Solbakken in Köln – passt das?

Ein kritischer Kommentar zur Berichterstattung über den neuen Köln-Trainer und der deutschen Medienlandschaft im Allgemeinen.

In seiner Ausgabe vom 14. Juni titelte der Kicker über den neuen Köln-Trainer Solbakken: „Passt das?“ Gleichzeitig warf Stephan von Nocks in seinem Artikel die Frage auf, ob der Norweger zum 1. FC Köln mit seinem schwierigen Umfeld passe. Begründet wurde die Befürchtung eines Scheiterns mit dem Scheitern Uwe Rapolders beim FC im Jahr 2005. Dieser war damals laut Kicker vor allem an dem von ihm präferierten Konzeptfußball gescheitert, den er den Kölner Profis nicht recht vermitteln konnte. Ausschlaggebend für Rapolders Scheitern war demnach vor allem der nicht zu Defensivarbeit bereite Podolski, der den Stein mit seinem Ausraster nach einer deftigen 3:6-Pleite gegen Frankfurt ins Rollen gebracht haben soll. Nun wurde in besagtem Artikel diese Problematik auf den „Konzepttrainer“ Solbakken übertragen und in der ähnlichen Spielphilosophie ein vermeintlicher Grund für ein mögliches Scheitern Solbakkens gefunden.

Wer sich etwas genauer mit der Thematik beschäftigt, dürfte einigermaßen verwundert sein, wie oberflächlich Deutschlands größtes Fußballmagazin die Frage nach einem passenden Trainer angeht. Spinnt man dieses Schubladendenken weiter, gibt es neben Konzepttrainern noch die Motivatoren und die alten Hasen, die vornehmlich auf Konditionsarbeit Wert legen.

Gerade das Konditionstraining besitzt in Deutschland einen immensen Stellenwert. Die ersten Berichte aus der Trainingsarbeit Solbakkens stellten durchweg überrascht fest, dass der 43-Jährige statt der obligatorischen drei Einheiten nur zwei absolvieren lässt. Der daraufhin zum „Anti-Magath“ erhobene Solbakken erklärte seine Methode geduldig den verwunderten Pressevertretern. Auch Neu-Kölner Sascha Riether fragte seinen neuen Chef umgehend nach dem geringen Trainingsaufwand. Dass der Trainer seinen Trainingsplan nicht aus einer Laune heraus, sondern ganz offensichtlich mit einem großen Plan erstellt und das kleinere Pensum durchaus sinnvoll ist, leuchtet den meisten Interessierten nach einer ausführlichen Erklärung durch den Coach dann doch ein.

Dieser betont immer wieder seinen „Respekt vor der deutschen Trainerkultur“, grenzt sich aber trotzdem sehr entschieden von den vielen Kollegen ab, die ihre Spieler in der Vorbereitung im Lauftrainingslager oder Kraftzirkeln regelrecht quälen. Das soll jetzt nicht heißen, dass die restlichen deutschen Trainer in ihrer Trainingsarbeit rückständig sind und ihren ausländischen Kollegen nachstehen. Doch ist es auffällig, dass gerade neue Trainer zuerst daran bewertet werden, wie hart, wie lange und wie viel sie in der Vorbereitung trainieren lassen. Auch schließen viele von einer laufintensiven Vorbereitung auf eine bessere Ausdauer, obwohl es inzwischen zweifelsfrei bewiesen ist, dass stures Konditionstraining extrem uneffektiv ist.

Es wird von den Medien außerdem größtenteils ignoriert, dass Trainer wie Thomas Tuchel mit ihrer Konditionsarbeit in intensiven Spielformen – intervallartig angelegt – mindestens genauso gute Ausdauerwerte erzielen. So müssen sich ausländische Trainer immer wieder dieselben Fragen zu ihrer Trainingsarbeit anhören, und auch erfahrene Kollegen wie Louis van Gaal bekamen bei ihrer „Konditionsarbeit mit Ball“ viel Skepsis zu spüren.

In Solbakkens Fall ist es wohl vor allem seinen Erfolgen sowie seinem scheinbar natürlichen Charisma zu verdanken, dass die ansonsten extrem unruhigen Kölner Medien derzeit die Füße still halten. Ein angeblicher Konflikt zwischen Podolski und Solbakken wegen der von diesem noch nicht entschiedenen Kapitänsfrage gerät da schon zum Höhepunkt der Vorbereitung.

Im heutigen Kicker wird diesem Thema ein weiterer ausführlicher Artikel gewidmet. Darin wird die ganze Tragweite der Kapitänsfrage beleuchtet und deren angeblicher Einfluss auf die Spielweise Podolskis. Seine gute Rückrunde wird vor allem mit dem Tragen der Binde in Verbindung gebracht, andere mögliche Faktoren werden nicht einmal in Betracht gezogen.

Anstatt einem neuen Trainer zuzugestehen, sich ein eigenes Bild von den Kaderstrukturen machen zu dürfen, wird auch im Kölner Express und der Bild Podolski als Opfer der offenen Kapitänsfrage dargestellt, das unter der Ungewissheit leidet. Doch wäre es objektiv betrachtet aus Solbakkens Sicht unverantwortlich gewesen, einen Kapitän im Amt zu bestätigen, den er ebenso wenig einschätzen kann wie die sozialen Strukturen innerhalb der Mannschaft.

Trotz dieser Misstöne scheint die große Mehrheit der FC-Fans dem Norweger ihr Vertrauen zu schenken, seine gute (Trainings-)Arbeit wird in Fankreisen registriert und gelobt. So bleibt zu hoffen, dass sich auch die Medienvertreter in Zukunft wieder mit den sportlichen Themen beschäftigen und nicht künstlich Konfliktpotenzial aufzubauen versuchen.

Und so wirft die Debatte um Trainingsumfänge, Konzepttrainer und Kapitänsbinden einige ernsthafte Fragen zum Entwicklungsstand der deutschen Fußballkultur und seiner Medienwelt auf:

Wie kann es sein, dass ein neuer Trainer aufgrund seiner akribischen taktischen Arbeit mit einem Vorgänger verglichen wird, der ganz eindeutig nicht an seiner Spielphilosophie, sondern an zwischenmenschlichen Konflikten scheiterte?

Warum wird die Arbeit eines unbekannten Trainers zuerst anhand der Anzahl an Waldläufen, Kraftzirkeln und Trainingseinheiten bewertet?

Und wie fortschrittlich ist das zuletzt so häufig gelobte Deutschland im Denken seiner Fans, Verantwortlichen und Medienvertretern wirklich?

Amin Negm-Awad 9. August 2011 um 11:18

Solange im Doppelpass – mir wurde nur berichtet, gesehen habe ich es nicht – unwidersprochen davon erzählt werden darf, dass man „sich in Dänemark informiert habe“ und dann von seinen Erfolgen bei „Trondheim“(!) schwadroniert wird, kann man getrost davon ausgehen, dass vorgespiegeltes Wissen ausreicht, um in Deutschland anzukommen. Experte ist da, wer nur glaubhaft genug versichert, Experte zu sein.

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44² 22. Juli 2011 um 13:31

Noch was, zu datschges Kommentar:

„Konfliktfälle sind für das überwiegende Publikum offenkundig lesenswerter als Taktikdiskussionen und aussagekräftige Statistiken“

Da bin ich mir garnicht sicher. Es gibt ja einfach kaum Alternativen, von daher nimmt man, was man kriegt.
Wenn es ’ne weniger oberflächliche Alternative zum Doppelpass gäbe, würde ich da zum Beispiel nicht mehr regelmäßig 2 Stunden lang einschalten nur um die 5 Sätze nicht zu verpassen, wo der Gast mal von sich aus was interessantes von sich gibt.

Kamen nicht zB Klopps Analysen bei EM/WM damals auch sehr gut beim Publikum an?

Und die Sport1 Spieltagsanalyse hält sich ja auch…da die die halbe Sendezeit mit immer wiederkehrenden Abseitsdiskussionen verplempern, stellt sich dabei allerdings die Frage nach dem „obwohl“ oder dem „deshalb“…

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datschge 22. Juli 2011 um 14:59

Das Problem ist der Anspruch. Das es keine Alternativen gäbe, ist Blödsinn, wäre das der Fall könnte es z.B. Spielverlagerung.de als Alternative ja nicht geben. ;o) Du erwähnst es ja selber, Sport1 Doppelpass und Spieltaganalyse gehen prinzipiell eigentlich in die richtige Richtung, das Niveau ist nur nicht sonderlich hoch. Klopp war da eine angenehme Ausnahmeerscheinung: er hat es halt drauf, fundierte Analyse für jeden verständlich aufzubereiten, ohne jemanden damit zu überfordern noch zu langweilen. Solche Leute fehlen in der Presse sonst komplett. Und so lange die fehlen lesen bleibende Leser (ich bin keiner mehr von denen) halt das, was im Sportteil halt so zu lesen gibt. Und die Redakteure denken sich wohl das passe so schon alles so. Anders kann ich mir nicht erklären, wie selbst eine „Fachzeitschrift“ wie Kicker sich mit diesem Niveau abgibt. (Muss da nur an diesen Fremdschämartikel zu der Flügelbesetzung von ManULtd im CL-Finale gegen Barcelona denken.)

Was die Alternativlosigkeit angeht, ich (print)lese und schaue inzwischen kaum mehr was. Im Internet gibt es zu allem fundiertere Quellen als was die deutsche Medienwirtschaft üblicherweise absondert.

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44² 22. Juli 2011 um 17:28

Ja, es gibt eben keine Alternative in Print und TV. Weil die Kloppos halt fehlen.

Was es in den Weiten des Internets alles so zu finden gibt, wissen ja einfach viele nicht. Daher nimmt man, was man kriegt. Jo.

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44² 22. Juli 2011 um 13:20

Guter Kommentar. Immer schön den Finger in die Wunde. 🙂

Kann man Solbakkens Erklärung bzgl der reduzierten Einheitenzahl irgendwo auffinden?

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MB 22. Juli 2011 um 13:39

Er wird in einem Portrait von ihm im Kicker merhfach zitiert und auch in weiteren Artikeln muss er seine Trainingsphilosophie erklären. Findet sich bestimmt etwas im Internet. Die Ausgabe, in der das Portrait erschienen ist, ist die vom 11. 7. 2011.

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datschge 21. Juli 2011 um 23:30

>>So bleibt zu hoffen, dass sich auch die Medienvertreter in Zukunft wieder mit den sportlichen Themen beschäftigen und nicht künstlich Konfliktpotenzial aufzubauen versuchen.<<

Wieder? 😉 Ich muss mich an dieser Stelle als Fan der Sportbericherstattung der Süddeutschen outen; sie nimmt sich außer in Korruptions- und Dopingfällen zumeist selber nicht erst. Davon abgesehen ist die deutsche Sportberichterstattung eher extrem dünn, (konstruierte) Konfliktfälle sind für das überwiegende Publikum offenkundig lesenswerter als Taktikdiskussionen und aussagekräftige Statistiken. Interessant fand ich in diesem Zusammenhang die Meldung, dass Dutt Kritik an Ballack nur unter vier Augen kommunizieren will, da es im Training von der Presse aufgegriffen werden und als Problemfall aufgeblasen würde. Da macht der international gebräuchlichere Ansatz, zumeist von der Öffentlichkeit abgeschotten zu trainieren, schon Sinn für eine generell sportorientiertere Berichterstattung.

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