Schalke 04 – Bayern München 0:2

Es schien fast so, als ginge es in diesem Spiel nur um Manuel Neuer. Dabei stand er sportlich gesehen fast überhaupt nicht im Blickpunkt. Schalke hielt mit einem interessanten Defensivkonzept einige Zeit dagegen, hatte aber letztlich keine Chance, die Niederlage zu verhindern.

Nach dem recht lockeren Sieg unter der Woche in Villarreal kamen die Bayern mit noch mehr Selbstvertrauen in die Gelsenkirchener Arena. Boateng bildete wieder neben Badstuber die Innenverteidigung, Rafinha und Lahm die äußeren Glieder der Viererkette. Neben Schweinsteiger kam diesmal auf der Sechs wieder Gustavo zum Einsatz, wurde aber nach ca. 40 Minuten aufgrund einer Verletzung gegen Tymoschchuk ausgetauscht, was die Ausrichtung aber nur marginal veränderte und wieder stärker auf die linke Seite fokussierte. Überhaupt aber waren Verletzungen ein Problem der Münchener, denn neben Robben fiel auch Gomez aus, so dass Petersen hinter der unveränderten Offensivreihe die einzige Spitze war.

Auf der Gegenseite reagierte Rangnick auf den Gegner mit der Aufstellung von Kluge für Marica, besonders aber mit der Anpassung der taktischen Ausrichtung. Vor der Abwehrreihe formierten sich mit jenem Kluge, Papadopoulos und dem etwas asymmetrischen Holtby drei Mittelfeldspieler, vor diesen wiederum agierten Farfan, Raúl und Huntelaar.

Das Schalker System

Interessant war allerdings die asymmetrische Positionierung der Akteure. Wie bereits erwähnt stand Holtby in vertikaler wie horizontaler Entfernung ein bisschen versetzt von den anderen beiden Mittelfeldspielern, während vorne Farfan auf der einen Seite eine recht freie Interpretation eines Außenstürmers abgab, Raúl sich aber deutlich zentraler aufhielt und um Huntelaar herum spielte.

Ob 4-3-3, asymmetrisches 4-4-2, 4-3-1-2 oder gar 4-3-2-1 – der entscheidende Punkt war, dass die Ausrichtung und Ordnung zu der gewählten Strategie im Hinblick auf die konkrete Verteidigungsarbeit passte.

Asymmetrische Konzentration mit asymmetrischer Konzentration kontern

Dabei setzten die Knappen an einer Eigenheit des Bayern-Spiels an, die in letzter Zeit maßgebenden Anteil an ihrem Erfolg hatte – die asymmetrische Konzentration auf einen bestimmten Spielbereich. Anders als noch unter van Gaal müssen bei Heynckes im Offensivspiel nicht mehr alle Positionen zwangsweise besetzt sein.

Stattdessen will man Überzahlsituationen schaffen, indem bspw. die Außenspieler (Ribéry) das Zentrum fluten oder ein zentraler Spieler (Schweinsteiger) auf die Außen driftet und dort unterstützt. Dadurch bespielen die Bayern allerdings häufig nicht den ganzen Platz, sondern konzentrieren sich eben auf einen bestimmten Bereich. Die Schwachstelle dieser Taktik offenbart sich, wenn der Gegner darauf in gleicher Weise reagiert, was die Schalker in diesem Spiel ersonnen hatten.

Aufgrund der Ausrichtung stand man als Block sehr eng und machte das Zentrum dicht, um dann im Spielaufbau die Bayern nach außen zu leiten und dort in ihrer eigenen asymmetrischen Ballung einzuengen und einen Spieler zu isolieren.

Die doppelte 4-3-Stellung

Bayerns enge Spielanlage (besonders offensiv) und Schalkes extremes Verschieben

Für dieses Ziel bediente man sich in der Grundformation der sicheren 4-3-Stellung mit (diesmal mehr oder weniger) drei Akteuren vor der Abwehr. So gelang das extreme blockartige Verschieben auf die Spielanlage des Gegners effektiver.

War der Ball auf außen, rückte üblicherweise der ballnahe Außenverteidiger heraus, während seine Abwehrkollegen dahinter versetzt absicherten. Doch was berechtigterweise nach alltäglichem Standard klingt, entwickelte sich bei genauerem Hinsehen fast schon zu einem 3-4-3, was innerhalb der Verschiebemechanismen entstand und somit eine zusätzliche 4-3-Stellung generierte – nur weiter vorne.

Der Außenspieler war somit sehr eingeengt, seine Wege nach hinten wurden durch die drei Offensivspieler abgedeckt, von denen häufig zwei das Mittelfeld verdichteten, während der andere den Rückweg blockieren oder situativ einen bestimmten Pass provozieren sollte.

Folglich musste Bayern häufig zweimal gegen die Defensiv-Geometrie von „Fußballprofessor“ Rangnick angehen und konnten sich in der ersten Halbzeit auch nicht die großen Torchancen herausspielen.

Räume für Bayern

Schalke litt aber immer häufiger an dem Problem, dass die offensiven drei Spieler zu einfach zu überspielen und so zu häufig vor dem Ball waren. Damit wurde das Isolieren sowie das Einengen viel weniger praktikabel und damit auch ineffektiver – meistens führte es auch dazu, dass die Bayern zu viele Räume bekamen.

Generell war man durch das extreme Verschieben für Seitenwechsel und Spielverlagerungen auf den freien Außenverteidiger anfällig. Dies war man insbesondere im Raum hinter den drei Offensivakteuren oder für Konter gegen den auf links spielenden oder ins Zentrum ziehenden Ribéry.

So eine Szene brauchte es auch für die Münchener Führung Mitte der ersten Halbzeit, als Petersen nach einem famosen Ribéry-Solo-Sprint fast noch die große Möglichkeit weggeworfen hätte. Zugegebenermaßen war es allerdings ein Freistoß, bei dem sich die Gelsenkirchener auskontern ließen, und keine Situation, die aus dem offenen Spiel heraus entstand.

Zweite Halbzeit

Nach dem Wechsel änderte sich am Bild wenig – grundsätzlich dominierten die Bayern, spielten aber nicht immer konsequent nach vorne, sondern zeigten auch die eine oder andere leicht brotlose Ballstafette. Zwischendurch streute man immer wieder Konter ein, während die Schalker nach vorne weiterhin keine Gefahr entwickelten. Sie spielten  wenigen Konterszenen nach Ballgewinnen häufig schlecht zu Ende. Ansonsten mangelte an Ideen, wie man die Offensivkräfte in Szene setzen sollte, die allerdings – wenn einmal in Ballbesitz – auch den einen oder anderen schönen spielerischen Ansatz boten. Dennoch war es bezeichnend, dass die beiden besten Chancen durch Huntelaar aus einem schlimmen Ribéry-Fehler sowie einem langen Einwurf resultierten.

Beide stammten allerdings aus dem ersten Durchgang, denn nach dem Wechsel war die Überlegenheit der Bayern immer deutlicher spürbar, was sich in mehr Offensivaktionen ihrerseits, aber weniger für Schalke äußerte. Nach der Einwechslung Draxlers mutierte Schalkes System mehr und mehr zum bisher bekannten 4-1-3-2. So erhöhte sich die Wichtigkeit des Rückwärtspressing, was die Offensivspieler aber erneut nicht leisten konnten, so dass man die Bayern förmlich einlud.

Auch wenn die Königsblauen sich bisher fitnesstechnisch auf gutem Niveau gezeigt hatte, konnte man dieses Niveau gerade nach dem Spiel am Donnerstag in Cluj inklusive Heimfahrt in der zweiten Halbzeit nicht halten. Es gab schon einige Male Stimmen, die den häufigen Einbruch von Rangnick-Teams in der Rückrunde (Hoffenheim) mit der Fitness in Zusammenhang brachten. Hier zahlte man nach nicht unähnlichem Muster die Zeche für den aufwendigen Stil der ersten Halbzeit, welcher besondere Dynamik im Verschieben erforderte. So lief man insgesamt nur einen Kilometer mehr als die Bayern, alleine in der Kategorie Intensive Läufe allerdings über einen Kilometer mehr.

Fazit

Die Theorie hinter der Schalker Gegentaktik zu den Bayern war wirklich schlüssig, doch letztlich fehlte es an Kraft und konsequenter einheitlicher Umsetzung, weshalb man zu oft zu viele Räume preisgab. Den Bayern genügte dies zu einem entspannten Sieg. Im zweiten Abschnitt hatte man dann keine Chance mehr gegen die Münchener und viele fragen sich nun, wie man sie schlagen kann.

Ein enges Zentrum, Verschieben und Isolieren sowie die Anpassung an die asymmetrische Konzentration sind sicher ein interessanter und sinnvoller Weg, aber es braucht dafür sehr disziplinierte Spieler, die den Anforderungen mental, körperlich und geistig gewachsen sind.

Mit einem Zustellen der Passwege auf Schweinsteiger durch einen Offensivspieler würde man dem Bayern-Spiel zudem einiges an Qualität rauben, gleichzeitig die Außenverteidiger nach vorne locken und so noch mehr Raum für Gegenstöße haben, was Farfan heute nicht gut genug ausnutzen konnte, ebenso wenig wie der wohl deshalb später gebrachte Pukki.

Kalunder 21. September 2011 um 12:41

Das ist die bisher beste Fußball- Website, die ich gefunden habe.
So viel Mühe wie Ihr gibt sich sonst keiner.

Antworten

Jojo 21. September 2011 um 12:55

Das ganze wird wohl finanzielln ix abwerfen, dennoch die beste deutschsprachige Taktikanalyse und auch beeindruckend schnell,als Beispiel diese hier, bei Bayern-Schalke, so eine tiefergehende Analyse noch am Abend nach dem Spiel. Top.

Antworten

Hans- Jürgen Hesse 20. September 2011 um 01:58

Klasse Komentar!
Super Spielanalyse! Anders als bei T-Online, Kicker.de oder anderen,…- macht man
sich hier die Mühe, ein Spiel mal neutral richtig zu analysieren!!!
Klasse, Jungs…….weiter so!!!!

Antworten

44² 19. September 2011 um 17:56

Wieder n schöner Artikel.

Interessanterweise hat Magath letzte Saison im Pokal ja sehr ähnlich spielen lassen. 4-3-2-1, mit Flügellizenz für Farfan. Denkbar, dass Rangnick da bei seinem verschmähten Vorgänger abgeschaut hat.

Kann man vielleicht als Fortschritt der Bayern werten, dass sie das Spiel diesmal besser gestalten konnten.

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