Das moderne System AZ Alkmaar

Das Weiterkommen in der Europa League gegen FK Aalesund war nicht das Besondere – vielmehr beeindruckte AZ Alkmaar beim 6:0 durch die taktische Ausrichtung.

Bereits seit Sommer 2010 wird die Mannschaft von Gertjan Verbeek trainiert, welcher ihr einen klaren Plan gegeben hat. Die Grundausrichtung orientiert sich an der erfolgreichen letzten Spielzeit, wurde aber für diese Saison ein wenig modifiziert, was man in diesem Spiel ebenfalls erkennen konnte wie die geringfügigen gegnerspezifischen und personellen Anpassungen.

Wie funktioniert AZ?

Grundsystem AZ Alkmaar, angelehnt an das Spiel gegen Aalesund: Statt Altidore können Gudmunsson oder Boymans spielen. Auf rechts kann Beerens durch den inversen Winger Benshop ersetzt werden

Das nominelle 4-3-3/4-2-3-1-System wird von Trainer Verbeek sehr offensiv interpretiert. Das bedeutet, dass fast immer ein Verteidiger aus der Viererkette im eigenen Angriffsspiel weit nach vorne aufrückt, während seine drei Partner eine temporäre Dreierabwehr kreieren. Der Vorteil dieser Maßnahme besteht darin, durch den Vorstoß eines Verteidigers einen zusätzlichen Mittelfeldspieler und somit eine Überzahl und eine Dominanz in diesem zentralen Bereich zu schaffen, während man hinten weiterhin mit drei Spielern absichert.

Das Besondere bei AZ ist, dass sie neuerdings sogar alle Varianten vereinen, um das 4-3-3/3-4-3-Switch-System zu erzeugen: Während bspw. früher beim FC Barcelona fast immer Dani Alves den Vorwärtsgang einlegte und von seinem Linksverteidiger Abidal abgesichert wurde, kann bei AZ jeder Verteidiger ins Mittelfeld vorstoßen, gegebenenfalls sogar zwei, dann sichert Elm aus dem Mittelfeld ab.

So kann man viele verschiedene Formationen und Strukturen im Mittelfeld aufbauen, was das eigene Spiel deutlich unberechenbarer macht.

Am häufigsten stoßen jedoch die beiden Außenverteidiger nach vorne. Grundsätzlich gilt hier, dass bei einem Angriff über die rechte Seite Marcellis mit aufrückt, während Poulsen mit nach vorne geht, wenn über seine Seite gespielt wird.

In dem Spiel gegen Aalesund konnte man aber gut beobachten, dass die Verteilung der Vorstöße an das Personal angepasst wurde. Weil auf der rechten Seite mit Beerens diesmal ein richtigfüßiger und eher klassischer Flügelmann zum Einsatz kam und auch Wernbloom häufig auf die Seite verschob, waren hier die Vorstöße des Außenverteidigers nicht so benötigt wie auf links, wo mit Holman ein inverser Winger agierte, der zudem noch mit Martens rochierte und kombinierte und deshalb die Verantwortung, Breite zu erzeugen, Poulsen zufiel.

AZ Alkmaar bei Ballbesitz: Szenario A (in Gelb jeweils der aufgerückte Verteidiger)

Aus diesem Grund war gegen Aalesund Szenario A die Regel: Poulsen und Beerens sorgten für Breite, womit die gegnerische Abwehrkette auseinandergezogen wurde und Holman nach innen ziehen durfte. In der Dreierreihe, die gegen den allein gelassenen und isolierten Okoronkwo eine feste Absicherung darstellte, verfügte man über drei technisch versierte Spieler, die zusammen mit Elm problemlos den Spielaufbau schultern konnten. Rasmus Elm konnte mit einigen schönen Spielverlagerungen sein vorzügliches Passspiel in der Rolle des deeplying-playmaker demonstrieren.

Sein Partner Wernbloom spielte horizontal und verschob auf die Seiten, besonders rechts bot er sich oft an, um Beerens zu unterstützen. Somit öffnete man – wie beim zweiten Tor gegen Aalesund – im Zentrum weiteren Raum für Maarten Martens, der quasi alle Freiheiten hatte und zusammen mit Holman der kreativste Spieler war.

AZ Alkmaar bei Ballbesitz: Szenario B

Würde der Ball von Viergever auf die andere Seite verlagert, so würde man sich wie in Szenario B dargestellt positionieren, wenn auch dies heute aufgrund der etwas modifizierten Formation nicht unbedingt notwendig war. So blieb man häufig bei Variante A, denn so musste nur die Mannschaft als Einheit sich umpositionieren und nicht die einzelnen Spieler, wie man es normalerweise machen würde.

In jenem Fall würde zwar auch die Grundstruktur erhalten bleiben, nur seitenverkehrt, doch die Positionen wären anders besetzt, was für Zuordnungsprobleme beim Gegner sorgen würde. Desweiteren wären aufgrund des asymmetrischen Mittelfeldes doch feine Unterschiede in der Aufteilung entstanden, welche möglicherweise denselben Effekt hätten.

Dank der spielstarken Innenverteidigung – Moisander ist ein Schüler Louis van Gaals und gilt in Finnland als der neue Sami Hyppiä, während auch der junge Viergever schon bewiesen hat, wie stark er mit den Ball am Fuß ist – war auch immer wieder zu sehen, wie einer von ihnen sich ins Mittelfeld vorschob und beide Außenverteidiger hinten blieben (Szenario C). In diesem Fall ging die Breite ein wenig verloren, doch dafür konnte man in vertikaler Richtung schneller spielen – das perfekte Beispiel war das 3:0 gegen Aalesund, als Moisander nach vorne ging und als freier Mann im Mittelfeld mit einem Doppelpass die Vorarbeit zur Vorarbeit leistete.

AZ Alkmaar bei Ballbesitz: Szenarien C und D

Dass es auch eine vierte Variante mit zwei aufrückenden Verteidigern im Konzept von AZ gibt (Szenario D), ist dann nicht mehr verwunderlich – auch angesichts der Spielertypen. Rasmus Elm spielt gerne eher tief, um Zeit und Raum für seine Seitenwechsel und seine Ballverteilung zu haben, und kann somit recht problemlos sich fallen lassen, um wieder eine Dreierreihe zu formieren – ähnlich wie es schon verschiedene defensive oder zentrale Mittelfeldspieler gemacht haben bzw. machen, sei es nun Busquets, Schweinsteiger, Sahin oder Julian Schuster beim SC Freiburg.

Spiel gegen Aalesund: Taktische Vorteile

Auch wenn sie im Hinspiel noch knapp gewonnen hatten – im Rückspiel hatten die Norweger gegen das fluide und ausgeklügelte Konstrukt AZs keine Chance. Auf die immer neuen Formationen, Anordnungen, Aufbauvarianten und Passwege konnten sie sich nicht einstellen und kamen am Ende unter die Räder.

AZ Alkmaar - FK Aalesund 6:0

Zwar konnte man in den Anfangsminuten noch gut dagegen halten, aber man wackelte mehr und mehr. Eine gute Chance für die Hausherren konnte nur auf Kosten einer Ecke geklärt werden – hier ließ man Wernbloom sträflich frei, welcher sich bedankte und mit einem wuchtigen Kopfstoß die Führung besorgte.

Die Intention der Norweger, in einem kompakten und defensiven 5-4-1 den knappen Vorsprung zu verteidigen, war so schon nach nur sieben Minuten dahin. Interessant war, wie dieses defensive System alles andere als Stabilität brachte. Wenn ihre Schwachstellen aufgedeckt werden, ist eine derartige „Mauerformation“ auf einmal brüchig und genau darauf zielten Verbeeks Anpassungen ebenfalls ab.

Man spielte – besonders in Variante A, aber auch in D – konstant breit, aber nicht nur, um den Gegner auseinander zu ziehen, sondern auch, um die Schwachstellen der Fünferkette Aalesunds offen zu legen. Dank jener konstanten Breite durften die gegnerischen Außenspieler die Seiten auf keinen Fall verwaisen lassen, konnten so aber den ins Zentrum driftenden Holman nicht halten, der dort alle Freiheiten vorfand.

Dank Holman und des vorstoßenden Verteidigers konnte AZ den mit nur zwei zentralen Mittelfeldspielern agierenden Gegner in dieser Zone komplett überrennen: Elm hatte keinen Gegenspieler und alle Zeit der Welt, um die Bälle zu verteilen, und dann kam man entweder über die Außen oder nutzte die Überzahl in der Mitte, wovon besonders Martens und Holman profitierten.

Martens und Holman

Wie die beiden stärksten Offensiv-Individualisten zusammenarbeiteten, verdient einer besonderen Beobachtung. Nicht nur, dass sie aufgrund ihrer schematischen Nähe gut rochieren konnten – so konnten sie auch immer wieder kombinieren und sich miteinander verbinden.

Wenn die Dynamik, Athletik, Spielintelligenz und Passkreativität von Martens gepaart mit der Schnelligkeit, Explosivität und dem Raumauge von Holman zusammen auf der linken Seite oder gemeinsam im Zentrum auftauchte, stolperte die heillos überforderte Aalesund-Hintermannschaft von einer Verlegenheit in die nächste.

Dies allein anzuschauen, war schon ein Genuss, doch die Pärchenbildung ging noch weiter, bis auf die Ebene der off-the-ball-runs, auf der man auf bestimmte Laufmuster zurückgriff, um Räume für den jeweils anderen zu schaffen.

Martens kann aus dem Zentrum nach außen oder hinten ausweichen, um Holman Raum zu öffnen, wenn er den Weg nach innen sucht. Nach einer Rochade kann man dies umgekehrt machen, wobei Holman in diesem Fall fast immer vom Zentrum nach links gehen würde, während Martens nicht unbedingt von links, sondern gerne auch aus der Tiefe vorstößt.

Aalesund versuchte in der zweiten Halbzeit, AZ mit einem 4-5-1 und somit durch ein kompakteres Zentrum beizukommen – immerhin konnte man so Alkmaars Offensivstärke etwas eindämmen.

Fazit

AZ zog die richtigen Schlüsse aus dem Hinspiel, als man den Gegner nicht ganz ernst nahm und Aggressivität vermissen ließ. So ließ man Aalesund im Rückspiel keine Chance, offensiv spielte man klasse, die Defensive arbeitete ohne Nachlässigkeiten.

AZ Alkmaar: Defensivstellung, gegnerischer Ballbesitz

Diesbezüglich kann noch gesagt werden, dass man im Spiel ohne Ball eine gewöhnliche Formation einnimmt – man formiert sich zumeist im 4-2-3-1, attackiert an der Mittellinie oder auch schon früher und will den Gegner nach außen lenken – nicht unähnlich der Defensivarbeit des FC Bayern, wie man zum Beispiel in der Partie in Zürich erkennen konnte.

Das fluide und offensive 4-3-3/3-4-3-Hybridsystem passt perfekt zur holländischen Identität, der Identität von Trainer Gertjan Verbeek und der Identität, die AZ Alkmaar seit den Jahren unter Co Adriaanse und Louis van Gaal kennzeichnet, sowie dem Charakter der Spieler, die alle gut ausgebildet und spielerisch für das System geeignet sind.

Man nutzt das Feld in Breite und Tiefe gut aus und lässt immer einen Verteidiger mit nach vorne stoßen, während die anderen drei absichern – doch dies kann immer jemand anderes sein, was einen großen Teil zur Variabilität und Flexibilität des Konstrukts beiträgt.

Sowohl über die Flügel als auch durch die Mitte ist man gleich gefährlich, außerdem streuen die Defensivspieler immer mal wieder einen langen Ball auf die Außenbahnen oder Zielspieler Altidore ein.

Neben der guten Raumaufteilung und der Mittelfelddominanz dank der offensiven Verteidiger sticht vor allem das Tandem Martens-Holman heraus. Auch diesmal zeigten beide wieder ein exzellentes Spiel. Gerade Martens ist ein weitläufig unterschätzter Spieler, der mehr verdient hätte als 9 Länderspiele für die belgische Auswahl.

Wenn sich AZ Alkmaar so weiterentwickelt, wird mit ihnen diese Saison bestimmt zu rechnen sein. Letztes Jahr wurden sie bereits Vierter in den Niederlanden und auch dieses Jahr ist der Start geglückt – mit 6 Punkten aus drei Spielen, doch mit PSV und Twente spielte man schon gegen zwei von drei Titelfavoriten. Auch international sollte bei etwas Losglück der Achtelfinaleinzug durchaus möglich sein.

AZ Alkmaar 2011/12 – eine junge, offensive, moderne und hochinteressante Mannschaft.

j4g0 26. August 2011 um 14:06

Danke für diese wirklich sehr gelungene Analyse. Ich habe jedoch das Spiel nicht gesehen und ein kleines Verständnisproblem:

„Man spielte – besonders in Variante A, aber auch in D – konstant breit, aber nicht nur, um den Gegner auseinander zu ziehen, sondern auch, um die Schwachstellen der Fünferkette Aalesunds offen zu legen. Dank jener konstanten Breite durften die gegnerischen Außenspieler die Seiten auf keinen Fall verwaisen lassen, konnten so aber den ins Zentrum driftenden Holman nicht halten, der dort alle Freiheiten vorfand.“

Hätte die 5er Kette hier nicht eben einer 4er Kette überlegen sein sollen?

Antworten

TR 26. August 2011 um 15:42

Das Problem lag nur indirekt in der Fünferkette. Für die AV hätte es nicht den großen Unterschied gemacht – sowohl in einer Vierer- als auch in einer Fünferkette hätte sie die außen nicht frei machen dürfen. Doch der Effekt schlägt dann auf das Mittelfeld über. Man konnte Holman nicht hinterher gehen, aber weil man eben einen Spieler mehr in der Abwehr hatte, fehlte dieser im Mittelfeld und Holman stellte dort Überzahl her.
Wenn der RV die Anweisung gehabt hätte, Holman zu folgen, hätte man Poulsen die Flanke offen gelassen oder mit Barrantes hätte der einzig gefährliche Supportspieler für Okoronkwo sehr defensiv spielen müssen, so dass man hinten gar nicht mehr raus gekommen wäre, was man sich aufgrund des frühen Rückstandes aber nicht leisten konnte.

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