Chelsea – West Bromwich 2:1

Am zweiten Spieltag dieser Premier-League-Saison durften die Fans der Blues an der Stamford Bridge endlich ihren neuen Trainer André Villas-Boas im heimischen Stadion begrüßen.

West Bromwich unter Roy Hodgson wollte diesen Einstand natürlich etwas weniger erfreulich gestalten und waren nach der knappen Niederlage gegen Manchester United letzte Woche hochmotiviert, endlich einen Favoriten zu ärgern.

Wechselwirkung der jeweiligen Formationen

Grundformationen

Bei Chelsea veränderte sich wenig. Man agierte mit einem 4-3-3-System, allerdings kam für Stammtorhüter Cech Hilario ins Spiel, während vorne Anelka statt Malouda von Beginn an spielen durfte.

Damit veränderte sich allerdings die Ausrichtung der einzelnen Positionen, welche schematisch gleich blieben, jedoch andere Aufgabenbereiche bekamen. Anelka agierte als inverser Winger, was Kalou etwas nach rechts verschob und für eine bei Villas-Boas typische Asymmetrie sorgte.

Da nun mit Kalou und Anelka zwei gelernte Stürmer neben Torres agierten, spielte Frank Lampard nicht mehr so offensiv wie im letzten Spiel, sondern konzentrierte sich etwas stärker auf den Spielaufbau. Fernando Torres vorne blieb somit die einzige Konstante, er hatte ähnliche Laufwege und rochierte immer wieder aus dem Sturmzentrum auf die Außenpositionen, um entweder Löcher zu füllen oder sich der gegnerischen Deckung zu entziehen.

Bei West Bromwich konnte man ebenfalls geringfügige Anpassungen beobachten.

Die Flügelspieler Brunt und Morrison tauschten hin und wieder ihre Positionen und agierten etwas zentraler als noch im letzten Spiel, was mit dem numerisch stark besetzten Zentrum des Gegners aus London zu begründen ist. Aufgrund derselben Ursachen hielt sich Scharner offensiv zurück und darauf reagierte Hodgson mit einer anderen Ausrichtung beim Sturmduo. Somen Tchoyi spielte etwas tiefer und überließ Shane Long das Sturmzentrum, wobei sich letzterer immer wieder fallen ließ und sowohl vorne Pressing betrieb, als auch hinten im Spielaufbau zu helfen versuchte.

Eben dieses Pressing sorgte für den ersten Treffer des Spiels, als Long den brasilianischen Innenverteidiger Alex unter Druck setzte und zu einem Fehler zwang. Long gewann das folgende Sprintduell und schloss seine starke Einzelaktion eiskalt zum Führungstreffer ab.

Den Rest des Spiels verteidigte sich West Bromwich in der ersten Halbzeit und Chelsea fand lange Zeit kein Mittel, um den Defensivverbund des Gegners zu knacken. Die Außenverteidiger versuchten sich immer wieder ins Angriffsspiel einzuschalten, doch im Mittelfeld fehlte die Dynamik beim Umschalten und beim Kurzpassspiel, was die Läufe ineffektiv machte. Chelsea zeigte abermals, dass es an Kreativität im letzten Drittel mangelt, ein Problem, welches weder der Zerstörer Mikel noch die box-to-box-midfielder Lampard und Ramires lösen können.

ab Minute 30

Bis zur dreißigsten Minute konnte man ein Mittelfeldgeplänkel beobachten, bei dem Chelsea mehr vom Ball, aber nicht mehr vom Raum hatte und eingespielte Spielzüge wie Automatismen vermissen ließ. Die Einwechslung Maloudas für Kalou, welche für eine Verschiebung des Offensivverbundes sorgte, brachte allerdings etwas frischen Wind ins Spiel. Mit Malouda auf links hatte man mehr Durchschlagskraft als mit Kalou auf rechts und Torres hatte nun rechts neben sich Anelka, was dafür sorgte, dass die beiden abwechselnd die Position im Sturmzentrum besetzten. Ganz ähnlich, wie es Hulk und Falcao bei Porto taten, während Varela die nötige Breite im letzten Drittel gab.

In der zweiten Halbzeit zeigte sich Chelsea etwas verbessert und spätestens ab der Schlussphase war man die eindeutig stärkere Mannschaft, doch trotz des Ausgleichstreffers von Anelka schien es lange Zeit, als ob der Mannschaft von West Bromwich eine Überraschung gelingen könnte. Der Treffer zum 1:1 schien jedoch die taktischen Maßnahmen Villas-Boas‘ bereits im Vorhinein zu bestätigen, denn das Tor fiel fast wie geplant nachdem Anelka von rechts in den Strafraum zog und abschloss.

Bis zur Schlussphase war es nun mehr ein Spiel auf ein Tor und Chelsea scheiterte oftmals mehr an sich selbst, als an der gegnerischen Defensive, doch die Mühe wurde schließlich belohnt.

Der unglaublich aktive Bosingwa, mit 102 versuchten Pässen der präsenteste Spieler am Platz, legte den Ball in die Mitte und Malouda am langen Pfosten musste den Ball nur noch über die Linie schieben.

Am Ende des Spiels konnte Chelsea 24 Torversuche für sich verzeichnen, während der Gegner bei sechs lag.

Die offensive Asymmetrie von Villas-Boas

Wie bereits im letzten Spiel und bei Porto ließ Chelseas Trainer mit einer asymmetrischen offensiven Dreierreihe spielen. Durch Anelka auf links und Kalou auf rechts bzw. später Malouda auf links und Anelka auf rechts hatte immer einer der beiden Außenspieler die Aufgabe, das Spiel breit zu machen und der andere übernahm dafür die Verantwortung für den Bereich in und um den Strafraum.

Diese Asymmetrie zeigte sich in den Statistiken – Rechtsverteidiger Bosingwa hatte deutlich mehr Ballkontakte und versuchte Pässe (102) als Linksverteidiger Ashley Cole (73), da jener bei Malouda weniger hinterlaufen konnte und nicht so oft ins Spiel miteingebunden wurde.

Wichtig für das Funktionieren einer solchen Asymmetrie in der Defensive ist allerdings ein starkes zentrales Mittelfeld, denn man muss die Ausflüge des offensiveren Außenverteidigers absichern – es ist somit wenig verwunderlich, dass der halbrechte zentrale Mittelfeldspieler Ramires die meisten Tackles anbrachte bzw. anbringen musste, nämlich dreizehn. Obi Mikel und Frank Lampard, die sich um die linke Seite kümmerten, hatten zusammen zehn Tacklings, wovon acht auf das Konto von Mikel gingen. Hier muss man allerdings anmerken, dass  Lampard sich in der Defensive stark zurückhielt und viel mehr den Spielmacher im vorderen Drittel gab. Übrigens: bei West Bromwich hatte Shane Long die meisten Tackles, welcher offensiv wie defensiv nicht nur statistisch stärkster Mann bei den Roten war.

Letztlich lässt sich konstatieren, dass die Asymmetrie Villas-Boas‘ eine gewisse defensive Stärke und relativ einfach zu spielende Taktik ist, die offensiv bei den richtigen Spielertypen einiges an Effektivität verspricht und man darf gespannt sein, wie sich dieses taktische Mittel bei Chelsea behaupten wird – ebenso wie es interessant wird, wie man Fernando Torres und Anelka bzw. Drogba zusammen einbauen soll. Der Spanier wirkte mit zunehmender Spielzeit immer schwächer und ließ sich von Anelka auf rechts deutlich in den Schatten stellen – was es mit Kalou auf rechts im ersten Spiel nicht gab.

Fazit

Chelsea begann schwach, spielte in der Schlussphase jedoch guten Angriffsfußball und gewann das Spiel verdient. Mit fast 70% Ballbesitz war man klar überlegen und konnte diese Dominanz mit Ball in der zweiten Halbzeit letztlich in Tore und Raumgewinn münzen.

West Bromwich glaubte lange an eine Überraschung, doch wie letzte Woche unterlag man als Außenseiter knapp und dennoch nicht unverdient.

Roy Hodgson hat einige talentierte Spieler in seinen Reihen und zeigt bislang ähnlich gute Arbeit wie in Fulham, doch das größte Manko seiner Mannschaft dürfte die fehlende Zuteilung im Offensivspiel sein – man macht das Spiel nicht breit und tief genug, vorne stehen sich Shane Long und der taktisch als schwach einzuschätzende Somen Tchoyi auf den Füßen.

Alles in allem muss auch Chelsea sich steigern, wenn man den beiden Teams aus Manchester Angst machen möchte, doch wenn man an die zweite Halbzeit anknüpft und noch die ein oder andere Verpflichtung für den Kreativbereich holen kann, dann ist man absolut titelfähig.

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