Manchester United – Tottenham 3:0

Das Spitzenspiel der Premier League fand am Montag statt, als Meister Manchester United die Mannschaft der Tottenham Hotspur empfing.

Während die Red Devils an ihre gute Leistung und den Sieg von letzter Woche anknüpfen wollten, hatten die Spurs ihre Saisonpremiere beim Meister, da sie letzte Woche aufgrund der Randale kein Spiel an der White Hart Lane abhalten konnten. Dennoch zeigte die Mannschaft aus London bei ihrem Saisondebüt eine sehr interessante Vorstellung und konnte lange Zeit mit dem englischen Meister mithalten.

Wechselwirkung der jeweiligen Formationen

Grundformationen

Auffällig waren die ähnlichen Systeme der beiden Teams. Die Spurs ersetzten mit Niko Kranjcar ihren Starspieler Luka Modric und agierten in einem 4-4-1-1-System. Vorne hatte man mit dem agilen Defoe einen beweglichen Stürmer, der Raum für den schuss- und abschlussstarken Van der Vaart öffnen sollte. Mit Lennon und Bale auf den Flügeln wollte man das kreative Loch, welches mit dem Fehlen Modrics einherging, mit Dynamik und schnellem Umschaltspiel füllen. Rechts in der Abwehr bekam Walker den Vorzug vor Corluka und links agierte Assou-Ekotto, während Kaboul und Dawson die Innenverteidigung bildeten. Für manche überraschend bekam der Neuzugang Brad Friedel, ein 40jähriger US-Amerikaner, im Tor den Vorzug vor Gomes. Hierbei muss aber gesagt werden, dass die Spurs ein absolutes Schnäppchen gemacht haben und obgleich Brad Friedel eher ein Torwart der Kategorie Reaktionstorhüter ist, so ist er trotzdem von vielen unterschätzt und gehörte in den letzten Jahren zu den konstantesten und besten Torhüter der Premier League, obwohl er natürlich nie die Creme de la Creme in Europa verkörperte.

Manchester United trat wieder mit seinem 4-2-4-0/4-2-3-1-Hybriden an, doch Welbeck agierte nicht mehr ganz so tief und sorgte für eine etwas deutlichere Aufteilung, insbesondere in Hälfte zwei, wo sich der kombinationsstarke und lauffreudige Wayne Rooney immer wieder fallen ließ, während Welbeck durch off-the-ball-runs versuchte, die Innenverteidiger aus der Tiefe zu locken. Auf den Flügeln begannen Nani und Young, die beide diese Position sowohl invers als auch klassisch interpretierten und dadurch für wenig Ausrechenbarkeit sorgten. Zusammen mit dem omnipräsenten Rooney und dem beweglichen Welbeck versuchte Ferguson das Kreativloch seiner Mannschaft mit einem taktisch komplexen System zu füllen, welches von der Doppelacht Cleverley und Anderson noch unterstützt wurde. Beide Spieler agierten auf einer Höhe und schlossen sich in der Offensive dem Sturmquartett an, doch Cleverley zeigte sich etwas zurückhaltender und übernahm etwas mehr spielgestalterische Aufgaben als sein Partner – ähnlich wie Livermore auf der anderen Seite.

In der Abwehr ersetzten Evans und Jones das verletzte Stammduo Vidic und Ferdinand, während auf links Evra statt Fabio ins Team rückte. Smalling auf rechts agierte sehr nahe an Bale und ließ ihn kaum wenden, was dafür sorgte, dass er selten seine Tempoläufe anbringen konnte. Jones auf halbrechts sicherte ihn dabei ab.

Sehr interessant war in diesem Spiel der schematische Vergleich beider Teams. Sie agierten zwar recht ähnlich und eröffneten ähnliche Schwächen (zu viel Raum zwischen den Linien), doch es gab einen großen Unterschied zwischen den beiden Mannschaften: Manchester United spielte viel höher und setzte den Gegner unter Druck, während Tottenham tief stand und sich vorne auf das Sturmduo Defoe-Van der Vaart sowie die Außenspieler Bale-Lennon verließ. Unterstützung von den jeweiligen Außenverteidigern und dem zentralen Mittelfeld war zwar vorhanden, aber ineffektiv und man kam nur zu Chancen, weil die Klasse der einzelnen Offensivspieler sehr hoch ist. Ein Lob muss man hier allerdings auch an Sir Alex vergeben, der seine beiden Innenverteidiger tief spielen ließ und das ohnehin fast unvermeidbare Loch zu den defensiven Mittelfeldspieler in noch größerer Ausführung in Kauf nahm. Dies hatte jedoch den Vorteil, dass Jones und Evans sich nicht von den schnelleren und erfahreneren Gegenspielern überlaufen ließen und sich auf ihre Zweikampfstärke vor dem Strafraum konzentrieren konnten – ein Erfolg für Sir Alex, man spielte zu Null und Tottenham musste öfters von außerhalb des Sechzehners zum Abschluss kommen. Ganz anders hingegen Manchester United, deren drei Tore alle innerhalb des Strafraums erzielt wurden und die zu einigen Großchancen kamen.

Beide Mannschaften befanden sich in der ersten Halbzeit auf Augenhöhe und erst als Danny Welbeck nach einer Flanke den Ball ins Tor befördern konnte, kam die spielerische Überlegenheit Manchester Uniteds zu Vorschein. Man hatte mehr vom Ball und setzte mit Andersons und Rooneys Toren noch zwei nach und konnte einen souveränen 3:0-Sieg für sich verbuchen.

Die Offensivformation von Manchester United

Bereits letzte Saison wurden Forderungen seitens der Fans von Manchester United nach einem Kreativspieler im Mittelfeld laut, da Scholes und Giggs ihre besten Jahre hinter sich haben. Diese Saison hat Paul Scholes, einer der besten Passgeber aller Zeiten, seine Schuhe endgültig an den Nagel gehängt und viele Medienvertreter vermeldeten die Verpflichtung Wesley Sneijders oder Luka Modrics schon als hochwahrscheinlich, doch Sir Alex hat sich etwas neues einfallen lassen.

Mit einer extrem jungen Truppe (Durchschnittsalter von 23 Jahren) verbuchte man ein zu-Null-Spiel gegen den letztjährigen Tabellenfünften, man hatte mehr vom Ball (53% Ballbesitz), spielte ein Spiel mit sehr wenig Fouls (insgesamt nur 22, davon 13 auf Seiten ManUtds) und zwang den gegnerischen Torhüter mit 28 Torversuchen zu einer Glanzleistung. Neben den qualitativ wie quantitativ starken Defensivspielern und den vielen Talenten um den zentralen Mittelfeldspieler Cleverley ist auch die Offensive aller Ehren wert.

Mit Chicharito und Berbatov opferte Ferguson sowohl den effizientesten als auch den effektivsten Stürmer der letzten Saison und brachte Welbeck als Stammspieler im zentralen Offensivbereich. Der Grund dafür ist, dass Berbatov die Dynamik und Ausdauer und Hernandez das Kombinationsspiel und die Bindung zum Spiel fehlt, während Welbeck trotz oftmaliger Nervosität und Unauffälligkeit sehr gut am Spiel teilnimmt und taktisch Raum für seine Mitspieler öffnet. Zusammen mit dem laufstarken Rooney bringt man so sehr viel Unordnung in die Defensivreihe des Gegners, deren Löcher dann von den brandgefährlichen Nani und Young ausgenutzt werden können. Falls dies nicht gelingt, können beide Flügelspieler ebenso zur Grundlinie ziehen und den Ball in den Rücken der Abwehr spielen oder flanken, was weitere Möglichkeiten für die Offensive eröffnet. Ob Welbeck weiter in seine Rolle hineinwachsen wird oder ob er seine Nervosität ablegen kann, wird über seine wie auch Manchesters Zukunft entscheiden, doch die Chancen stehen gut.

Alles in allem gehört diese Offensive zum flexibelsten, was man in Europa finden kann und es erinnert an die siegreiche CL-Truppe Manchester Uniteds von 2008, in welcher Saison man oftmals mit einem revolutionären 4-6-0 agierte.

Fazit

Ein schönes Spiel für alle Zuschauer, beide Teams gaben sich trotz einer gewissen Kreativlosigkeit im Mittelfeld viel Mühe, um ein spielerisch gutes Spiel hinzulegen und großteils gelang es auch.

Alle Tore, insbesondere das zweite, als Welbeck herausragend mit der Hacke ablegt, zeigten die Vorteile der flexiblen und variantenreichen Offensive von Manchester und man gewann gegen solide Londoner verdient.

Die Spurs müssen unbedingt Modric wieder in ihr Team holen, welcher sich aufgrund des Transferhickhacks um seine Person eine Pause nahm, oder einen starken Ersatz für ihn kaufen. Generell haben sie jedoch ein gutes Team und falls man noch eine Alternative für das Sturmzentrum findet, ist mit ihnen im Kampf um die Top Vier zu rechnen.

44² 25. August 2011 um 15:43

Wollte eigentlich auch eine Analyse schreiben, aber die hätte mit der hier wohl zu 90% übereingestimmt. Volle Zustimmung in allen Punkten also.

Die Perspektive der ESPN-Grafiken find ich übrigens so ätzend…sinnlos pseudo-verschönert, fern jeglicher Pragmatik. Vor ’nem Jahr waren die viel besser. Auch fürchterlich, dass man die Ersatzspieler nich ausblenden kann bei den Durchschnittspositonen. (Was keine Kritik an der Verwendung der Grafiken sein soll. 😉 )

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