selbstbewusst. Nach anfänglichen Schwierigkeiten (4:4 gegen Zypern und 0:1-Niederlage gegen Norwegen) entließ Portugal den alten Trainer Quieroz und stellte Paulo Bento an. Unter ihm gewannen die Portugiesen alle Pflichtspiele in der EM-Quali. Sein 4-3-3 setzt auf eine enge Dreiermittelfeldreihe und inverse Winger. Sowohl Christiano Ronaldo (3 Tore, 3 Assists) als auch Nani (4 Tore, 4 Assists) ziehen von den Außen immer wieder in die Mitte. Die vakanten Positionen an der Grundlinie übernehmen die Außenverteidiger, vor allem der flinke Eliseu geht immer wieder in die gegnerische Hälfte und schlägt schöne Flanken auf den kopfballstarken Ronaldo. In der Defensive sind allerdings vor allem die Innenverteidiger anfällig. Die Verletzung Pepes und der Rauswurf Ricardo Carvalhos hinterlassen im Zentrum eine Lücke, die Rolando und Bruno Alves gegen Island nicht füllen konnte. Drei Tore konnte der Fußballzwerg ihnen beim 5:3 einschenken. Gerade bei hohen Bällen wirkte die Mannschaft zuletzt anfällig.

Hier könnte der Schlüssel für die Dänen von HSV-Trainerkandidat Morten Olsen liegen. Er hat seiner Mannschaft ein körperbetontes, flexibles 4-2-3-1 eingetrichtert. Die wichtigen Akteure seines Spiels heißen Außenstürmer Rommedahl und Mittelstürmer Bendtner. Die physische Präsenz des an Sunderland ausgeliehenen Stürmerstars könnte gegen die portugiesische Kopfballschwäche ein Vorteil sein. Ansonsten ist ein großer Vorteil von Olsens Team, dass sie schwer auszurechnen sind. Den Torjäger schlechthin gibt es nicht, bisher trugen sich bei 13 Treffern 9 Spieler in die Torschützenliste ein. Dennoch setzt Olsen eher auf eine Kontertaktik. Da die Portugiesen bereits ankündigten, auf Sieg spielen zu wollen, könnte dies in Kombination mit ihrer meist sicheren Abwehrreihe ein weiteres Plus sein – bei vier von sieben Quali-Spielen blieben sie ohne Gegentreffer. Gerade Ballgewinner Kvist vom VfB Stuttgart zeigte sich zuletzt in guter Form. Allerdings verloren sie das Hinspiel mit 1:3, auch weil sie auf den Außenverteidierpositionen gegen die Superstars Nani (zwei Treffer) und Ronaldo (ein Tor) individuell klar unterlegen waren. Die größte Herausforderung wird es daher, die beiden Dribbelkünstler nicht zur Entfaltung kommen zu lassen.

Wer am Ende weiterkommt, ist nicht nur aufgrund der komplizierten Gruppenkonstellation schwer vorherzusagen. Die Portugiesen haben die besseren Individualisten, allerdings sind die Dänen stark nach Kontern. Wenn letztere früh Nadelstiche gegen die unsichere portugiesische Verteidigung setzen können, stehen die Zeichen auf Überraschung.

Republik Irland – Armenien

Armenien ist die wohl größte Überraschung dieser Qualifikation. Noch vor einem Jahr hätte niemand zehn Cent auf die Kaukasus-Kicker gesetzt. Nun spielen sie im entscheidenden Duell um einen Playoff-Platz gegen Trapattonis Iren. Da der Außenseiter in der Gruppe B mit einem Punkt Rückstand auf Rang drei liegt, muss ein Sieg in Dublin her.

Die Chancen stehen nicht schlecht für das Team um Spielmacher Mkhitaryan von Shakthar Donezk. Die letzten drei Spiele gewannen sie souverän mit einem Torverhältnis von 11:1, darunter ein 4:0-Auswärtserfolg gegen den letztjährigen WM-Achtelfinalteilnehmer Slowakei. Am meisten überrascht, dass die armenische Mannschaft einen proaktiven Fußball spielt und nicht vorwiegend auf Konter setzt. Ihr 4-2-3-1 System setzt auf Angriffe über die Außen. Trainer Misanjan verordnete seiner Mannschaft ein Kurzpassspiel, das die hohen technischen Fähigkeiten seiner Kicker ausnutzt. Er erntet die Früchte der guten Jugendarbeit der letzten Jahre. Die EM-Qualifikation wäre das I-Tüpfelchen auf ihrer fußballerischen Entwicklung.

Mit Irland treffen sie jedoch auf einen für sie undankbaren Gegner. Ex-Bayern-Coach Trapattoni installierte seinen favorisierten Stil in Irland: Seine Mannschaft spielt unter ihm italienischen Konterfußball alter Schule. Keane arbeitet als Stürmer im 4-4-2 vorne unentwegt, legt Bälle ab und spielt sie weiter, während sein Sturmpartner Doyle versucht, Pässe hinter die gegnerische Abwehrreihe zu verwerten. Auffällig ist die hohe Anzahl an langen Bällen, die von den Verteidigern gespielt werden. Ihre spielerischen Fähigkeiten hingegen sind limitiert, wie man im September gegen Russland erkennen konnte. Das 0:0 in Moskau war angesichts eines Torschussverhältnisses von 18:2 arg schmeichelhaft. Das Team bekommt große Probleme, wenn der Gegner anfängt zu kombinieren und zu rochieren.

Dennoch dürften sie mit ihrem reaktiven Fußball gute Chancen gegen Armenien haben. Diese sind durch ihr flügellastiges Spiel anfällig für Konter in diesen Bereichen. Entscheidend werden daher die Duelle auf den Außen sein. Abzuwarten bleibt in diesem Zusammenhang, ob Armenies Star Mkhitaryan auf der Außenbahn oder im Zentrum als Spielmacher aufläuft. Da den Iren ein 0:0 ausreicht, werden sie wohl kaum die Initiative ergreifen. Mit jeder gespielten Minute steigt die Chance, dass sie einen Konter zum entscheidenden Siegtreffer einnetzen. Die Chancen für den Außenseiter stehen also nicht allzu gut. Zu wünschen wäre es dem Team mit ihrem erfrischenden Fußball aber sehr.

Vielen Dank an meinen Kollegen TR, der mir bei vielen Detailfragen zu den einzelnen Teams half.

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