Everton – Liverpool 0:2

Das nominell interessanteste Spiel war an diesem Wochenende das Meryseyside-Derby zwischen Everton und Liverpool, mit Spannung erwartete man nicht nur das Duell zwischen Dalglish und Moyes, sondern auch, ob Liverpool sich weiterhin in Schlagdistanz zu Platz vier würde halten können.

Gemeinhin gilt dieses Spiel in den letzten Saisons als „friendly derby“ mit relativ wenig Fouls und ohne Zuschauerausschreitungen, sogar mit einer tollen Stimmung im Stadion. Dieses Mal gab es allerdings gewisse Probleme mit den Fans, doch der Unmut war nur verständlich nach einer schwachen Schiedsrichterleistung.

Wechselwirkung der jeweiligen Formationen

Grundformationen zu Beginn

Liverpool begann wieder mit ihrem 4-4-1-1, in welchem nicht Suarez, sondern Carroll die schematisch höchste Position bekleidete. Links kam wie üblich Downing zum Einsatz, welcher zusammen mit dem offensiv ausgerichteten Linksverteidiger Enrique die Außen beackern und für Flanken auf Carroll sorgen sollte. Sein Gegenüber Kuyt spielte allerdings deutlich fluider und es schien oftmals so, als ob das System deutlich anders war. Mit Downing auf links und Kuyt, der viele Freiheiten genoss und seine Laufstärke so ins Spiel brachte, musste Kelly aufrücken und für die nötige Breite sorgen, was er einige Mal aber nicht erfüllen konnte. Interessant war dennoch, wie stark sich Kuyt oftmals Richtung Zentrum oder gar zur anderen Seite orientierte und dort für Anspielstationen sorgte. Charlie Adam und Lucas Leiva bildeten einmal mehr die Doppelsechs und waren für den Spielaufbau verantwortlich, insbesondere da die Innenverteidiger Skrtel und Carragher waren, welche ihre Stärken in den klassischen Bereichen besitzen.

Everton, der Gastgeber, trat mit einem ähnlichen System an wie Liverpool, wenngleich die kämpferische Komponente etwas stärker betont wurde. Vorne rückte Louis Saha in die Mannschaft und verschob seine Mitspieler etwas tiefer, Cahill, welcher im letzten Spiel noch als Mittelstürmer auftrat, rückte auf die Position dahinter, agierte als hängender Stürmer und versuchte seine Kopfballstärke zu nutzen. Fellaini und Rodwell teilten sich das Zentrum auf, ganz ähnlich wie die Doppelsechs des Gegners, wobei gesagt werden muss, dass Fellaini ein klassischer box-to-box-midfielder mit Stärken im athletischen Bereich ist, ganz anders also als Charlie Adam, der als etwas lethargisch in der Defensivbewegung gilt. Dies war eine der Ursachen, wieso Everton in der Anfangsphase deutlich stärker wirkte und den Gegner mit tollem Pressing überrollte. Man attackierte früh und hielt das Zentrum sehr dicht, im gesamten Spiel würde Liverpool vornehmlich über die Seiten angreifen, während Adam und Lucas nicht genug Dynamik bzw. Vorwärtsdrang im Falle des Letzteren besaßen, um im letzten Drittel die Herrschaft über das Zentrum an sich zu reißen. Osman und Coleman traten auf den Außenbahnen im Mittelfeld an und kurbelten das Offensivspiel Evertons an, machten es breit und sicherten die Außenverteidiger bei ihren Vorstößen, insbesondere den nimmermüden Leighton Baines, ab. Die Marschroute war klar, entweder per Flanken oder durch Louis Sahas Wendigkeit eine Schwäche bei Liverpool zu nutzen und zu treffen sowie durch schnelles Gegenpressing den Ball zurückzuerobern. Mit Distin und Jagielka vor Howard besaß man auch eine gute Absicherung für diese Spielweise und bis zur roten Karte Rodwells, welche höchst umstritten war, war man ebenbürtig, doch nach dem Platzverweis musste man das Spiel umstellen.

Die rote Karte  

Der Knackpunkt der Partie war die Dezimierung der Spieler Evertons, als Rodwell für ein relativ harmloses Tackling eine rote Karte sah. Cahill, der zuvor das Forecheking Evertons hinter Saha angeführt hatte, musste ins Mittelfeld zurückrücken und mit Rodwell verlor man einen körperlich sehr starken Spieler, welcher Liverpools Offensivspiel gut eingeschränkt hatte. Moyes wechselte umgehend von einer schematisch hohen und aggressiven Spielweise zu einer sehr tiefen und abwartenden Kontertaktik, welche Liverpool mehr Raum und Ball schenkte, was keineswegs eine schlechte Idee war. Mit schnellen Kontern wollte man die Innenverteidiger Liverpools in Laufduelle zwingen, besonders bei Carragher wäre dies aufgrund Sahas Dynamik ein Vorteil gewesen, dazu kommt Baines Offensivdrang und Kellys Unerfahrenheit, doch sehr selten sah man diese Duelle genau. Vielmehr sah man, dass Liverpool zwar aufrückte und viel in der gegnerischen Hälfte spielte, aber nur selten zu Großchancen kam. Eine davon war nach einem Elfmeter von Kuyt, welchen Suarez herausgeholt hatte – doch Howard schaffte es, mit einer tollen Parade den Ball abzulenken.

Evertons Isolation der gegnerischen Stürmer

Eines der Mittel, die Everton anwendete, war das Isolieren der gegnerischen Stürmer vom Mittelfeld. Teilweise spielten die Blauen teilweise fast mit einer Sechserkette auf einer Linie vor dem eigenen Strafraum und immunisierten somit die Positionswechsel der Reds davor, da jene keine Wirkung hatten, weil der Gegner mit einer sehr dichten Raumdeckung agierte. Moyes‘ Taktik war einfach: hinten extrem kompakt zu stehen und keine Schnittstellen zu öffnen, nach vorne dynamisch und über die Außen zu spielen. Adam war im Zentrum im Offensivbereich zumeist alleine auf sich gestellt, da Lucas die Löcher dahinter schloss und so ergab es sich, dass beide Teams versuchten, über die Außen eine Torchance zu erspielen, wenn es im Zentrum keine Möglichkeit gab. Eine dieser zahlreichen Flanken fand mit etwas Glück allerdings einen Abnehmer, nämlich den oft kritisierten Andy Carroll, welcher toll verwandelte und für die Erlösung in der 70. Minute sorgte. Mit Gerrard und dem Führungstreffer im Rücken schien der Sieg nun fast sicher und obwohl Everton sich noch etwas aufzubäumen versuchte, kam das 2:0 durch Suarez und damit die Entscheidung. Everton zeigte zu zehnt eine sehr gute Leistung, ebenso wie ihr Trainer Moyes sich sehr schnell auf die neuen Begebenheiten angepasst hatte.

Dirk Kuyt

Einer der interessanten Aspekte in diesem Spiel war die Rolle Kuyts, der viele Freiheiten genoss und nach Herzenslust rochieren durfte, aber gleichzeitig gewisse taktische Verschiebungen im Liverpooler Kollektiv zu verantworten hatte. Seine Läufe ins Zentrum oder auf die andere Seite mussten oftmals durch einen aufgerückten und risikoreichen Kelly abgesichert werden oder das gesamte Mittelfeld verschob sehr interessant. Lucas würde auf rechts weichen und dort den Raum sichern, während Downing sich etwas fallen ließ bzw. Enrique aufrückte und mit Adam im Zentrum eine Dreier- bzw. gar Viererkette mit Kelly entstehen ließ. Damit wollte man die dezimierten Gegner weiter in die eigene Hälfte treiben, ohne Löcher zu ermöglichen, große Effektivität gab es nicht, Kuyt verschoss gar einen Elfmeter und spielte nicht in Topform, obwohl er keine allzu schlechte Leistung ablieferte.

Fazit

Ein gutes Derby, welches durch eine Fehlentscheidung großteils entschieden wurde. Everton hielt dagegen, doch Liverpool kam schließlich durch Carroll und Suarez doch zum Sieg.

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