Hamburger SV – Borussia Mönchengladbach 0:1

Ausgerechnet gegen die Gladbacher Borussia musste der Krisenverein aus Hamburg antreten. Der HSV war furchtbar in die Saison gestartet und es wurde viel Kritik an Trainer Oenning laut, während Lucien Favre sich in Gladbach weiterhin ein eigenes Denkmal zu errichten scheint. Unter zwei völlig unterschiedlichen Voraussetzungen der beiden Teams entwickelte sich ein knappes Fußballspiel.

Wechselwirkung der Formationen

Grundformationen zu Beginn

Die Hamburger traten mit einem verkappten 4-2-3-1-System an, in welchem Petric die vorderste Anspielstation darstellte. Hinter ihm agierten Skjelbred auf dem rechten und Jansen auf dem linken Flügel, während Jarolim einen quasi-Spielmacher hätte bilden sollen. Unterstützt wurde er von der Doppelsechs bestehend aus Rincon und Tesche, die vor Rajkovic und Westermann antraten. Auf den Außenbahnen kamen wieder einmal Aogo und Mancienne zum Einsatz, insbesondere letzterer hatte sich eigentlich mit seiner schlechten Leistung im letzten Spiel disqualifiziert, wurde aber trotzdem aufgeboten.

Die Gäste traten in ihrem klassischen 4-4-1-1 an, wobei eines ins Auge fiel: Die Rolle von Marco Reus. Der Flügelflitzer begann als Halbstürmer und agierte hinter de Camargo, was hätte bezwecken sollen, dass er sich auf beiden Seiten ins Offensivspiel einbinden könnte. Dies scheiterte allerdings großteils daran, dass Herrmann auf rechts ebenso wenig wie die Außenverteidiger die nötige Unterstützung in der Offensive brachte, während Reus sich im Zentrum nicht ganz so wohlfühlte wie auf den Seiten. Favre korrigierte diesen Fehler jedoch später und er wurde nicht bestraft. Auf links kam wie erwartet Arango zum Einsatz, im Zentrum begann Marx neben Neustädter. Die Viererkette blieb unverändert und auch im Tor spielte man erwartungsgemäß mit Jungstar ter Stegen.

Von Beginn an zeigte sich die Marschroute in diesem Spiel: Hamburg war spielüberlegen, während Gladbach den Raum kontrollierte. Dadurch setzte man die Gastgeber unter Druck, vor heimischem Publikum das Spiel machen zu wollen und zu müssen, während man selbst versuchte, möglichst schnell zu kontern. Durch die sehr engen Viererketten im Mittelfeld gelang dieses Abblocken der Hamburger Angriffe sehr gut, doch im Offensivgang zeigte man sich in der ersten Halbzeit nicht so effektiv wie bislang in dieser Saison.

Zwar wurde der Ball wie gewöhnlich sehr schnell nach der Ballannahme verarbeitet und weitergespielt, doch dieses dynamische Spiel war zu horizontal und gezwungen, dadurch konnte sich Hamburg an die numerisch ohnehin unterlegenen Gladbacher Angriffe gut anpassen und sie unterbinden. In der zweiten Halbzeit spielten die Gäste allerdings viel geradliniger nach vorne und konnten sich einige Chancen erspielen, der 1:0-Sieg war somit sogar etwas zu wenig für die Überlegenheit der Gladbacher. Einige Male konnte man sich vor das Tor Drobnys kombinieren, doch den Siegtreffer erzielte de Camargo per Kopf, als Arango einen Freistoß aus der Distanz gefährlich in den Strafraum hob.

Das Problem der Hamburger

Wieso die Hamburger dieses Spiel verloren, war der gleiche Grund wie so oft in den letzten Wochen. Fehlende Dynamik, Kreativität und eine Mannschaft, der es an Synergien und gegenseitiger spielerischer Befruchtung fehlt, man sieht kaum Kombinationen und gefährliche Aktionen, was auch auf das Wirken Oennings zurückzuführen ist.

Ein kapitaler Fehler in diesem Spiel war die Aufstellung Jarolims als Spielmacher und Petric alleine an vorderster Front, was absolut konträr zu einem erfolgreichen Matchplan ist. Mit Jarolim im Zentrum fehlte es an Fantasie und Handlungsschnelligkeit beim Umschalten, was gegen laufstarke und defensiv gut organisierte Gladbacher fatal ist. Petric im Sturmzentrum verschlimmerte das Problem, da er sich instinktiv fallen ließ, um im Spielaufbau zu helfen, aber mit dem defensiven Zentrum und den sehr breit agierenden Außen fehlte es dann an Anspielstationen in der Offensive, womit Hamburg sich selbst jeglicher gefährlicher Offensivbemühungen beraubte.

Die Rolle ter Stegens

Ein weiterer wichtiger Punkt, wieso Gladbach so spielen kann, wie sie es zurzeit tun, ist ihr junger Torhüter. Marc-Andre Ter Stegen ist nicht nur ein toller Torhüter auf der Linie mit guter Beinarbeit, sondern unglaublich modern und gut mit dem Ball am Fuß. Dies ist für das risikofreie Aufbauspiel der Gladbacher eminent wichtig, da sie ihn immer wieder in den Spielaufbau miteinbinden und dem Spiel dadurch mehr Tiefe verleihen, was dem Gegner Dynamik beim Pressing nimmt.

Ter Stegen kann dann dank seiner starken Technik den Ball gut verarbeiten und auf die Außenverteidiger spielen oder einen Risikoball ins Mittelfeld spielen, was oftmals ein langwieriges Aufbauspiel überbrückt und theoretisch ein hohes Pressing des Gegners aushebelt. Man hat im Zentrum mehr Räume und kann dann mit den körperlich starken De Camargo, Hanke oder Bobadilla den Ball prallen lassen und dynamisch in die Vertikale spielen. Somit ist ter Stegen nicht nur für die Stabilität der Defensive ungemein wichtig, sondern im Offensivspiel sehr nützlich.

Lob an Lucien Favre

Besondere Leistungen verdienen besondere Worte und jene Lucien Favres fallen in diese Kategorie. Seit er die Gladbacher übernahm, spielen sie ganz ausgewechselt und zeigen tolle Partien. Sei es in der Defensive oder in der Offensive, man hat sich in jedem Bereich signifikant verbessert und steht aktuell nicht grundlos in den Top3 der Bundesliga. Sehr wenig Zeit pro Ballkontakt sorgt für schnelles Spiel, doch im Gegensatz zu viele anderen Mannschaften wird nicht zwingend nach vorne gespielt, sondern der Ball auch in den hinteren Reihen laufen gelassen oder das Spielgeschehen auf eine bestimmte Seite verlagert.

Mit zwei sehr kompakten und defensivstarken Viererketten lässt man kaum Chancen zu und der aktuell wohl stärkste Bundesligatorhüter ter Stegen zeigt sich bislang fehlerlos, wie ein Routinier dirigiert er seine Abwehr, agiert wie ein moderner Torhüter und beeindruckt immer wieder durch tolle Paraden. Im Offensivspiel brilliert Reus zusammen mit Arango, während die Innenverteidigung unglaublich souverän spielt und das defensive Mittelfeld eine herausragende Disziplin und Athletik besitzt, insbesondere der junge Neustädter spielt einen abgeklärten Part und ist eine der Überraschungen der noch jungen Saison. Neben seiner Spielintelligenz ist er auch im Bereich der Laufstärke ungemein gut, liegt sogar noch über dem Durchschnitt der generell sehr laufstarken Gladbacher Mannschaft.

Natürlich verdient nicht nur Favre die Lorbeeren für diese Entwicklungen, sondern die Spieler ebenso, doch dass sich hier zwei gesucht und gefunden haben, kann nicht übersehen werden. Das gesamte Umfeld wirkt in sich stimmig und lernt voneinander, macht man so weiter, geht man geradewegs auf eine helle Zukunft zu.

Fazit

In keinem hochklassigen, aber taktisch doch sehenswerten Spiel konnte Gladbach einen weiteren Erfolg verbuchen und der Lauf von Favres Mannschaft geht weiter. Hamburg hingegen konnte sich nicht aus der Krise schießen und die taktischen sowie individuellen Probleme kann man nicht bestreiten.

Jannik 21. September 2011 um 17:49

Die Bemerkungen zu ter Stegen finde ich sehr wertvoll! Auf jeden Fall könnten sich das all die Notengeber dieser Republik mal zu Herzen nehmen, die zu einer 3,5 greifen, weil der Junge einfach unterbeschäftigt war und nicht acht Bälle aus dem Winkel fischen musste. Im Aufbauspiel agiert Gladbach im Grunde mit einer Fünferkette. Man schreibt und sagt ja immer so leicht, ein Torhüter sei der elfte Feldspieler. Aber ich bin mir sicher, dass die Verteidiger ter Stegen im Aufbau auch als solchen wahrnehmen.

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hertizworld 18. September 2011 um 15:05

Finde nicht das Jaro als Spielmacher gespielt hat! So hab ich’s gesehn:

mMn haben wir in der Verteidigung 4-5-1 gespielt, wobei die Kette sehr beweglich war und wir relativ hoch gepresst haben ein Grund in HZ 1 warum Gladbach kein Spiel entwickeln konnte. Funktionierte später wegen Lücken zw IV und 6ern nicht mehr so gut raum in dem Reus dann kombinieren konnte

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und offensiv bleib Jansen immer links, aber Jaro war kein echter Winger/auch kein Spielmacher, eher wichen PCS und auch Mladen oft auf den rechten Flügel aus und es wurde zum 4-3-3,es lief viel über links vor allem weil MM offensiv nicht komplett durchstartete, da hast du recht, aber auch war die Unterstützung durch Skjelbredt und Mladen schlecht.

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-DA——–RT————MM
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UND aber auch weil Jansen nicht nach innen rücken kann auf die 10er Pos, und somit Überzahl für ein gepflegtes Kurzpassspiel(was leider auch immer durch Fehlpässe durch Jaro oder Rincon unterbrochen wurde) aufziehen konnte.

———MP————PCS
DA—–MJ————–MM
—TR———-DJ———-

Auf der anderen Seite klappte das aus der Grundaufstellung allein ja schon besser…

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Nach der Einwechslung von Töre/Son fehlte die Geschlossenheit die noch mit Skjel und Jansen da war. Töre konnte im GGs zu Jansen, der 3-4 Durchbrüche links hatte und unbedrängt auf die Tribühne flankte, einen Ball rein spielen. Es war zuviel Platz vor allem zwischen IV und 6er wo Reus dann kombinieren konnte.
Mit der Hereinnahme von Berg gabs ein 4-4-2 das nach und nach auseinanderfiel. Son war als ROM dann total überfordert und hatte schlimme ballverluste, die Tesche eine gelbe Karte einbrachte und uns immer wieder gefährlich Angriffe über die Seite.

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RM 18. September 2011 um 15:19

Absolute Zustimmung. Ich schrieb deswegen „verkapptes 4-5-1“, da Jarolim – ob gewollt oder nicht – tiefer agierte und kaum spielgestalterische Aufgaben übernahm, aber nominell meiner bescheidenen Meinung nach auf der Position eines Spielmachers agierte. Wie man der Grafik entnehmen kann, habe ich Skjelbred einen Pfeil ins Zentrum gezeichnet, da er oftmals einrückte, während Petric wie erwähnt sehr fluid und hängend agierte.

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hertizworld 18. September 2011 um 22:09

Skjel war auch laut MOe/Trainingsberichten nominell 10er. Jaro verkappter RM. nur eher halbrechts. Den rechten Flügel mussten dann Skjel und Petric mit Mancienne bearbeiten. Vielmehr ging es aber auch darum gerade innerhalb HZ1 BMG nicht ins Spiel kommen zu lassen und mit nem konzentrierten Zentrum das schnelle Aufbauspiel von BMG zu stören und die Räume zu besetzen. Jaros Aufbauspiel von halbrechts kam durch das langsame Passspiel nicht zu Stande. immer wieder gabs beim Kurzpassspiel einfache Fehler. D.h. das Spiel musste und sollte wohl auch über den anfälligeren jantschke laufen. Leider hat Jansen dort diverse gute Möglichkeiten für gute Flanken liegen lassen. Oenning hatte von Beginn an wohl vor Töre und Son später reinzubringen, da die noch angeschlagen waren. Sie übernahmen positionsgetreu für Jansen und Skjelbredt. Töre machte links kurz Wind nach dem Gegentor und mit der Einwechslung von Berg für Jaro hatten wir mit Son nen echten Flügel und 2 Stürmer. Vor allem rechts ging die Ordnung verloren…

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