Rubin Kazan – Olympique Lyon 1:1

Olympique Lyon reichte ein Remis bei Rubin Kazan für den Einzug in die Gruppenphase der Champions League.

Die Franzosen brachten im Vergleich zum letzten Ligaspiel einige Neue, traten gegenüber dem Hinspiel aber personell unverändert in einem asymmetrischen 4-4-1-1 an, während Rubin Kazan für Kuzmin, den gesperrten Bocchetti und Kasaev drei neue Spieler in Person von Nemov, Kisliak und Lebedenko brachte und ein 3-4-3 wählte.

Rubin ist eigentlich eine Mannschaft, die sich über eine kompakte und stabile Defensive und schnelles Umschalten sowie Tempogegenstöße definiert, was aber angesichts eines 1:3-Rückstandes aus dem Hinspiel heute nicht praktikabel war.

Man musste selbst das Spiel machen – doch dies ist nicht das Spiel, das der Mannschaft liegt – und auch deshalb kam man gegen ein tief stehendes Lyon in der  ersten Halbzeit trotz 61 % Ballbesitz zu keinem Schuss auf das Tor von Lloris.

Rubin nutzt Räume im Mittelfeld nicht

Dies war aus russischer Sicht umso ärgerlicher, als dass man den Vorteil der eigenen Formation nicht nutzte. Weil die Wing-Backs so offensiv agierten, drängte man die Flügelspieler der Lyonnais so weit zurück, dass diese häufig quasi mit einer Sechserkette verteidigten. Dadurch ergaben sich allerdings riesige Räume im Mittelfeld – die Rubin einfach ignorierte.

Nachdem man den Ball zur Angriffsvorbereitung in der hintersten Reihe hatte zirkulieren lassen, schlug man entweder sofort einen langen, hohen Ball, der allerdings ohne geeignete Abnehmer – Mittelstürmer Dyadyun war der einzige großgewachsene Akteur, glänzt aber eher durch Athletik als durch Kopfballstärke und Härte – nur durch Zufälle oder individuelle Fehler hätte gefährlich werden können.

Oder man wollte über die außen kommen und Flanken schlagen: Diese Taktik funktionierte schon besser, weil die ballfernen Spieler immer gut einrückten – allerdings aus ähnlichen Gründen wie bei den langen Bällen nicht gut genug.

Rubin über rechts, Nemov am Ball: Positionierungen der einzelnen Spieler. Gökdeniz und der horizontal verschiebende Noboa bieten je eine Anspielstation, Natcho sichert den Raum im Zentrum, Kaleshin den linken Halbraum, Dyadyun erhält Unterstützung vom ballfernen Flügelstürmer Lebedenko. Die beiden gehen auf den ersten und zweiten Pfosten, können auch kreuzen, aus dem Hinterhalt kommt Kisliak dazu.

Auch wenn die Ausführung recht geschickt war, gab es vorher zunächst ein weiteres Problem, denn man musste den Ball erst einmal auf außen nach vorne tragen. Die Wing-Backs waren hier die Schlüsselspieler, doch Lyon versuchte, sich dagegen aufzulehnen und im Spielaufbau in einem asymmetrischen, elliptischen 4-3-3 den Weg auf die außen zu versperren.

Weil Bastos viel seltener so tief stand wie Briand auf der anderen Seite, konnte hier dieses Pressing häufiger und effektiver genutzt werden, so dass Rubin über rechts seltener nach vorne kam. Doch es gab auch noch zwei weitere Gründe dafür:

Lisandro und Kaleshin – zwei Schlüsselspieler

Interessanterweise wurde Superstar und Kapitän Lisandro Lopéz bei Lyon für die „Drecksarbeit“ be- und genötigt. Nominell als hängende Spitze eines 4-4-1-1, tendierte er zunächst auf die linke Seite, so dass er sowohl den Passweg zum defensiven Mittelfeld als auch auf die Außen im Auge behalten konnte – und somit die linke französische Defensivseite noch besser geschützt war.

Im Laufe des Spiels wurde seine Rolle aber immer klarer: Er agierte als Unterstützungsspieler, der in der Defensive überall dort half, wo er gerade benötigt wurde – was auch gut funktionierte, da der Argentinier ausdauernd, für einen Offensivmann defensiv- und durchaus kampfstark ist.

Bei einem Ballgewinn war er dann allerdings häufig weit weg vom Tor und seine Mitspieler mussten ihn erst suchen und konnten nicht auf bekannte Laufmuster zurückgreifen, was mit Zeitverlust und wiederkehrender Ordnung bei Kazan einher ging. Also ließ man ihn auch im Offensivspiel die gleiche Rolle ausfüllen – man nutzte Gomis als Zielspieler oder schickte Bastos über außen, während Lisandro versuchen würde, rechtzeitig hin zu kommen und als Kombinationspartner zu helfen.

Doch auch wenn Lyon, indem Lisandro zu Beginn des gegnerischen Spielaufbaus noch neben Gomis stand, ihren Gegnern vorzugaukeln versuchte, dass man mit zwei Stürmern verteidige und das Aufrücken eines Innenverteidigers daher zu riskant sei, wurde Vitali Kaleshin zu einem Schlüsselspieler auf der Gegenseite.

Immer wieder nutzte er die Räume im linken Halbfeld, in die er sich mit oder ohne Ball aus der Innenverteidigung vorschob. Der häufig selbst als Wing-Back oder Außenverteidiger eingesetzte Kaleshin konnte so die linke Seite um Kisliak mit seinem guten Aufbauspiel unterstützen und trug zur Vormachtstellung auf dieser Flanke bei.

Logisches 0:0 zur Pause

Der einzige Schuss auf das Tor war ein Fernschuss von Maxime Gonalons, nachdem ihm ein Abpraller vor die Füße gesprungen war.

Weil Lyon sehr tief stand, das Spiel eben deshalb und wegen der langen Bälle sich nicht überwiegend im Mittelfeldbereich abspielte und einige dieser Bälle auch durchaus Gefahr und Tempo versprühten, war die Partie aber recht unterhaltsam, obwohl konkrete Chancen wie Torabschlüsse eben fast gänzlich fehlten.

Rubin hätte dieses logische 0:0 wirklich ernsthaft gefährden können, wenn man die Räume im Mittelfeld – insbesondere zwischen Lyons zentralem Mittelfeld und der Abwehrreihe – ausgenutzt hätte. Die beste Lösung wäre gewesen, wenn sich abwechselnd einer der Außenstürmer in diesen Raum bewegt hätte – in vorderster Front standen sowieso viele Spieler einfach aufgereiht, aber nur unzureichend gestaffelt, aber auf diesem Wege hätte man jenes Problem auflösen, mehr Dreiecke bilden und auch das gute Passspiel von Noboa für den Vertikalpass zwischen den Linien nutzen können.

Einmal kam es zu solch einer Szene: Nur auf Kosten eines Fouls und eines Freistoßes in aussichtsreicher Position konnte Lyon die Großchance für Rubin verhindern. Es war der Beweis für die Effektivität dieses Mittels – doch angewendet wurde es sonst nicht.

Zweite Halbzeit

Die einzige Veränderung im Vergleich zum ersten Durchgang war zunächst, dass bei Rubin die äußeren Innenverteidiger Kaleshin und Kverkelia nun die Seiten getauscht hatten. Damit wollte man durch die konstruktiven Offensivqualitäten Kaleshins auch die rechte Seite mit einbeziehen und dominieren, was aber nur bedingt gelang.

Bald wurde auffällig, dass Lyon nun gewillt war, selbst mehr mitzuspielen und nicht bloß auf Konter zu warten. Hatte man im ersten Durchgang nur 39 % vom Ball gehabt, gestaltete sich dies nach dem Wechsel deutlich ausgeglichener – Lyons Anteil betrug im zweiten Durchgang 48 %.

Man ließ den Ball ruhig laufen und profitierte hier davon, dass Rubin nicht früh attackierte bzw. nicht früh attackieren konnte, wenn man ihren üblichen Spielstil bedenkt. Das zentrale Mittelfeld stand sehr tief und sicherte ab, einen Konter würde man sich so nur über außen fangen können, doch wenn bei Lyon jeweils beide Außenspieler nach vorne gingen, musste Rubin viele Spieler weit zurückholen – aufgrund der Wechselwirkung der Formationen verteidigte Kazan  6 „angreifende“ Gegner mit 9 eigenen Spielern und hatte damit einen weiten Weg bis zum gegnerischen Tor und Lyon Zeit, sich zu formieren.

Doch gänzlich sicher sein durfte Lyon sich nicht – Kazan nutzte gelegentlich den Raum zwischen den Linien und kombinierte nun besser. Als Lisandro bei einem Konter im Duell mit dem Keeper scheiterte, konterte Rubin zurück und hatte Zeit auf außen, Dyadyun konnte sich einmal durchsetzen, traf per Kopf aber nur die Latte (68.).

Martins macht es spannend

Das Momentum schien nun zu kippen und Rubins Trainer läutete die Schlussoffensive ein – Medvedev sollte frischen Wind auf den Flügeln und mehr Torgefahr bringen, während der Ex-Wolfsburger Obafemi Martins Dyadyun ersetzte.

Der Nigerianer misst zwar nur 1,70 m, doch aufgrund seiner Robustheit, Kampfkraft und Überlegtheit bildete er – und das ließ er in seiner Wolfsburger Zeit ebenfalls aufblitzen – ein gutes Ziel für Flanken und lange Bälle.

Nach nur wenigen Minuten folgte der Beweis, als er einen langen Ball geschickt auf den nachstoßenden Medvedev ablegte, der per Dropkick am starken Lloris scheiterte. In der nächsten Szene fand sich der nun als klassischer 10er mit allen Freiheiten agierende Noboa zu frei nahe des 16ers, seine Flanke konnte abermals Martins auf einen abermals nachstoßenden Spieler verwandeln und dieser Spieler – Natcho – brachte per Volley Hoffnung ins Stadion zu Kazan (77.).

Man warf nun alles nach vorne – doch statt des im weiten Rund erhofften 2:0 kam Lyon kurz vor Ende noch zum Ausgleich, als Innenverteidiger Koné nach einem Eckball einköpfte.

Fazit

Trotz einer Steigerung in Halbzeit 2 muss man festhalten, dass Kazan das Spiel im Hinspiel sowie im ersten Durchgang verloren hat. Besonders die großen Räume im Mittelfeld wurden missachtet.

Lyon verteidigte zwar in und um den eigenen Strafraum gut, darf solche Fehler in der Champions League aber nicht wiederholen.

Die intelligenten Wechsel von Trainer Berdyev, dem taktisch eigentlich kein wirklicher Vorwurf zu machen ist, hätten Rubin fast doch noch das CL-Ticket beschert, so geht es in die Europa League.

Statistiken von uefa.com

HW 25. August 2011 um 10:14

Gute Analyse. (ich muss meine Kollegen mal öffentlich loben)

Ich habe etwas eine Stunde vom Frauenfußball Spiel Potsdam – HSV gesehen und die spielen wie Rubin auch ein 3-4-3. Was mir dabei gleich auffällt ist, wie unterschiedlich Formationen ausgelegt werden können.
Gerade bei einem 3-4-3 besteht die Gefahr auf eine 5er Abwehrkette zurück gedrängt zu werden, besonders wenn der Gegner spielerisch gut und gewillt ist.
Lyon war wohl sehr passiv, der HSV bei den Frauen war auch keine Offenbarung das Kombinationsfußballs (was auch am Kräfteverhältnis im Frauenfußball liegt).

Aber um mal auf Turbine und das 3-4-3 zu sprechen zu kommen. Der Vorteil des 3-4-3 ist, dass die Spieler für den Aufbau gut verteilt sind. Drei Verteidiger können das Spiel auf verschiedenste Art aufbauen (an der Außenbahn, mit diagonalen Pässen oder durch die Mitte), ohne die Abwehr verschieben zu müssen.
Von den Wingbacks (oder je nach Auslegung einfach äußere Mittelfeldspieler) wird viel Kondition erwartet, aber das ist ja mittlerweise auch bei Außenverteidigern so.
Mit drei Stürmern kann man eigentlich auch gut Pressing spielen, auch da braucht man nicht viel aus dem Mittelfeld nach vorne verschieben o.Ä..
Der Vorteil dieses Systems ist also, dass man für einen Spielaufbau und für Pressing die Grundformation nur wenig verändern muss. (Nebenbei, die Potsdammer Stürmerinnen sind großartig, was Positionswechsel betrifft.)

Kazan legt das 3-4-3 aber anscheinend ganz anders aus als ich es eben beschrieben habe, nämlich als Kontertaktik (mit der Defensivformation 5-4-1?).

Du hast ganz richtig beschrieben, dass man mit dem 3-4-3 das Spiel machen kann. Aber man muss eben entweder das flache Mittelfeldzentrum bei Bedarf staffeln oder Stürmer aus der vordersten Reihe mal fallen lassen.

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