AC Mailand – Lazio Rom 2:2

Im Eröffnungsspiel der Serie A empfing der Meister aus Mailand den Traditionsverein Lazio Rom. Die Römer hatten sich unter anderem mit Miroslav Klose verstärkt und wollten den AC Mailand bereits im ersten Spiel ärgern – und schafften dies auch.

Wechselwirkung der jeweiligen Formationen

Grundformationen der beiden Teams zu Spielbeginn

Der Meister trat mit seinem typischen System an, einer Viererkette mit Raute und zwei Stürmern davor. Ganz vorne agierte zwar Ibrahimovic, aber dieser ließ sich oft fallen und wechselte sich mit dem etwas hängender spielenden Cassano immer wieder ab. Gennaro Gattuso war eigentlich als Abräumer und nominell im Zentrum aufgestellt, doch er spielte sehr hoch und war überall aktiv, so kam er sogar öfters statt Ambrosini über die (halb)rechte Seite. Dieses risikoreiche Wechselspielchen und die offensive Dynamik Gattusos sorgten dafür, dass Abate sich auffallend passiv im Vorwärtsgang zeigte und seine Mitspieler selten mit Vorstößen unterstützte. Antonini auf der anderen Seite hingegen tat dies nahezu ununterbrochen, was an seinem Vordermann lag. Aquilani spielte auf der Position im halblinken Mittelfeld, doch er zog zumeist ins Zentrum und beteiligte sich am Aufbauspiel und fungierte als Spielmacher im letzten Drittel. Dadurch verwaiste die Außenbahn und Antonini füllte dieses Loch. Generell zeigte Aquilani sich sehr oft als der Spielmacher bei Mailand und agierte fast auf der Position einer klassischen Zehn: er zeigte viel Offensivdrang und nahezu jeder Pass war ein versuchter tödlicher. In der Innenverteidigung kamen Thiago und Nesta vor dem Torhüter Abbiati zum Einsatz.

Lazio agierte in einem ähnlichen System, doch statt eines 4-1-2-1-2 war die Raute leicht zu einem 4-3-1-2 abgeändert worden. Mauri im halbrechten und Ledesma im halblinken Mittelfeld spielten auf der gleichen Höhe wie der Sechser dazwischen, Brocchi. Einzig Hernanes spielte vorgezogen, da er sich sowohl um den tödlichen Pass als auch den Abschluss hätte kümmern sollen, während die drei hinter ihm sich die spielgestalterischen Aufgaben teilten, wobei Brocchi vielmehr mit Schüssen aus der zweiten Reihe auffiel. Im Sturm agierte mit Djibril Cisse und Miroslav Klose ein sehr erfahrenes, klassisches Sturmduo. Während Cisse sich im vordersten Drittel aufhielt, suchte Klose die Lücken im Raum um ihn herum, sei es auf der Seite oder hinter ihm Richtung Mittelfeld. Manchmal öffnete Cisse bewusst den Raum in der Mitte, damit Klose als vorderste Anspielstation fungieren konnte. Unterstützt wurden die Offensivspieler von den offensivorientierten Außenverteidigern Zauri auf links und Konko auf rechts, wobei letzterer deutlich zielstrebiger in seinen Aktionen war. Zwischen ihnen agierten Biava als rechter und Dias als linker Innenverteidiger, ersterer schaltete sich aber oft ins Aufbauspiel im Mittelfeld ein und rückte aus der Viererkette hinaus, um Gegenangriffe vorzeitig unterbinden zu können.

Von Beginn entwickelte sich ein unterhaltsames Spiel in beide Richtungen, was hauptsächlich am langsamen Umschalten beider Teams nach Ballverlust war. Dies sorgte dafür, dass das gegnerische Mittelfeld problemlos weit aufrücken konnte und immer viel Raum fand, da fast nie Pressing von Gegenspielern befürchtet werden musste. Das 0:1 für Lazio fiel, als Milan gerade aufgerückt war und Torwart Bizarri einen langen Ball auf Mauri spielte, welcher ihn umgehend weiterleitete. Klose nahm den Ball an, überlistete Nesta mit toller Ballkontrolle und verwandelte alleinstehend vor dem Torhüter.

Das Spiel an sich veränderte sich nicht durch diesen Treffer, es gab weiterhin wenig Pressing im Mittelfeld und Boateng wurde aus dem Spiel genommen – von seiner eigenen Mannschaft. Da sich Ibrahimovic zurückfallen ließ, Cassano sich in Ballnähe als Anspielstation anbot und man im Mittelfeld mit einer Raute spielte, war das Zentrum völlig überladen und der Nationalspieler Ghanas konnte keine Impulse setzen. In der 19. Minute musste Gattuso ausgewechselt werden, statt ihm kam Van Bommel ins Spiel. Eine kleine taktische Änderung war die Folge, denn Ambrosini rutschte nun vollends ins halbrechte Mittelfeld, was dafür sorgte, dass Boateng sich vermehrt auf rechts aufhielt, da Abate seine defensive Spielweise nicht veränderte, während Ambrosini effektiven Offensivdrang vermissen ließ. Dadurch, dass es nun ein deutliches Loch im Mittelfeld gab und Aquilani sehr offensiv spielte, hatte Mauri nur wenige Minuten später extrem viel Platz und Zeit, um eine Halbfeldflanke maßgenau auf Cisses Kopf zu bringen – das 0:2 für die Römer.

Abermals zeigte sich neben der fehlenden Kommunikation und Aggressivität im Mittelfeld ein weiteres Problem: die Härte in der Innenverteidigung bei Milan, welche sich zu zaghaft Cisse und zuvor Klose in den Weg gestellt hatte. Milan versuchte mit vielen weiten Bällen und tödlichen Pässen den Defensivverbund Lazios zu knacken, doch mehr als Abseits (sieben zu Null sollte es in dieser Statistik zu Spielende stehen) kamen einige Zeit nicht heraus. Fast schon ironisch war das 1:2, als einer von Aquilanis Pässen die Abseitsfalle bei ihrer Entstehung aushebelte und Cassano nur noch auf Ibrahimovic querlegen musste. In der 33. Minute nach einer Ecke dann der Ausgleichstreffer, welcher Milan neuen Mut gab, denn nun lag das Momentum auf ihrer Seite.

In der Halbzeit korrigierte Allegri seine Fehler und ließ Abate offensiver agieren. Lazio fand nur noch selten aus der eigenen Hälfte, da sie über rechts mehr Druck ausgesetzt waren, während das Zentrum ähnlich kompakt blieb. Eine weitere Ursache war, dass Milan in der zweiten Halbzeit ohne Ball mit einer flachen Vier im Mittelfeld agierte, was Lazios Passwege auf die Außenverteidiger abschnitt und Hernanes aus dem Spielgeschehen nahm. Ibrahimovic ließ sich nicht mehr so oft fallen und Boateng teilte sich mit Cassano das letzte Drittel des Spielfelds auf. Alles in allem viele kleine Veränderungen, die das Spielgeschehen jedoch von Grund auf veränderten. Lazio versuchte zu reagieren und mit einem Tannenbaum wollte man mehr Präsenz im Mittelfeld erzwingen, deshalb wurde Klose ausgewechselt. Einen großen Effekt brachte es nicht und auch die versuchte 4-1-4-1-Defensivformation, damit man früher presste, verpuffte angesichts der Spielfeldbreite, welche Milan dank ihrer Außenverteidiger nun hatte und der technischen Stärke einiger Akteure (Thiago Silva, Ibrahimovic, Cassano und auch der eingewechselte Mark Van Bommel zeigte sich sehr ballsicher).

Milan erspielte sich ein Übergewicht, man hatte 60% Ballbesitz und mit 18 Schüssen hatte man sechs mehr als der Gegner, ein Tor wollte allerdings nicht mehr fallen, da man die tief in die eigene Hälfte getriebene Viererkette der Römer nicht überwinden konnte. Ein positiver Nebeneffekt der spielerischen Überlegenheit war allerdings, dass man das Mittelfeld Lazios vom Angriff trennen konnte und somit nur noch durch ein paar wenige Distanzschüsse in Gefahr geriet.

Die Rolle Ibrahimovics und ihre Konsequenzen

Auffällig war es, dass Ibrahimovic sich in der ersten Halbzeit sehr oft zurückfallen ließ und versuchte, das Spiel zu machen. Eigentlich eine sehr gute Idee, doch es gab zwei Probleme. Einerseits gab es mit Aquilani, Boateng und Cassano schon einige Spielmacher im Zentrum, andererseits hielt Ibrahimovic den Ball viel zu lange, um dann einen risikoreichen Traumpass zu versuchen.

Als in der zweiten Halbzeit Van Bommel die Spielgestaltung von hinten heraus übernahm, während Cassano sich für den vorderen Bereich kümmerte, wurde das Spiel viel rhythmischer und einfacher. Ibrahimovic sah den Ball zwar nicht mehr so oft, weil er sich vorne als Prellbock aufreiben musste, doch die gesamte übrige Mannschaft profitierte davon. Die Innenverteidiger Lazios mussten ihn zusammen decken, was insbesondere den antizipativen Ausflügen Biavas einen Strich durch die Rechnung machte. Das Zentrum war nun nicht mehr so überfüllt, weder von eigenen noch von gegnerischen Spielern und Milan konnte sich leichter im Offensivspiel orientieren. Dies war auch die Ursache, wieso Lazio mit einem 4-1-4-1 in der Defensive bzw. einem nominellen Tannenbaum wehren wollte, doch Van Bommel ließ sich einfach zwischen die eigene Innenverteidigung fallen, um dort mehr Raum zu haben. Dies schaltete die gegnerische Viererreihe aus, da sie sich nicht trauten, offensiver zu agieren und nach vorne zu rücken. Es ist schwierig zu sagen, ob dies besser gewesen wäre – man hätte zwar gewinnen, aber ebenso verlieren können und ein Punkt bei einem Auswärtsspiel beim Meister sollte man wohl lieber doch nicht riskieren.

Fazit

Ein sehr unterhaltsames Spiel in der ersten Halbzeit, welches von taktischen Geniestreichen ebenso wie Fehlern derselben Art gekennzeichnet war. Massimo Allegri veränderte seine Mannschaft und lernte aus seinen Fehlern, doch das Spiel schlief etwas ein, da Lazio nicht mehr nach vorne spielen konnte und es scheinbar auch nicht wollte, während der Meister etwas bei der Kreativität haperte. Milan wurde spielstärker, aber fand keinen Weg an der gegnerischen Abwehr vorbei und eine fulminante Anfangsphase wurde von einer etwas trägen zweiten Halbzeit abgelöst.

firedo 10. September 2011 um 11:57

Schöner Artikel mal wieder.
Aber ich finde man sollte es bei den formationen nicht auf die Spitze treiben. Ein 4-1-2-1-2 ist für mich ein 4-4-2 mit Raute. Mehr als 4 Zahlen brauchen Formationsangaben meiner Meinung nach einfach nicht.

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RM 10. September 2011 um 12:01

Das wurde dieses Mal nur benutzt, um den Unterschied zwischen den beiden Rauten zu zeigen, normalerweise würde ich es auch nicht so exakt ausdrücken.

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