Bayern München – Bayer Leverkusen 3:0

Der FC Bayern ist weiter auf dem Vormarsch und ließ sich auch von Bayer Leverkusen nicht aufhalten. Mit einem souveränen und ungefährdeten 3:0 behaupteten die Münchener die Tabellenspitze.

Vor dem Spiel hatte es um die Aufstellung des Rekordmeisters noch ein wenig Aufregung gegeben, da zum einen van Buyten und Tymoschchuk wieder für Boateng und Luiz Gustavo in die Mannschaft rotierten und zum anderen der genesene Arjen Robben nicht wie erwartet auf dem Platz stand, sondern zunächst nur auf der Bank saß.

Auf der Gegenseite reagierte Robin Dutt auf die hohe Derby-Pleite gegen Köln mit einigen Umstellungen – so spielten auf den beiden Außenverteidigerpositionen Castro und da Costa anstelle von Schwaab und Balitsch, welcher ins Mittelfeld rückte, wo Schürrle gesperrt fehlte. Weiterhin wurden Ballack durch Sam und Derdiyok durch Kießling ersetzt. Viel auffälliger als die personellen Änderungen war aber der Stil – während man gegen die Domstädter selbst viel Ballbesitz bekam, sich aber an der kompakten Defensive trotz geduldigen Spiels die Zähne ausbiss und ausgekontert wurde, wollte man gegen die Bayern – naturgemäß – selbst in die Rolle der reagierenden Mannschaft schlüpfen.

Bayern mit Flügelspiel

Genau so präsentierte sich die Werkself auch in den Anfangsminuten. Man stand tief in der Defensive, reihte sich in der Grundformation auf und machte vor allem im Zentrum die Räume eng, womit man die Münchener auf die Außenbahnen lenkte. Einen Teil zu dieser Kompaktheit trug die Rolle von Hanno Balitsch bei, welcher teilweise als ein dritter Sechser agierte, so dass ein asymmetrisches 4-3-2-1 entstand.

Zwar probierten die Münchener es das gesamte Spiel über gelegentlich durch das Zentrum, doch dieser Kompaktheit war man nicht gewachsen – Kroos mühte sich in den engen Räumen, doch wenn man nach dem derzeitigen Prinzip der Überzahl-Bildung bspw. durch einen Schweinsteiger-Vorstoß diese Hilfe schaffen wollte, machte man die Räume noch enger und scheiterte daran. Folglich konzentrierte man sich eben verstärkt auf das Flügelspiel (73 % der Angriffe liefen über die Außenbahnen) – mit Erfolg.

Vom Flanken, Spielaufbauen und dem Unterschied der Seiten

Im Spielaufbau sind die Bayern stark auf die linke Seite konzentriert, wo mit Lahm und Schweinsteiger häufig zwei wichtige Persönlichkeiten dieser Disziplin zu finden sind. Auch Ribéry beteiligte sich mit hoher Unterstützung im Aufbauspiel, er war häufig tief in der eigenen Hälfte zu finden, sammelte die Bälle ein und trug sie dann persönlich in die gegnerische Hälfte.

Doch weil der Leverkusener Block eng verschob und die Räume gut abriegelte, hatten die Bayern meist große Probleme, aus ihrer Spielkontrolle heraus die typischen Überzahlsituationen effektiv ausspielen zu können – sowohl Kroos als auch Schweinsteiger eilten zur Unterstützung auf links herbei, doch meist war es zu eng, so dass deutlich weniger solche Spielzüge zustande kamen als in den letzten Wochen.

So fiel das durch Ribéry vorbereitete frühe Führungstor durch Müller (5.) nach einer Einzelaktion des Franzosen, als er Gegenspieler da Costa ziemlich stümperhaft aussehen ließ. Auch im weiteren Spielverlauf hatte der Jungspund seine liebe Mühe mit Ribéry, welcher dadurch trotz der engen Räume im Zentrum häufig gefährlich war. Lahm konnte sich so vollends auf den Spielaufbau konzentrieren, rückte zwar oft mit auf, aber musste keine großen Distanzen zurücklegen – im ersten Durchgang war er der Spieler mit den meisten Ballkontakten, aber wenigsten Kilometern.

Im letzten Drittel des Spielfeldes konzentrierten sich die Angriffe der Bayern vermehrt auf die rechte Seite. Hier griff das Mittel des Überladens besser und effektiver, so dass Müller mit der Unterstützung des omnipräsenten Ribéry sowie des – sobald der Angriff diese Phase erreicht hatte, aufrückenden – Rafinha die besten Gelegenheiten einleiten konnte. Unmittelbar im Anschluss an oben erwähnten Führungs-Treffer hätte eine der Flanken Müllers fast das 2:0 durch Gomez vorbereitet.

Dies war – angesichts des engen Zentrums – eine wichtige Strategie der Bayern, denn auch Ribéry konnte nicht bei jedem Spielzug der Bewegung des Balles auf die rechte Seite folgen. Die Unterschiedlichkeit der Ausnutzung der Außenbahnen zeigt sich an folgender Statistik: 10 Flanken schlugen die Bayern in der ersten Halbzeit, 9 davon kamen von rechts, 6 von Thomas Müller.

Ungefähre Positionierungen der Spieler bei Angriffen über rechts und links: In ersterer Szene wollte man Flanken, außen durchbrechen oder zurücklegen, in zweiterem Szenario kombinieren, dribbeln oder verlagern

Ein Treffer sprang auf diese Art und Weise allerdings nicht heraus: Zwar waren die Hereingaben an sich durchaus akzeptabel, doch in der Mitte waren zu selten Abnehmer. Kroos wartete am Strafraum auf Abpraller, Tymoschchuk und Lahm sicherten Rückraum bzw. ballfernes Halbfeld. So war man in der Mitte hauptsächlich auf Gomez oder die intelligenten Laufwege Schweinsteigers angewiesen, da ein einrückender Spieler von der anderen Seite – so wie es Müller beim 1:0 gemacht hatte – fehlte. Zu wenig für ein Tor auf diesem Wege, welches dann nach einem Freistoß van Buytens gelang (19.),  aber immerhin hatte man sich gut aufgeteilt, um bei einer unerfolgreichen Flanke schnell wieder in Ballbesitz zu gelangen.

Die Probleme des Leverkusener Systems

Hier lag ein großes Problem der Leverkusener begraben – sie konnten sich zu selten aus der tiefen Defensive befreien und für Entlastung geschweige denn schnelle und gefährliche Konter sorgen. Der Grund dafür war nicht nur, dass das bajuwarische Gegenpressing wegen der engen Staffelung Bayers besonders gut zur Geltung kam, sondern war auch Folge eines eigenen Defensivproblems.

Auslöser war Sidney Sam, der auf seiner Seite defensiv große Probleme hatte und trotz guten Willens in der Abwehrarbeit die nötige Qualität vermissen ließ. Folglich musste Kießling als Ausgleich, zur Erhaltung der defensiven Stärke, deutlich mehr nach hinten tun, womit dann aber die Angriffskraft des Teams geschwächt wurde – hierzu trug auch die Rolle von Balitsch bei, da man aufgrund seiner engen und tiefen Positionierung meistens nicht fähig war, die durchaus vielversprechenden Räume auf der linken Abwehrseite der Bayern für Konter effektiv auszunutzen.

Durch die Probleme auf links wurden Rolfes (11,63 km) und besonders Bender (12,93 km, 56 schnelle Läufe) zu noch extremerer Laufarbeit als erwartet gezwungen, konnte man trotz der Kompaktheit im eigenen Drittel in höheren Mittelfeldpositionen nicht gegenhalten, und ließ auch auf der linken Defensivseite – zwischen Castro und Sam – zu viel Raum, was es für die Bayern zu einfach machte, dort zu spielen.

Einfachheit des Spiels und Zahlen der Einfachheit

So konnten die Münchener die Partie im Schongang bestreiten – der Gegner stand sehr tief, übte wenig Druck aus, war nach vorne fast durchgängig harmlos, während man dem engen Zentrum über die anfällige linke Abwehrseite entgehen und zur Not auf die Klasse Ribérys vertrauen konnte.

Begünstigt wurde dies durch die frühe Führung das zügige Nachlegen des zweiten Treffers, untermauert von einigen Statistiken und Zahlen zum geringen Aufwand der Heynckes-Truppe: In Durchgang eins lief man insgesamt 4 km weniger als Leverkusen, hatte 0,8 km weniger in der Kategorie der intensiven Läufe, hatte 14 Sprints und 54 schnelle Läufe weniger auf dem Konto als der Gegner und machte aus 5 Schüssen 2 Tore.

Langeweile im zweiten Durchgang

Im zweiten Durchgang manifestierte sich dieses Bild. Leverkusen bot wenig Zwingendes im Spiel nach vorne an, da gegen die solide und abgeklärte Defensive der Bayern Überzeugung und das entscheidende spielerische Element fehlten – Sam, Augusto und mit Abstrichen Kießling waren zu wenig, um mit der tödlichen Aktion den Defensivverbund zu knacken, wobei jener die Leverkusener sehr weit auf Distanz zum Strafraum hielt.

Auf der anderen Seite schalteten die Bayern zurück und ließen es ruhiger angehen, so dass Torchancen in den ersten 20 Minuten nach dem Wechsel absoluten Seltenheitswert besaßen.

Doch ein „Ja“ zum Experiment

Aufmerksamkeit erregte dann erst wieder ein Wechsel auf Seiten der Bayern. Luiz Gustavo ersetzte nach 66 Minuten Gomez, so dass man fortan ohne echten Stürmer antrat. Als etwas offensiverer und vor allem seine Physis einbringender Partner von Tymoschchuk wurde der eingewechselte Brasilianer aufgestellt, während Schweinsteiger und auch noch Kroos im Zentrum agierten. Letzterer tendierte weiterhin nach links, während Schweinsteiger etwas tiefer und halbrechts agierte. Da auch die beiden nominellen Flügelspieler Müller und Ribéry ihre Freiheiten hatten, fokussierte sich das Spiel noch mehr auf das Mittelfeldzentrum.

Bei genügender Trainingsarbeit und passender Abstimmung wäre dieses stürmerlose System, welches Heynckes in letzter Zeit schon sowohl ablehnte als auch begrüßte, eine interessante Alternative, da man gegen tief stehende Gegner im Zentrum überladen und die Außen in Szene setzen könnte. Da allerdings Schweinsteiger und Kroos zweifelhafte Kandidaten für ein 4-4-2-0 sind und die Bedeutung und Stellung eines Gomez zu herausgehoben ist, erscheint dieses System nur in einer anderen Ausführung wahrscheinlich. Eine Alternative für (Champions League-)Spiele gegen sehr starke Gegner – wie die Partie am kommenden Dienstag gegen Manchester City – ist es daher ebenfalls nicht.

Die Psychologie der Bayern-Gegner

Zum Abschluss soll an dieser Stelle noch ein Blick auf eine besondere Frage geworfen werden: Warum sind die Gegner der Bayern so harmlos? Zuletzt folgten nach den Siegen gegen Klubs, die eher in den unteren Tabellenregionen platziert sind,  echte Gradmesser gegen Villarreal und Schalke sowie heute den deutschen Vizemeister.

Nach jedem dieser Spiele konnte man einen verdienten Sieg für die Bayern festhalten, aber auch einen auffällig schwachen Auftritt des jeweiligen Gegners. Würde sich dies nur auf die Harmlosigkeit im Angriff beziehen, wäre es aufgrund des starken Gegenpressings, der tiefen und abwartenden Ausrichtung gegen die Bayern sowie deren neuer (Anordnung der) Verteidigung noch nachvollziehbar.

Doch da die Gegner auch defensiv ihre Leistungen nicht abrufen können und viele Fehler verschiedenster Art machen, liegt der Schluss nahe, dass man sich durch die bisherigen Leistungen der Bayern verunsichern lässt. Mediale Fragestellungen á la „Wer kann diese Bayern überhaupt noch stoppen?“ in Verbindung mit den ständigen Vergleichen mit der zurückliegenden Spielzeit und den Analysen durch den Trainer lassen die Stärke der Bayern überhöht wirken und scheinen zu beeindrucken.

Die Mischung aus extremem Respekt und Freude auf einen besonderen Gegner können für die Motivation auch hinderlich sein. Durch den Lauf und das Selbstbewusstsein der Bayern kommt es oft zu einem frühen Führungstreffer mit der ersten oder zweiten Chance, der die gegnerischen Spieler während des Ringens mit dem Respekt in ihrer Motivation ankratzt.

Fazit

Es ist das übliche Fazit zu einem Bayern-Spiel: Der Sieg war souverän und verdient, da man gegen einen offensiv schwachen Gegner dominierte, ein frühes Tor machte und anschließend sein Spiel nach seinen Mustern spielte.

Leverkusen hielt zwar das defensive Zentrum eng, behielt aber immer ein gewisses Ungleichgewicht im System und konnte vor allem die Schwächen auf der linken Seite der Verteidigung nie wirklich beheben. So sorgten Flanken, eine interessante Nutzung der Außenseiten und ein sich aus der Deckung entwendender Ribéry für einen weiteren Sieg für den FC Bayern.

Michael 26. September 2011 um 20:43

Erstmal vorne weg wirklich eine sehr sehr gelungene Seite!

Eine Frage aber noch zu den Bayern:
Wieviel van Gall steckt noch in den Bayern?
Profitiert Heynckes von den Grundideen
die van Gaal eingeführt hat?

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RM 26. September 2011 um 21:37

Dieser Frage wird bald in einem expliziten Artikel nachgegangen. – kurze Antwort: ja, zu Teilen.

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datschge 27. September 2011 um 00:22

Spielerische Grundsätze und Philosophie von van Gaal wurde ja nie als solche in Frage gestellt. Das ist z.B. ein Grund, weshalb sein damaliger Co-Trainer Andries Jonker erst Interimstrainer wurde und jetzt die Reserve trainiert.

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krakos 28. September 2011 um 14:56

„weshalb sein damaliger Co-Trainer Andries Jonker erst Interimstrainer wurde und jetzt die Reserve trainiert.“

Und nicht mit weit kommt :/
Aktuelle Statistik unserer Amateure: 1 Sieg, 3 Remis, 5 Verloren

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datschge 28. September 2011 um 18:11

Um Erfolg geht es den Bayern bei ihrer Reserve nicht, sondern Jugendspieler an Profiverhältnisse heranzuführen. Damit hängt die Reserve von den Jahrgängen ab, die stärksten sind nun schon einige Jahre her, und das widerspiegelt sich auch in ihren Ergebnissen.

Jonker würde ich daher eher an seinen Taten am Ende der letzten Saison messen, wo er sich ausgesprochen gut geschlagen hatte.

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Daniel 26. September 2011 um 15:52

Das Spiel ohne Stürmer „welches Heynckes in letzter Zeit schon sowohl ablehnte als auch begrüßte“ hat der Jupp doch bei Barcelona gesehen, wie er in einem Interview geschwärmt hat. Mensch und wenn man Barcelona (ich wiederhole: Bbaarrcceelloonnaa) kopiert, also dann zeigt man doch, dass man auch ein großer Trainer… und genialer Taktifuchs ist?!?
Kommt mir ein bischen affig vor. Neue Ideen, Alternativtaktiken? Sehr gerne. Versuche die auch mal in de Hose gehen? Klar.. aber bei anderen kopieren ist armseelig, besonders, wenn man jetzt auf einmal von Barcelona spricht, wo doch jeder Depp langsam mitbekommt wie stark die sind 😉
Ich wünsche mir so sehr ein Finale Bayern gegen Barcelona um die Herren Hoeneß, Rummenige, Heynckes & Co. auf den Boden der Tatsache zurück zu holen. Natürlich kann ein FC Bayern in einem CL Finale jeden Gegner schlagen, aber von 10 solcher Spiele werden dies eben nur 1 oder 2 sein?!

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Imrahil 26. September 2011 um 17:30

Hm, deinem Post kann ich auch nach 2. Lesen nur Polemik entnehmen. Wie soll man den in einem Spiel gegen so ein enttäuschend schwaches Leverkusen einen Versuch unternehmen, der auch in die Hose gehen kann? Ich denke, Heynckes wollte einfach Gomez schonen und Gustavo ein bisschen Spielzeit geben. Andersherum hat Barcelona auch kein Patent auf Spiel ohne Stürmer. Neue Ideen werden ständig kopiert und verbessert. Sehe daran auch nichts Schlechtes.

Die einzigen, die von Barcelona sprechen, sind Rudi Völler und die Medien. Schweinsteiger sagt z.B., dass mit ManCity ein qualitativ besserer Gegner kommt.

Ich frage mich immer noch, was du mit deinem Post – außer deiner Ablehnung gegen den FC Bayern – ausdrücken wolltest.

Das ist mein erster Kommentar zu dieser Seite, die ich schon seit mehreren Wochen regelmäßig besuche. Kompliment und Anerkennung für die Autoren!

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TR 26. September 2011 um 18:02

Ich weiß ehrlich gesagt auch nicht genau, wie ich den Kommentar verstehen soll.

Dabei war es bei Bayern in diesen Minuten ja nicht wie bei Barcelona, wo man mit einem zurückfallenden Stürmer spielt (+ nun aufrückenden OM) und nicht gänzlich ohne Stürmer, sondern nur mit gelernten Mittelfeldspielern im Zentrum. Das wäre von der Grundordnung sogar sehr interessant gegen City (und vllt. hat Heynckes es wirklich deshalb getestet), aber dann müsste man es wohl eher mit Stürmern spielen, wenn auch in Richtung „stürmerlos“ interpretieren, ergo: Ähnlich wie Everton (http://spielverlagerung.de/2011/09/25/manchester-city-everton-20/), aber Kroos und Schweinsteiger passen eher nicht in diese Rollen.

@Imrahil: Danke für das Lob!

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