Bayer Leverkusen – KRC Genk 2:0

Krise vertagt: Bayer Leverkusen überzeugt in der Champions League nicht, gewinnt aber trotzdem gegen den belgischen Meister KRC Genk mit 2:0.

Leverkusen taktisch überlegen.

Robin Dutt hat es nicht leicht dieser Tage: Die Fans fangen nach drei Pflichtspielniederlagen an, an dem Neu-Trainer zu zweifeln. Auch die Medien schlagen in diese Kerbe und wiederholten in den letzten Tagen mantraartig, Leverkusen habe seine letzten drei Spiele mit 1:9 Toren verloren. Dass diese Spiele gegen einen englischen Top-Klub, einen sehr gut verteidigenden FC Köln und einen deutschen Rekordmeister in großartiger Form verloren gingen, interessierte da wenig. So brauchte Robin Dutt gegen KRC Genk unbedingt einen Sieg, auch im Hinblick auf das Erreichen der K.O.-Runde.

Taktisch konnte man dem ehemaligen Freiburg-Coach diese Saison wenig vorwerfen. Auch gegen Genk schien seine Mannschaft gut eingestellt zu sein. Langsam kristallisiert sich heraus, wie Dutt spielen lassen will: Wenn seine Mannschaft als Außenseiter auftritt, versucht er die Räume möglichst eng zu machen. Als Favorit, wie gegen Genk, besetzen die Leverkusener Spieler den Raum auf dem ganzen Platz. Die Außenverteidiger bleiben stets an der Außenlinie, um im Fall einer Spielverlagerung das Feld in die Breite zu ziehen. So will man über hohe Ballbesitzzahlen und viele Seitenwechsel im besten Fall Lücken in die gegnerische Verteidigung öffnen, im Falle einer gut eingestellten Abwehrreihe diese zumindest müde spielen.

Ein weiteres Puzzleteil im Leverkusener Spiel sind die zahlreichen Positionswechsel. Der Gegner sollte so defensiv seine Linie verlieren (zu diesem Thema sei ein Kommentar des Users 44² empfohlen). So rückte beispielsweise Rolfes oft auf die Außenverteidigerposition, wodurch der Außenverteidiger wiederum vorrücken konnte. Perfekt wirkt die Abstimmung bei den Leverkusenern noch nicht, allerdings war diese gegen Genk auch selten notwendig: Deren Verteidigungsarbeit wies auch ohne Einsatz von Spielverlagerungen und Positionswechsel zahlreiche Lücken auf. Speziell der Abstand zwischen Abwehr und Mittelfeld war durchgehend zu hoch. Das Mittelfeld war weit aufgerückt, ohne allerdings die Leverkusener Spieler unter Druck zu setzen. Es entstanden Räume, die die Hausherren eigentlich hätten ausnutzen müssen.

Nervosität kennzeichnet Leverkusener Spiel

Die Benutzung des Konjunktivs deutet es schon an: Überlisten konnte Bayer die löchrige Defensivtaktik des Gegners selten. Die Fehler, die auf Seiten der Hausherren gemacht wurden, waren nicht primär taktischer Natur. Vielmehr wirkte Dutts Mannschaft hypernervös.  Die Räume zwischen den Abwehrreihen konnte Bayer nie richtig füllen. Renato Augusto, der offensichtlich dort spielen sollte, wies eine so hohe Fehlerdichte auf (Passquote nur bei 57%), dass der Ball bei ihm meist verloren war. Andre Schürrle und Sidney Sam konnten mit ihren Dribblings von den Außen keine Akzente setzen. Die ständige Besetzung beider Flanken war auf dem Papier richtig, um das Spiel in die Breite zu ziehen, hätte es allerdings Spielverlagerungen gebraucht, die Leverkusen viel zu selten spielte.

Genk war zwar individuell und taktisch unterlegen, wirkte aber trotz der fehlenden Aggressivität in den Zweikämpfen gefährlicher. Dank Leverkusener Fehler kamen sie zu Chancen, die sie sich selbst nie hätten herausspielen können (nur 63% ihrer Pässe kamen in Hälfte eins an – selbst für ein Konterteam ist das schwach). Ein Fehlpass hier, eine schlechte Ballannahme da – die Nervosität zog sich durch alle Leverkusener Mannschaftsteile. Natürlich waren sie von den individuellen Fähigkeiten her besser und konnten im Zweifel den Ball lange in den eigenen Reihen halten. Allerdings setzten sie diese Überlegenheit nicht im letzten Drittel um – und machten die erwähnten Fehler in der Defensive. Gerade bei Standardsituationen sahen sie erneut nicht gut aus.

Die wenigen Chancen, die Leverkusen sich erarbeitete, waren meist eine Kombination aus individuellem Können und einer Portion Glück. Beim Führungstreffer setzte Kießling zuerst gut nach. Der ihm vom Fuß gegrätschte Ball landete bei Bender, der ihn im Tor versenkte (30.). Das Tor brachte ein wenig Ruhe ins Spiel, so dass Leverkusen halbwegs sicher bis zur Halbzeit Ball und Gegner laufen lassen konnte.

Bayer noch unruhiger nach der Pause

Nach der Halbzeitpause ging Genk aggressiver zu Werke. Das Pressing der Mittelfeldspieler funktionierte nun besser, so dass die großen Lücken nicht mehr so gut auffielen. Auch wurden die Gäste nun passsicherer (73% in Halbzeit zwei), da sie nun weniger Risikopässe spielten und öfters den Weg hinten herum wählten. Leverkusen verlor in der Phase nach Wiederanpfiff den Zugriff aufs Spiel. Hier zeigte sich, dass aktuell eine klare Strategie zur Rückeroberung des Balles fehlt. Das Pressing, das Kießling an vorderster Front betrieb, war halbherzig, da seine Mitspieler nicht mit nachsetzten. Auch im Mittelfeld war der angreifende Akteur zu oft auf sich allein gestellt, weil zu selten ein anderer Spieler aushalf.

Noch beunruhigender war allerdings die trotz der Führung vorherrschende Nervosität. Dutt sprach im Interview mit Sky nach dem Spiel davon, dass man nach der Halbzeit mehr Ballbesitz erreichen wollte. Falls dies der Plan war, haben ihn seine Spieler nicht sonderlich gut umgesetzt: Sie wählten zu oft den langen Ball nach vorne, anstatt ruhig das Spiel zu machen. Die Passgenauigkeit sank (nur 73% in Halbzeit zwei) genauso wie die ohnehin geringe Anzahl der Spielverlagerungen. Zudem häuften sich erneut die Defensivfehler, die in dieser Saison den Leverkusenern bereits einige Male das Genick brachen.

Die Anhänger in der BayArena wurden mit zunehmender Spielzeit nervöser. Sie spürten, dass ihre Mannschaft abbaute und dem Gegentreffer näher war als dem zweiten Tor. Selbst als Genk viel riskierte und mit der Einwechslung Hylands (69. für den verletzten Nadson) in der Abwehr auf eine Dreierkette umstellte, konnte Leverkusen dies nicht zu Kontern über die nun nicht besetzten Außen nutzen. Leno hielt sie mit einer Glanzparade im Spiel (77.), bis der eingewechselte Ballack (80. für den ebenfalls verletzten Kadlec) kurz vor Schluss den entscheidenden Schlag ausführen konnte. Er verwertete einen Abpraller nach einem langen Ball mit Kraft und Glück zum 2:0.

Fazit

Robin Dutt bekam das, was er am dringendsten brauchte: Einen Pflichtsieg gegen KRC Genk. Trotzdem dürfte er mit diesem Spiel die wenigsten Fans beruhigt haben. Taktisch kann man seiner Mannschaft wenig vorwerfen. Sie gingen gut eingestellt ins Spiel, sorgten durch individuelle Fehler aber immer wieder selbst in Gefahr. Überhaupt scheint fehlendes Selbstvertrauen aktuell das große Thema bei Bayer Leverkusen zu sein. Gegen einen in Halbzeit eins schwach verteidigenden und in Halbzeit zwei zu harmlosen belgischen Meister ging das gut – gegen viele andere Gegner wäre es sicher nicht so glimpflich ausgegangen. Für Dutt bleibt zu hoffen, dass dieser Sieg das Selbstvertrauen in seiner Mannschaft erhöht und dass die Abwehr so langsam ihre Fehlerquote verringert.

Danny 29. September 2011 um 15:29

Wie ist denn hier die Meinung zu Dutt _in_ Leverkusen, die ersten Fanaufstände gibt es ja schon. Ich denke Dutt möchte ein Komplexeres System spielen als ein Heynckes oder Solbakken, dass braucht nunmal etwas länger. Wie du schön angemerkt hast waren die Niederlagen gegen Bayern, Köln und Chelsea natürlich ärgerlich, aber nicht so schlimm wie ein „3 Niederlagen in Folge“ klingt.
Ich fand, dass Leverkusen im Abschluss nicht nur glücklos sondern auch unbeholfener waren, je näher sie sich dem Tor näherten. Sind das Folgen von zuviel Rotation? Wie ist hier die Meinung von Rolfes, ich finde er macht das Spiel so langsam wie ein Ballack es niemals machen könnte und seine Körpersprache ist alles andere als Selbstbewusst. Ich hoffe Leverkusen gibt Dutt noch viel viel Zeit um die ganze Mannschaft zu entwickeln, und ein höheres Knowhow zu installieren.
Seine intellektuelle Art auch mal vor dem Sprechen zu denken kommt natürlich bei vielen Kneipenfans die seine Sätze nicht aufnehmen können nicht an. Außerdem wird einem solchen Trainer dann vorgeworfen, dass er nur in der Theorie gut ist aber in der Praxis nicht. Ich finde die Kritik an ihm ungerechtfertigt, vor allen Dingen sind das ja dann auch Leute, die sagen Dutt habe nichts vorzuweifen und ohne Cisse hätte er auch in Freiburg nichts erreicht.
Von daher würde ich mir nach den hervorragenden Leverkusen Spielanalysen und dem tollen Dutt Portrait mal so eine Verknüpfung wünschen. Mannschaft, Konzept, Sportdirektor Leverkusen Dutt, passt das?

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TE 29. September 2011 um 16:40

Meine Meinung zu Dutt kann man mit ein bisschen Zwischen-den-Zeilen-lesen bei dieser Analyse und auch bei meinem Porträt sicher gut herauserkennen. Wie bereits gesagt, das Problem ist kein primär taktisches gewesen, weder gestern noch gegen Köln oder Bayern. Da scheinen andere Gründe hinter zu stecken, über die ich nicht urteilen kann/will. Ich kann nur dafür plädieren, jedem Trainer genug Zeit zu geben, sein taktisches Konzept umzusetzen – gerade im Fall von Dutt ist es ein sehr interessantes. Diese Zeit möchte auch ich ihm geben, bevor ich eine Analyse der Mannschaft schreibe. Derzeit scheint vieles im Spiel der Leverkusener noch unfertig zu sein.

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Danny 30. September 2011 um 10:13

In und zwischen den Zeilen habe ich dort sehr viel positives gelesen was mich, in Anbetracht der starken Analysefähigkeiten von dir/euch hier, sehr ermutigt hat hinter ihm zu stehen und ihm zu vertrauen (wenn er z.B. mal nicht so aufstellt oder wechselt wie man selber es machen würde).

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44² 29. September 2011 um 15:13

Oh, fühle mich geehrt. 😉 Der angesprochene Kommentar ist übrigens hier: http://spielverlagerung.de/2011/09/27/wie-jupp-heynckes-von-louis-van-gaal-profitiert/#comment-891

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TE 29. September 2011 um 16:09

Hab es jetzt auch im Artikel verlinkt, hatte das ganz vergessen. Und geehrt brauchst du dich nicht fühlen, ist halt ein Superkommentar, wie wir ihn uns nur wünschen können 😉

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