Manchester United – Chelsea FC 3:1

Das absolute Topspiel der Runde lautete Manchester United gegen Chelsea. Die Red Devils empfingen im Old Trafford den schärfsten Widersacher der vergangenen Saisons und trafen wohl auf die einzige Mannschaft neben Manchester City, die Uniteds Meisterträume ernsthaft gefährden könnte. Chelsea unter ihrem neuen Trainer André Villas-Boas hatte gute wie schlechte Spiele gezeigt, die Ergebnisse stimmten jedoch und mit Manchester United wartete der erste wirkliche Prüfstein auf den Portugiesen und sein Team.

Wechselwirkung der jeweiligen Formationen

Grundformationen zu Beginn des Spiels

Wie erwartet traten beide Teams mit ihren üblichen Formationen an. Die Gäste aus London spielten mit einem 4-3-3 und asymmetrischen Flügeln, da Mata stark ins Zentrum zog und die Angriffsbemühungen im letzten Drittel instruierte. Ashley Cole dahinter rückte auf und spielte einen offensiven Außenverteidiger, während Bosingwa auf rechts Sturridge zu unterstützen versuchte. Fernando Torres begann als Mittelstürmer und zeigte eine sehr starke Partie, wohl seine beste im Trikot der Blues. Ramires und Meireles bildeten eine asymmetrische Doppelsechs hinter Frank Lampard, welcher eine Mischposition aus box-to-box-midfielder und Spielmacher besetzte, was einen großen Unterschied zu seinen früheren Spielpositionen darstellte. Während er früher zwar schematisch ähnlich spielte, war er viel freier und nach Drogba der zweite Zielspieler, was seine zahlreichen Scorerpunkte der letzten Jahre erklärt. Die Innenverteidigung bildeten Ivanovic und John Terry vor dem ehemaligen Welttorhüter Petr Cech.

Manchester United trat mit dem bewährten 4-4-1-1 an, wobei es sich je nach Bedarf zu einem 4-2-4-0 oder 4-5-1 verändern konnte. Diesen Tausch macht Wayne Rooney möglich, der sich je nach Spielsituation ins Mittelfeld fallen lässt oder das Sturmzentrum beackert. Neben ihm agierte Chicharito statt dem verletzten Welbeck, auf den Flügel kamen Nani und Young zum Einsatz, während im defensiven Zentrum Fletcher neben Anderson spielen durfte. Dieses Pärchen sorgte für eine ähnliche Asymmetrie wie bei Chicharito und Rooney, der eine agierte etwas tiefer, der andere höher. Bei der Doppelsechs war Anderson der höhere, wobei man sagen muss, dass sich beide Spieler mit ihrem Laufpensum sehr unterschiedliche Aufgaben stark teilten, zwar kümmerten sich beide um den Spielaufbau aus der Tiefe, doch Fletcher sicherte die Seiten mehr ab und nutzte seine Spielintelligenz für das richtige Verschieben. Anderson hingegen nahm eine etwas vertikalere Rolle ein und brachte Dynamik ins Angriffsspiel, teilweise agierte er sogar im Spielaufbau etwas offensiver als Fletcher, der von Evans und Jones im Aufbauspiel gut unterstützt wurde – ebenso wie von De Gea, der wieder Lindegaard ablöste.

4-3-3 vs. 4-4-2 – ein Duell der Philosophien

Auffällig war es, dass Manchester United von seiner extremen Fluidität in der Viererreihe abkehrte.

Die Ursache dahinter war das 4-3-3 Chelseas, welches im Normalfall mehr Präsenz im Zentrum als bei einem 4-4-2 verspricht. Viele Teams, die in der Geschichte ein 4-3-3 nutzten, spielten hochkomplexe und dominante Systeme, was einen praktischen Hintergrund besitzt. Mit drei Stürmern und offensiven Außenverteidigern macht man das Spiel breit, während man im Zentrum drei zentrale Spielmacher hat, die einerseits auf den Außen doppeln oder aber andererseits die Mitte dicht machen können. Dieses taktische Duell schien also leichte Vorteile für André Villas-Boas‘ Truppe mit sich zu bringen, doch Sir Alex Ferguson reagierte extrem kreativ darauf – und ebenso erfolgreich.

Mit Smalling auf der rechten Außenbahn wollte man nicht das Loch, welches Mata hinterlässt, offensiv ausfüllen, sondern viel mehr die Kreise des kleinen Spaniers einschnüren. Er zeigte zwar weiterhin eine starke Partie, doch insbesondere in der ersten Halbzeit fehlte ihm etwas an Raum und Freiheit, ebenso seinen Mitspielern. Smalling rückte entweder auf und etwas Richtung Halbposition, um den Passweg zu Mata zuzusperren oder er sorgte dafür, dass die Viererkette enger agieren konnte, während man sich vor dem Strafraum den vermehrt versuchten Lochpässen widersetzen wollte. Der erhöhten Präsenz Chelseas im zweiten Drittel und der Spielfeldmitte wollte man damit entgegen kommen, dass die Außenspieler im Mittelfeld weniger rochierten und stärker an die Seite gebunden waren.

So machte man das Spiel extrem breit und erleichterte den Spielaufbau im Zentrum, desweiteren ließen sich die Stürmer fallen und man agierte in der Defensive mit einem 4-2-4-0, wodurch man viele Bälle des Gegners abfangen konnte. Beispielsweise hatten Ivanovic und Terry beide weniger als 80% angekommene Pässe und dies war einer der Gründe, wieso sich die taktischen Vorteile für Chelsea neutralisierten. Mit 3:0 ging man in die Halbzeit und die individuelle Klasse von Manchester Uniteds Spieler, ihrem Trainer und dem gesamten Kollektiv fühlte sich bestätigt, doch das Ergebnis täuschte etwas über das Spielgeschehen hinweg, denn Manchester United machte aus fünf Chancen drei Tore.

Chelsea zeigte sich keineswegs schwach oder chancenlos, doch etwas fehlte – und dieses Etwas brachte Villas-Boas zur zweiten Halbzeit ins Spiel. Anelka kam für Frank Lampard ins Spiel und es gab einen Wechsel zu einem reinen 4-2-1-3, wo der Fokus auf Fluidität im Angriffsspiel und Lochpässen zu Torres lag, der sofort nach Anpfiff das 3:1 machte und Chelsea neue Hoffnung gab. Die Blues waren nun mindestens ebenbürtig und lieferten ein gutes Spiel, doch nach einem unglaublichen Fehlschuss Torres‘ in der Schlussviertelstunde erlosch die Hoffnung und Manchester United feierte einen 3:1-Sieg, wo man zwar spiel-, aber nicht ganz raumüberlegen war, was die 57% Ballbesitz bei fast halb so vielen Torversuchen wie Chelsea erklärt.

Torversuche gegen Manchester United

Zweiundzwanzig (in Zahlen: 22) Torversuche ließ Manchester United zu und bestätigte abermals eine etwas merkwürdige Statistik: wie bereits von Zonalmarking angemerkt, sind die Red Devils jenes Team, welches die meisten Torschüsse zulässt. Die Ursache dafür liegt darin, dass einerseits viele Mannschaften zu Distanzschüssen oder bedrängten Abschlüssen gezwungen werden, da die Viererkette eng steht und die Doppelsechs relativ weit aufrückt, aber auch schnell nach hinten umschaltet. Ein weiterer Faktor dürfte das psychologische Motiv sein: einerseits möchte man die vermeintliche Schwachstelle, David de Gea, der etwas unter medialem Beschuss steht, testen und andererseits ist man sich bewusst, dass gegen Manchester United jede Chance sitzen muss – diese Denkweise aber sorgt für das Gegenteil, gegen den Meister werden statistisch wohl die meisten Chancen vergeben, während man sich selbst ungemein effizient zeigt. Bereits gegen Arsenal erzielte man viele Tore aus relativ wenig Versuchen, gegen Chelsea rückte man davon nicht ab. Die Londoner hingegen trafen nur einmal aus ihrer Vielzahl an Versuchen, was allerdings neben Torres‘ Chancenverwertung ebenso an David De Gea liegt, der abermals eine gute Leistung zeigte und nun bereits fast 40% der Zahl an Paraden zeigte, die Van der Sar in der vorigen Saison hinlegen musste.

Wie Dynamik zur Kompaktheit zwingt

Ein weiterer taktischer Aspekt dieser Partie, die sich eher auf tiefes Stehen, unterschiedlichste Spielphasen und teilweise ein Mittelfeldgeplänkel dezimieren lässt, ist das kompakte Verteidigen. Die Teams wollten sich nicht im Pressing durch schnelle Kombinationen aushebeln lassen und ließen den Gegner gewähren.

Die Angst vor einem schnellen Gegenstoß, einem präzisen weiten Ball oder einem tödlichen Pass war berechtigt und so agierte man relativ tief. André Villas-Boas wollte daraus das beste machen und ließ abermals Meireles auf der Sechs statt Obi Mikel spielen, wodurch er sich einen Vorteil beim Umschalten erhoffte, was aber nicht ganz aufging.

Generell konnte man allerdings erkennen, dass bei solchen Spielphilosophien Frank Lampard und John Terry etwas Probleme bekommen. Letzterer, da er sich verstärkt um den Spielaufbau kümmern muss, der aufgrund engerer Räume im Mittelfeld schwerer wird, ersterer, weil seine Rolle als Zielspieler bei kompakter Verteidigung nicht mehr umsetzbar ist und er viel von seiner größten Stärker, der Torgefährlichkeit, verliert. Beide sind natürlich nachwievor herausragende Spieler, doch man muss sehen, inwiefern sie ihre veränderten Rollen annehmen können und annehmen wollen.

Fazit

In einem sehr wechselhaften Spiel konnte Manchester United dank ihrer Effizienz und der taktischen Raffinesse Fergusons wieder einmal ein Topspiel in der heimischen Liga für sich bestreiten. Die Mannschaft Chelseas verlor dieses Spiel knapper, als man beim Ergebnis vermuten würde und befinden sich unter der Regie Villas-Boas‘ auf einem guten Weg zu alter Stärke bei neuer Spielphilosophie. Wenn sie weiterhin kleine Schritte in Richtung eines dynamischeren und fluideren Fußballs machen, werden sie in Zukunft eine der Mannschaften sein, die zu den Topfavoriten auf den europäischen Thron gehört, doch bis dahin ist es noch ein langer Weg.

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